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  • Miriam Heuser
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  • 30.07.2020

Corona – plötzlich ganz nah

Langsam kehrt wieder Leben auf die öffentlichen Plätze Freiburgs zurück – doch Normalität gibt es nicht für jeden. Lokalredakteurin Miriam erzählt von fünf Monaten Pandemie und vom Tod eines geliebten Menschen.

 

Mitte März hole ich meine Freundinnen von ihrer letzten Prüfung ab. Vor dem Ballhaus hunderte Menschen, man sieht den Boden vor lauter Füße nicht. Später sitzen wir dicht gedrängt im Wohnzimmer, die Wangen gerötet – Ausgelassenheit, Lachen und Sekt. Am nächsten Morgen hängt ein provisorisch bedruckter Zettel an der Drehtür der Universitätsbibliothek. Geschlossen, auf unbestimmte Zeit.


Einen Monat später tragen die Menschen auf der Straße bunte Stoffmasken über Nase und Mund. Wir treffen uns nur noch zu zweit, halten Abstand, umarmen uns nicht mehr. In den Fenstern hängen Regenbögen und Betttücher, auf denen „Alles wird gut“ steht.


Als mein Opa ins Krankenhaus kam, war er 78 Jahre alt. Er war einer der ersten schwer erkrankten Coronapatienten aus seiner Region. Am Telefon berichtet meine Mama noch, wie erstaunt sie im Krankenhaus waren, dass er keine Medikamente nimmt – „Nicht einmal Blutdrucksenker?“ In den Tagen danach bezeichnet ihn meine Oma immer wieder als unseren Felsen, und wie ein Fels sah er auch aus. Groß und kräftig, belesen und meinungsstark. Die Augen schelmisch blitzend, wenn er den selbst gekelterten Wein aus dem Keller holte.
Es ist 2020 und Corona ist kein Bier mehr. Mittlerweile ist es Hochsommer, und über 9.000 Menschen sind in Deutschland an der Infektion verstorben, mehr als eine halbe Million weltweit.


Im Wohnzimmer stapeln sich die Beileidskarten, stehen sieben Blumensträuße, ständig klingelt das Telefon oder die Tür – schon wieder ein Kuchen und ein paar betroffene Worte. Bei der Beerdigung sind wir zu fünfzehnt – der Pfarrer, meine Familie, sechs Sargträger. Sie tragen blaue Einmalhandschuhe, als sie den Sarg herunterlassen. Ich möchte den Sarg aufmachen, nachschauen, ob da wirklich jemand drinnen liegt. Mein Opa war doch gesund.


Ein Abend im April. Aus der Box tönt zum zweiten Mal Urlaub in Italien von Erobique, bei „Die Frauen singen lauter!“ singen wir lauthals mit und werfen die Arme in die Luft. Party in der engen Küche, zu dritt. Wann wir das nächste Mal gemeinsam feiern gehen werden, wissen wir nicht. Meine Oma spricht davon, bald eine große Gedenkfeier für meinen Großvater ausrichten zu wollen, und mein Bruder fragt in die Runde, wann sich wohl eine große Runde älterer Menschen wieder versammeln darf. Wir schauen uns ratlos an, zucken mit den Schultern. Italien fühlt sich auf einmal sehr weit weg an.


Ich denke an die Zeit, in der wir jeden Abend auf Neuigkeiten aus der Intensivstation warteten. Wie mein Opa Gesellschaft von vier Patienten aus dem Elsass bekam. Wie sie von Zytokinstürmen sprachen, von Dialyse und Katecholaminbedarf. Begriffe, die Schubladen im Gedächtnis einer Medizinstudentin öffnen. Schubladen, in die sich der große Mann mit den blitzenden Augen nicht einordnen mag.


Mittlerweile sind einige Monate vergangen. Ich stecke mitten in der Lernphase für mein letztes schriftliches Staatsexamen, meine Freundinnen und ich gehen wieder in die Mensa. Die neue Normalität hat sich schneller eingestellt, als wir es gedacht hätte. Auf meinem Schreibtisch steht eine Portraitaufnahme meines Opas, die ich bei einer Familienfeier geschossen hatte. Manchmal, wenn ich nicht mehr weiterweiß, denke ich an die Worte, die der Pfarrer bei der Beerdigung gefunden hat, und finde in ihnen etwas Trost. Manchmal, wenn ich durch die Altstadt gehe und Menschen ohne Maske keinen Abstand halten oder wenn viele Menschen beieinanderstehen, kommen mir die Tränen oder ich werde wütend.


Ein Artikel über die Corona-Toten bleibt mir lange im Kopf. Es geht darum, dass die meisten niemanden kennen, der an Covid-19 erkrankt oder verstorben ist, und dass „die Corona-Toten“ dadurch eine anonyme Masse bilden. Und für eine anonyme Masse sind die wenigsten bereit, sich mehrere Monate lang stark in ihrem Alltag einzuschränken.


Auch ich erzähle selten davon, dass mein Opa Ende März an dem Virus verstorben ist. Weil ich nicht immer wieder dieselben Fragen beantworten möchte, ob er alt war, ob er krank war, dann ein betroffener Blick. Weil mein Opa mir, uns, fehlt und weil sein Fehlen weh tut. Und weil ich mit meinem Schmerz nicht dafür herhalten möchte, um anderen das Virus näher zu bringen, seine Bedrohlichkeit aufzuzeigen.


Die Grenzen öffnen wieder und Bekannte fahren nach Italien, zeigen Fotos vom Gardasee und von Pizza am Strand. Das Wort „systemrelevant“ hat den Sprachgebrauch so schnell wieder verlassen, wie es gekommen war. Der neue Schlüsselbegriff lautet „Zweite Welle“. Christian Drosten macht noch Sommerpause. Meine Mama schickt einen Zeitungsartikel über eine Studie – im Krankenhaus, in dem mein Opa behandelt wurde, wurden anhand von Autopsiebefunden neue Therapiekonzepte für Corona-Patienten entwickelt, sie erhalten jetzt deutlich früher hochdosierte Gerinnungshemmer, um die Bildung von Mikrothromben in der Lunge zu verhindern.
Auch die Befunde der Autopsie meines Opas sind in diese Studie eingegangen. Hoffentlich können andere davon profitieren, falls die Zweite Welle kommt.

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