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  • Beyza Saritas
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  • 26.05.2021

Über Versagen spricht man nicht

Bin ich überhaupt gut genug, um Medizin zu studieren? Eine Frage, die sich viele stellen, über die jedoch nur wenige sprechen.

 

Die meisten Medizinstudierenden plagen im Laufe ihres Studiums irgendwann Zweifel. Das Medizinstudium zählt zu den schwierigsten Studiengängen – und das trotz geringer Durchfallquote. Die Abbruchquote liegt im Mittel der letzten Jahre bei 11 Prozent. Im Vergleich dazu brechen 29 Prozent aller Bachelorstudierenden ihr Studium ab – damit ungefähr drei Mal so oft wie Medizinstudierende. Nicht selten führt diese Tatsache, meist noch in Kombination mit der familiären Erwartung, das Studium erfolgreich abzuschließen, zu einem hohen Druck und meist zu hoher Versagensangst.


Selbstzweifel im Keim ersticken


Bin ich gebildet und klug genug, um Ärztin zu sein? Was ist, wenn ich durch eine Prüfung falle? Darf ich überhaupt Fehler machen? Oft wird suggeriert, dass nur ein Schnitt von 1,0 ausreichend ist, um dem Medizinstudium gewachsen zu sein. Nur 1,0 er geben in vielen Augen die perfekten, im weißen Kittel durch die Flure eilenden Ärzte ab. Ärzte ohne Fehler. Doch warum sollten ein paar Zahlen dich und deine Studierfähigkeit definieren? Du bist mehr wert als ein Bündel aus Zahlen, – daher solltest du Selbstzweifel im Keim ersticken und nicht zulassen, dass die Pflanze Wurzeln schlägt.


Angst vorm Durchfallen: Eine Zecke, die man abschütteln muss


Vielen Medizinstudierenden wird flau im Magen, wenn das Wörtchen „durchfallen“ fällt. Eine Ehrenrunde zu drehen, wird häufig mit Versagen assoziiert. Und plötzlich steckst du in einem Teufelskreis der Gedanken: Wieso schaffe ich es nicht? Wieso schaffen es andere? Ist mein Resultat nur ein Ausdruck dessen, dass ich ungeeignet für das Medizinstudium bin? Gedanken, die sich so hartnäckig wie eine Zecke ins Gehirn bohren, sich nicht leicht wegschieben lassen. Gedanken, die dazu führen, dass du dich grauenvoll und minderwertig fühlst, abgrenzt und die dich nur noch tiefer in das Loch hineinziehen, in dem du steckst.


Ein Arzt, den ich im Rahmen meines Studiums kennengelernt habe, erzählte mir vor Kurzem von seiner Unizeit. Regelstudienzeit? Weit verfehlt. Relevanz? Nicht vorhanden. Das Leben ist zu kurz, um sich nach einer vermasselten Prüfung schlecht zu fühlen und sich einzureden, man sei für den Arztberuf nicht gemacht. Es gibt keinen Grund, die Welt nur schwarz-weiß zu sehen. Natürlich können Fächer wie Anatomie und Physiologie dir den letzten Nerv rauben. Und vielleicht ist auch nicht alles, was du lernst, wichtig für das Klinikleben. Doch wie bei allem im Leben ist es meist die Perspektive, die darüber entscheidet, wie wir mit solchen Situationen umgehen. Wer zwischen all den Fakten etwas Interessantes sucht, der wird es auch finden, man muss eben offen dafür sein.


Vergleiche sind Gift für die Seele


Du bist vielleicht nicht der Student, der in der ersten Reihe sitzt und der auf die Fragen des Professors wie aus der Pistole geschossen antworten kann. Das musst du auch nicht. Du musst zufrieden mit dir sein und primär deinen eigenen Erwartungen gerecht werden. Vergleichen ist Gift für die Seele. Sei offen und ehrlich zu dir, steh zu deinen Entscheidungen. Sei realistisch. Verliere nicht das Feuer, das dich antreibt, nur weil du den Erwartungen anderer gerecht werden willst.


Sola dosis facit venenum


„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.” – Paracelsus
Ich bin ehrlich: Früher dachte ich, Repetent wirst du nur, wenn du faul bist und nicht lernst. Seit ich Medizin studiere, ist mir klar geworden, wie schmal der Grat zwischen Bestehen und Nicht-Bestehen im Medizinstudium ist. Ein Fehler und plötzlich ist man Repetent. Im ersten Moment hat man natürlich das Gefühl, die eigene kleine Welt bricht zusammen. Und das Recht dazu hat man auch – schließlich hat man meist wochen- oder monatelang gelernt, und trotzdem hat es nicht zum Bestehen gereicht. Aber nachdem der erste Schock überwunden ist, sollte man sich wieder aufraffen und reflektieren, warum man nicht bestanden hat. Zu wenig gelernt? Das wäre der naheliegendste Gedanke. Aber kann es nicht auch „zu viel gelernt” sein? Menschen sind keine Maschinen und brauchen Ausgleich, soziale Interaktion. Keiner kann 24/7 durcharbeiten, wir alle brauchen auch mal eine Pause von der Medizin, einen Zufluchtsort, einen Fels in der Brandung. Lernen muss man für das Studium zweifelsohne, aber eine hohe Dosis kann bekanntlich giftig werden.


Es zeigt Stärke, Schwächen zuzugeben


Alles wird leichter, wenn man an diesen gewissen Punkt angelangt, an dem man begreift, dass es kaum ein Problem gibt, dass man nicht bewältigen kann, solange man nicht aufgibt und wieder aufsteht, wenn man am Boden ist. Die Gesundheit sollte aber auch hier an erster Stelle stehen. Du brauchst länger als andere, um dein Studium abzuschließen? Nimm dir die Zeit. Du lernst pausenlos und nichts scheinst du zu behalten? Versuch es mit neuen Lernmethoden. Probleme wird es immer geben, Lösungen aber auch.


Es spielt keine Rolle, welchen NC du hattest, oder welche (Um)Wege du bis zum Studienplatz in Kauf nehmen musstest. Das Einzige, was du brauchst: Begeisterung und Hartnäckigkeit. Wir haben alle mal etwas nicht verstanden, an uns gezweifelt, vielleicht sogar überlegt, das Studium zu schmeißen. Deswegen: Ja! Du bist gut genug, um Medizin zu studieren. Du bist aber auch nur ein Mensch, der Fehler macht. Errare humanum est.

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