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  • Miriam Heuser
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  • 03.09.2020

Biohackers – Wie realistisch ist die Netflix Serie?

Anatomie, Physik, Biohacking – sieht so das erste Semester im Medizinstudium wirklich aus? Die erfolgreiche deutsche Netflix-Serie „Biohackers“ zeigt Medizinstudentin Mia im ersten Semester an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Lokalredakteurin Miriam studiert selbst in Freiburg und macht den Realitätscheck.

 

Vorneweg: Wer nach einem Biohackers-Marathon Angst vor dem Medizinstudium in Freiburg hat, darf sich entspannen. In Folge 1 werden die „Erstis“, wie die Studierenden im ersten Semester genannt werden, mit einschüchternden Worten begrüßt. Eine der besten Unis Deutschlands, 50% werden durchfallen, betroffene Blicke. Wir hatten in der ersten Woche auch so eine furchteinflößende Vorlesung – bei der am Ende Musik anging, Leute um uns jubelnd aufsprangen und sich das Ganze als Streich höherer Semester herausstellte, die uns mit einem Schrecken im Studium begrüßen wollten.


In Wirklichkeit schließen die meisten Medizinstudierenden ihr Studium erfolgreich ab. Die Abbruchquoten sind im Vergleich zu anderen Studiengängen gering, im Ersten und Zweiten Staatsexamen fallen selten mehr als zehn Prozent durch. Und auch wenn ich als Freiburger Medizinstudentin mit der Lehre zufrieden bin und die Staatsexamensergebnisse meist im oberen Mittelfeld liegen, ist es etwas überzogen, die medizinische Fakultät der Uni Freiburg als die Exzellenzuniversität schlechthin darzustellen. Freiburg punktet auf anderen Gebieten, aber dazu später mehr.


Wie sieht es mit der Darstellung der Medizinstudentin Mia aus? Perfekt ausgestattet mit einem Stapel markierter Lehrbücher, lernt sie gleich in der ersten Woche nächtelang, verarztet ihren Mitbewohner, dem sie zudem einfach so ein Anatomielehrbuch schenkt, macht im Labor aufwändige Experimente und erhält die Bestnote für eine Abgabe. Realistisch? Nein.


Das erste Semester in Freiburg beginnt recht gemütlich mit vielen Einführungsveranstaltungen und genug Zeit, um die neuen Kommilitonen kennenzulernen und Freunde zu finden. Die meisten Veranstaltungen finden nicht in den Uni-Hauptgebäuden bei der Bibliothek statt, sondern ein paar Fahrradminuten entfernt im Institutsviertel, wo die naturwissenschaftlichen Fächer angesiedelt sind. Die ersten Klausuren stehen erst vor den Weihnachtsferien an und auch ohne Vorbereitung und dicken Bücherstapel im Gepäck kommt man gut durch die ersten Wochen. Spätestens auf dem Medizinbuch-Flohmarkt oder in einer der Freiburger Buchhandlungen merkt man dann, wie teuer Lehrbücher eigentlich sind – und würde sie niemals einfach so dem Mitbewohner verschenken, höchstens ausleihen. Es gibt übrigens tatsächlich Praktika im biologischen Institut beim botanischen Garten, aber man lernt dort langsam die wichtigen Grundlagen und niemand erzeugt aus dem Nichts fluoreszierende Zellplatten.


Überhaupt ist Mia nicht die typische Medizinstudentin und es scheint so, als ob sie zusätzlich Kurse aus dem Biologiestudium belegt hat, um der skrupellosen Professorin Dr. Lorenz näher zu kommen. Viele Szenen aus den Vorlesungen und den Laboren passen nicht zum Medizinstudium. Und auch Mias Laborkenntnisse sind fragwürdig. Zwar weiß sie auf alle Fragen von Dr. Lorenz eine innovative Antwort – aber scheitert an grundlegenden Labortechniken wie dem Tragen von Handschuhen beim Arbeiten mit RNA oder dem Transport auf Eis von DNA-Pellets in Reagiergefäßen statt tagelang in einem ungekühlten Rucksack.


Und Mias WG? Bei der Einzugsszene musste ich ein bisschen schmunzeln – im ersten Semester in einer so großen Freiburger Altbau-WG zu landen ist vermutlich schwerer, als den Studienplatz zu bekommen, und würde mindestens 500€ Miete kosten. Realistischer wäre es, dass Mia am Anfang ein Zimmer in einem Wohnheim des Studierendenwerks bezieht und später monatelang WGs besichtigt, bis sie irgendwann eine Zusage bekommt.
Mias Mitbewohnerinnen werden in den sechs Folgen – vermutlich aus Zeitmangel – recht karikaturenhaft als Klischee-Nerds und reiche Töchter dargestellt. Ich kenne tatsächlich Freiburger Studenten, die sich selbst Datenchips implantiert haben, viele Freiburger Studis ernähren sich vegan oder vegetarisch und in der einen oder anderen WG werden sicher auch Pflanzen zum Privatkonsum angebaut. Und ja, Freiburger Studis fahren ständig mit dem Fahrrad, wenn auch nicht zehn Mal am Tag über die Blaue Brücke. Aber insgesamt ist die WG-Darstellung in „Biohackers“ überzogen und entspricht nicht dem gemütlichen, unspektakulärem Zusammenleben, das die meisten Medizinstudierenden in Freiburg führen. Und wo bleibt bitte die Badischer-Dialekt-Repräsentation?


Eines gelingt der Serie jedoch ausgesprochen gut: Das einzigartige Freiburg-Gefühl einzufangen. Denn was Freiburg so einzigartig macht, ist die Symbiose aus Groß- und Kleinstadt, die in eine wunderschöne, vielseitige Landschaft gebettet ist. Freiburg hat Kultur, alternative Ecken und Partys, klassische Sehenswürdigkeiten und modernste Forschungsinstitute. „Biohackers“ setzt die Freiburger Sehenswürdigkeiten – das Münster, die Blaue Brücke am Bahnhof, die „Bächle“ in der Altstadt, das Martins- und das Schwabentor, die futuristische Universitätsbibliothek – in Drohnenaufnahmen perfekt in Szene.


Mia düst mit ihrer WG mit dem Fahrrad über die Blaue Brücke, trifft Jasper vor der Kneipe „Schlappen“, macht Ausflüge an Badeseen und in die naheliegende Schweiz und läuft durch Wälder und Weinberge. Ja, das macht Lust auf Freiburg. Und das alles fühlt sich sehr wie Freiburg im Sommersemester an – bis dann am Ende des Semesters die Prüfungsphase ansteht und man in der der notorisch kalten UB vor sich hinfriert und lernt. Und wer Lust auf eine „Silent Disco“ mit Kopfhörern im Freien hat, kann sich auf den Semesterbeginn in Freiburg freuen: das New Heart Festival gibt es wirklich und die Veranstaltungen sind kostenlos.

 

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