• Glosse
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  • Daniel Soriano
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  • 03.06.2013

Der allnächtliche Wahnsinn eines Nebenjobs

Und dann ist da noch der Kroatien-Urlaub, der neue Fahrradschlauch, die Miete für die Wohnung einer der teuersten Städte Deutschlands, der wöchentliche Theater-Besuch und der ebenso wöchentliche Besuch beim Döner-Laden meines Vertrauens … Welcher Medizinstudent kennt das nicht? All diese absolut lebenserhaltenden Freizeitaktivitäten brennen hinterrücks ein Loch in das strapazierte Portemonnaie und sind somit ätiologisch für chronisch-monetäre Defizite. Was tun? Na klar, ein Nebenjob muss her.

Die Wahl der Qual

Die Anzahl der angebotenen Mini-Jobs korreliert in Freiburg in etwa mit der Anzahl der Fahrräder: Es gibt sie in Hülle und Fülle. Und wie unsere zweirädrigen Wegbegleiter und -bereiter haben auch sie ihre Eigenheiten. Ob als Aushilfe in Mode-Boutiquen, als Katzen- und Blumenpfleger, als Reinigungskraft, als unumstritten beliebter Kellner oder als Testsubjekt für ominöse psychologische Versuchsreihen - der Rubel rollt auf alle Fälle. Doch nicht jeder Nebenjob passt zu jedem Nebenjobsuchenden.

Viele Medizinstudenten greifen in ihrem Mini-Job-Repertoire gerne auf ihnen bekannte Felder zurück, beispielsweise die Tätigkeit als Hilfskraft der Pflege. In unserem Pflegepraktikum ächzten wir drei Monate lang als unterstes Zahnrädchen einer veralteten Maschinerie und sind nun qualifiziert genug, Schränke mit Spritzen zu befüllen, andere Schränke mit Kathetern zu bestücken, Spritzen von Schränken in Wägen umzufüllen, oder sogar Spritzen von einem Schrank in den nächsten umzuräumen. Daneben gilt das Säubern der Abgüsse, das Trinken von viel schwarzem Tee, die Betreuung der schlaflosen, zumeist schmerzgeplagten Patienten oder das Desinfizieren von zuvor verunreinigten Arbeitsoberflächen zu den allnächtlichen Arbeitsaufgaben.

Das klingt nach einem angenehmen Job?
Ist es. Meistens.
Doch eines Nachts …

 

 Foto: Pixabay / Hans

 

Ein typischer Nachtdienst

Die Kirchturmuhr nebenan schlägt drei Uhr, alle Patienten schlafen mit ihren geleerten Urinflaschen im Holster, alle Lagerräume erstrahlen poliert im Glanze des Mondscheins, aus Zimmer vier knarzt das gewohnte Schnarchen, zwei verlorene Lampen verstreuen im Flur ein diffuses Licht, das Flächendesinfektionsmittel verströmt ein Aroma der Sauberkeit und Ordnung. Ein Bild für die Engel.

Doch die Klingel reißt mich aus der friedlichen Abendszenerie und erschreckt dabei selbst über ihr lautes Piepsen und wird daraufhin noch schriller. Ich springe auf, lese "Notruf in Zimmer 6", hechte zur Tür, dann schnelle Schritte, Klingeln, das Ticken der Uhr, der Nachgeschmack von Cola-Light in meinem Mund. Mir schießt ein Satz aus Samuel Shems "House of God" durch den Kopf: Im Notfall immer erst den eigenen Puls messen.

 

Foto: Pixabay / Geralt

 

Auf dem Weg zur Tür taste ich nach meiner Arteria radialis, zähle aber statt meinem Herzschlag meine Schritte, schätze in Ermanglung einer Uhr die benötigten Sekunden ab und multipliziere beide auf Zehn gerundeten Werte und erschrecke über meinen Puls von 470. Derart verstört stolpere ich über die Schwelle und lande in den Armen der Nachtschwester.

"Es ist alles in Ordnung", meint sie.
"Ah, pff - oh!", antworte ich eloquent und denke dabei: "Pfuh …"
"Also, fast in Ordnung…", fährt sie fort. "Kannst du geschwind auf die Intensivstation gehen und dort eine Blutgasanalyse durchführen lassen?"
"Ich, ahm, also -", antworte ich, noch nicht wieder ganz Herr meiner Atemfrequenz.
"Der Weg ist ganz einfach …"

Es folgt eine dreiminütige Wegbeschreibung. Ich nicke eilfertig und stürze mich in eine Reise in die Untiefen der Klinik-Architektur.Schon bald merke ich, dass mein Kurzzeitgedächtnis aus nicht mehr als sieben Einheiten aufgebaut ist und stocke an der Ecke Gefäßchirurgische Station und Anmeldung zur Katheterintervention. Wie war der Weg noch gleich? Überquere die Brücke, nehme den Warenaufzug in den Keller, dann an der Luftpost entlang bis zu dem unterirdischen Fluss, nehme das Boot und fahre direkt ins Gefängnis, ziehe nicht über Los …

Meine Schritte hallen durch die unterirdischen Gänge und ich höre von Ferne die Kirche vier Uhr läuten und sehe schon die Schlagzeilen: "Medizinstudent im Keller verschwunden - Suchmannschaft seit sieben Stunden im Einsatz", "Labyrinth von Minos - ein Medizinstudent vergisst den weltberühmten Faden zu spannen", "Verloren geglaubt - Forscher entdecken bei der Suche nach Nachtwache die sagenumwobene Stadt Atlantis".

Während ich mir das Schlimmste ausmale, erscheint vor mir das heiß ersehnte Ithaka meiner Irrfahrt. Doch was muss ich erkennen? Vor verschlossenen Toren verkündet ein Schild: "Wir sind umgezogen - die Intensivsation finden Sie nun im neu gebauten Notfallzentrum".

 

 Foto: Pixabay / Geralt

 

Ich strecke die Hände flehend zum Himmel, reiße mit schmerzverzerrtem Gesicht den Mund auf und schreie ein langezogenes, aus schlechten Hollywood-Filmen abgeschautes "Neein!" - und wache dabei auf.

"Doch, doch", meint die Reinigungsfachkraft neben mir, die gerade die Sitzreihen des Hörsaals Pharmakologie reinigt, "Sie müssen den Raum jetzt verlassen."
Mein Köper signalisiert mir, dass ich mich in die Kehrschaufel der Dame neben mir verkriechen sollte. Anstatt ihm Folge zu leisten, nicke ich ihr zu, dehne meinen verkrampften Hals und versuche meinen noch immer schlafenden Arm zu wecken.

Während ich aus dem Hörsaal taumle und die grellen Sonnenstrahlen die Schrecken der Nacht vertreiben, denke ich mir: Das nächste mal, gehe ich lieber gleich ins Bett.

Alle Örtlichkeiten und Patienten, Bezüge zu Situationen und Handlungen existieren keinesfalls exakt in der im Artikel beschriebenen Art und Weise und könnten möglicherweise durch Wahrnehmungsverzerrung in nächtlichen Stressituationen in ihrer Darstellung von Höhe, Weite, Breite, Tiefe, Maßstab, Reihenfolge etwaige nicht wahrheitsgemäße Schwankungen aufweisen.

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