• Bericht
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  • Christina Erhardt
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  • 13.11.2017

Herz im Gepäck

Studenten aus Erlangen möchten mit dem Projekt „Care and Travel“ den Menschen im Altenheim etwas zurückgeben. Über eine soziale Initiative, die viel über das Leben lehrt – und warum es sich lohnt, mitzumachen.

 

 

 

 

Die Frage nach seiner Person beantwortet Alex knapp. Nachdem er die wichtigsten Eckdaten genannt hat, fängt er an vom Projekt zu erzählen. Sein Sprechtempo nimmt zu, er berichtet von der anfänglichen Idee, der Entwicklung bis heute und von den Problemen, die ihn und seine Mitstreiter beschäftigen. Wenn er seine Gedanken zu Ende geführt hat und ein wenig erleichtert nach Luft ringt, spätestens dann merkt man mit wie viel Herzblut er bei der Sache ist.


Alex heißt eigentlich Alexander Popp und steckt mitten im zweiten Jahr Humanmedizin in Erlangen. Zusammen mit 4 Kommilitonen will er die Welt ein kleines bisschen besser machen - mit dem sozialen Projekt Care and Travel. Das Konzept: Work and Travel, in sozial. Junge Menschen erhalten die Gelegenheit zu reisen und finanzieren sich selbständig einen Ausflug, der schnell zur Rundreise wird. Als Teilnehmer bei Work and Travel wechseln die Teilnehmer oft Arbeitsstelle und Beschäftigung, auf Kellnerjob folgt Plantagenarbeit. Bei Care and Travel sind sie ausschließlich in Altenheimen ihrer Wahl beschäftigt.


Das muss aber nicht langweilig sein. Bei gemeinsamen Unternehmungen und Mahlzeiten wird man schnell Teil der Gemeinschaft, spielt und unterhält sich mit den Bewohnern und geht Therapeuten und auch mal dem Pflegepersonal zur Hand. Besonders praktisch: Die Heime bieten Unterkunft und Verpflegung. Nach Feierabend und an Wochenenden bleibt genügend Zeit die Umgebung auf eigene Faust zu erkunden – und viele Gelegenheiten für lehrreiche Gespräche mit Bewohnern und Personal.

 

 

Alexander Popp beim Gitarre spielen im Altenheim.

 

Die zündende Idee kam Alex im Pflegepraktikum, doch bis zur Umsetzung war es damals noch ein weiter Weg. Zwischen Bettpfannen und Botengängen fällt ihm auf, dass vor allem der mentale Zustand vieler älterer Patienten zu wünschen übriglässt. Er weiß, dass der Geist den Körper beeinflusst: lässt das eine nach, wird auch das andere marode. Weil er selbst aus einem Dorf mit 120 Einwohnern stammt, zieht er den direkten Vergleich: „Bei uns im Ort haben viele Alte noch Landwirtschaft oder wohnen im Mehrfamilienhaus mit jüngeren Generationen zusammen. Die haben alle eine Aufgabe. Die sind alle noch fit.“ Ganz im Gegenteil zu den Alten auf Station. Dass viele Bewohner keine echte Aufgabe mehr haben – für ihn eine untragbare Situation. Dabei sieht er vor allem ungenutztes Potential: Wieso den Alten nicht die Möglichkeit geben, Jüngeren von ihrer Lebensweisheit profitieren zu lassen? Wieso den Jüngeren nicht die Gelegenheit geben, den Alten etwas zurückzugeben? Schnell ist der Einsatzort klar. Altenheime sollen es sein, am besten europaweit. Nach und nach wird aus der anfänglichen Idee ein echtes Konzept. Und aus dem Konzept eine Lösung für das Problem.

 

Alexander Popp bei einem Ausflug während seines Care&Travel Aufenthalts.        

 

 

Nachdem der Internetauftritt Form angenommen hat und erste Heime für die Idee gewonnen wurden, wagt Alex einen Selbstversuch. Die erste Reise im Namen von „Care and Travel“ führt ihn nach Wallerstein zur Fürstin-Willhelmine-Stiftung, einem kleinen Pflegeheim nahe Nördlingen. Im Reisebericht der projektbegleitenden Website klingt seine Mission nicht nur wie eine kleine Reise zu sich selbst sondern auch aufregender als man es von einem 3.000-Seelen Nest in Schwaben erwartet. Innerhalb von nur 4 Tagen erkundet Alex eine alte Burg, feiert in einer Sky Bar, verirrt sich im dunklen Wald, läuft einer Horde Wildschweine über den Weg und erfährt in unzähligen Gesprächen mit Bewohnern und Angestellten gutgehütete Geheimnisse über das Leben und die Liebe.


Der beinamputierte Mann im Rollstuhl, der demente Romanistikprofessor – die bewegendsten Eindrücke seiner Gesprächspartner hält er im Reisetagebuch fest. Erst plauscht man noch über das Wetter, wenige Minuten später findet man sich in einer tiefgründigen Diskussion über das Leben. Philosophieren, das geht spätnachts in der Stammkneipe mit Freunden zwar auch, aber wirklich lernen kann man nur von Menschen mit viel Lebenserfahrung. „Man kann von der Weisheit der alten Leute so sehr profitieren! Inspirierend fand ich aber vor allem die positive Lebenseinstellung der Menschen dort und glücklich zu sein, egal was kommt.“ Darüber schreibt Alex einen Song, der, einmal aufgenommen und auf dem eigenen YouTube Kanal hochgeladen, schnell zum Projektjingle wird. Der Titel: „Vergiss es und Tanz!“
Gründe mitzumachen gibt es viele. Für Teilnehmer bietet sich die einmalige Möglichkeit den Kontakt zu älteren Menschen zu intensivieren und gleichzeitig von ihnen zu lernen. Wer das Gefühl hat etwas Sinnvolles tun zu wollen und gleichzeitig der Gesellschaft etwas zurückzugeben, ist hier richtig. Dazu findet sich immer eine Gelegenheit, eigene Fähigkeiten miteinzubringen und sich selbst zu verwirklichen: Musiker geben Konzerte und gestalten den Singkreis mit. Organisationstalente haben die Möglichkeit eine eigene Veranstaltung für die Bewohner auf die Beine zu stellen. Natürlich bietet das Projekt auch einen Rahmen für Initiativen von Kreativen. Wie wäre es zu Beispiel mit einem Fotoprojekt? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.


Nebenbei lernt man beim eigenständigen Organisieren der Reise nicht nur sich selbst besser kennen, sondern auch eigenständig zu sein. Das i-Tüpfelchen: die Gelegenheit, fremde (Bundes-) Länder und Menschen näher kennenzulernen. Wer mitmachen möchte, muss nur wenig mitbringen. Laut Alex reicht es schon jung und aufgeschlossen zu sein.


Die Nachteile ergeben sich vor allem aus der kurzen Laufzeit des Projekts. Die Zahl der teilnehmenden Altenheime ist noch begrenzt. Neben der Fürstin-Willhelmine-Stiftung findet sich bisher nur ein weiteres Altenheim in der Liste. Alex war der erste und bislang einzige Teilnehmer des Projekts. Aber natürlich bedingt das eine das andere: Je mehr Menschen diese Erfahrung machen möchten, desto etablierter wird die Idee unter den Altenheimen, desto mehr Altenheime lassen sich eintragen, desto mehr Auswahlmöglichkeiten hat man als Teilnehmer. Bis eine Rundreise mit Care&Travel im ganzen Bundesgebiet und vielleicht im europäischen Ausland ermöglicht werden wird ist es noch ein langer Weg. Aber wie lang genau?


Das große Ziel liegt in der Verbreitung der Idee – zunächst deutschlandweit, später europaweit. Irgendwann könnte es möglich sein, in einem Altenheim in England bei einem Tässchen Tee von der englischen Sicht auf den Weltkrieg zu erfahren, oder einer italienischen Dame ein echtes Pizzarezept für die nächste WG-Party zu entlocken. Die Gruppe arbeitet fieberhaft an der Bekanntmachung und sucht händeringend nach Teilnehmern und Altenheimen. Jeden Tag wird das Konzept ein kleines bisschen innovativer und ausgefeilter. Alex: „So oder so – wir sind sehr gespannt was da noch kommt. Wenn viele mitmachen, viele das anbieten, dann machen wir die Welt wirklich wenigstens ein kleines Stückchen besser.“

 

Neugierig geworden? Besuche die Initiative auf ihrer Website www.care-and-travel.org, auf facebook unter https://www.facebook.com/CareandTravel/ oder melde dich direkt bei den Initiatoren per Mail: care-and-travel@gmx.de

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