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  • Christina Erhardt
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  • 03.05.2017

Die Realität und ich - mein erstes Semester Medizin im Rückblick

Anfang des ersten Semesters träumte ich davon, wie ein perfekt sitzender weißer Arztkittel um meine Knöchel weht und ich die Theorie ohne Probleme aufsauge. Alles hätte so schön sein können, aber wie gewohnt hatte ich meine Rechnung ohne die Realität gemacht.

Studentin - Foto: ©Africa Studio-Fotolia.com

 

In meiner Vorstellung habe ich mir den Moment, in dem ich meine Studienzulassung erhalte, anders ausgemalt. Irgendwie romantischer. Ich hatte mir vorgestellt, wie ich in Freudentränen ausbrechen, schreien und wild tanzen würde. Als wäre ich einer dieser klischeebehafteten Seifenopern entsprungen. Sogar die passende Hintergrundmusik hatte ich im Kopf. Als der Bescheid dann tatsächlich kam, war gar nichts mehr romantisch, sondern eher normal. Entgegen aller Erwartungen grinste ich still in mich hinein, statt laut zu schreien oder mich theatralisch heulend, aber glücklich, zu Amber Run’s „Heaven“ am Boden zu wälzen.


Da saß ich nun: eine frisch gebackene Medizinstudentin mit – erneut – großen, äußerst romantischen Erwartungen an das, was da kommt. Zwar ohne Hintergrundmusik, dafür mit bestimmten Szenen vor Augen: wie ich mit stolz geschwellter Brust medizinische Fachtermini um mich werfe – wie ein perfekt sitzender weißer Arztkittel um meine Knöchel weht – wie ich über Anatomie-Atlanten brüte, die Theorie ohne Probleme aufsauge – ich sah mich schon mein Staatsexamen in den Händen halten. Alles hätte so schön sein können, aber wie gewohnt hatte ich meine Rechnung ohne die Realität gemacht.


Noch in den ersten Wochen war ich die personifizierte Vorfreude: Ich hatte mir alle Stundenpläne, Materialien und Unterlagen zurechtgelegt, hatte mir in der Bibliothek hochmedizinische Schmöker geliehen, von denen ich letztlich nur einen winzigen Teil des Inhalts wirklich verstand. Ich behielt sie trotzdem alle bis zum Ende der Leihfrist. Jedem Gang zur Bibliothek wohnte etwas Heiliges inne, ich fühlte mich privilegiert auf meiner Pilgerreise zur Stätte des Wissens. Die Regalreihen der medizinischen Fakultät: damals für mich der Nabel der Welt. Es war auch die Zeit, in der ich die Anatomie lieben lernte. Meinen zugehörigen Atlanten hütete ich wie meinen Augapfel, immer bedacht die druckfrischen Seiten nicht einzureißen oder gar zu beschmutzen. Die zugehörigen Vorlesungen besuchte ich, wie auch alle anderen, zunächst regelmäßig, meine Kommilitonen taten es mir gleich.


Nach ein paar Wochen stellte sich die Normalität ein. Als waschechte Studentin beschloss ich lieber auszuschlafen, als mich in Vorlesungen zu quälen. Die Testate und Klausuren waren ja noch so weit weg. Also lieber ausgiebig frühstücken. Alle Unterlagen, die ich mir zuvor so säuberlich zurechtgelegt hatte, lagen in einem bunten Haufen quer über meinen Schreibtisch und Gott weiß wo verteilt. Das Skript zu Drüsenepithelien fand sich später unter meinem Sofa wieder, dasjenige zu Foramina im Schädel im Papierkorb – ich rettete es nur knapp vor der Altpapiertonne. In der Bibliothek lieh ich mir nur noch Bücher, die ich wirklich verstand – die Auswahl war damit ohnehin beschränkt. Aus der heiligen Stätte des Wissens wurde schnell mein Wallfahrtsort des Free WiFi, wenn der Router zuhause den Geist aufgab.

Einige Kaffee- und Teeflecken zierten bereits Seiten meines Anatomie-Atlanten, eines Abends fand ein Tequila-Fleck seinen Weg auf die Abbildung zur autochthonen Rückenmuskulatur. Es war auch die Zeit, in der ich begann, gelegentlich auf die Anatomie zu fluchen. Und weil ich sicher war, mir die Hälfte der Vorlesungen getrost sparen zu können, begann meine neu gewonnene Freizeit schnell ein Eigenleben zu entwickeln, genauer: ein Nachtleben. Meine Anwesenheit in Vorlesungen, vornehmlich denen vor 10. 30 Uhr, wurde deshalb spärlicher. Versäumten Stoff versuchte ich gelegentlich durch Nachtschichten im Lesesaal nachzuholen. So hätte ich in meiner Vorstellung niemals alle Prüfungen bestanden. Aber ich tat es doch – obwohl ich es mir, zugegeben, wirklich nicht einfach gemacht habe.

Rückblickend kommen mir meine Erwartungen an das beginnende Medizinstudium lächerlich vor. Fachtermini korrekt um mich werfen? Dazu braucht es mehr als meine ersten 26 Wochen in diesem Studium. Ein perfekt sitzender Arztkittel? Für das erste Semester komplett irrelevant, selbst mein erster Laborkittel war mir viel zu groß. Gegen Ende des Semesters, zur Klausurenphase, hatte ich abwechselnd das Gefühl, das Richtige zu tun oder aber große Lust auszuwandern, eine Bar zu eröffnen oder ein spezielles Institut anzuzünden. Als ich mich bei meinen Kommilitonen umhörte, musste ich feststellen: Das ist völlig normal. Auch sie waren zeitweise völlig planlos und sogar ein wenig überfordert mit dem Maß an geforderter Selbstorganisation, um das Studium durchzuhalten. Ich war beruhigt.


Das erste Semester bedeutet auch, sich auf viele neue Anforderungen einstellen zu müssen, es wäre also ungewöhnlicher, würde alles auf Anhieb klappen. Am wichtigsten ist aber, dass ich es durchgezogen habe, trotz aller Zweifel. Dabei habe ich einiges gelernt: Allen voran, dass Medizinstudenten anderen Studenten viel ähnlicher sind, als sie vielleicht selbst zugeben möchten. Vor allem im ersten Semester.

 

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