• Bericht
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  • Daniel Soriano
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  • 26.03.2013

Alle Jahre wieder ... die Grippewelle kommt

Als Medizinstudent ist man bestens gerüstet, wenn es um den Kampf mit Viren geht - oder vielleicht auch nicht. Lokalredakteur Daniel berichtet, warum auch Mediziner manchmal unter den leidenden Opfern einer Infektionskrankheit zu finden sind und wie ihn die Faszination mit der Mikrobiologie/Virologie über die schlimmsten Momente seiner Grippe hinweg getröstet hat.

Der Winter bringt einiges mit sich: Weihnachten, Schnee, heißen Kakao, Glühwein, kostspielige Dekorationen und Beleuchtungen, Bäume in Wohnungen, Glatteis aufgrund von Schneeregen, wenig Sonne, mehr Nacht als Tag, drei heilige Könige, leere Bächle in Freiburg, hohe Strom- und Gaskosten und natürlich auch die Grippe. Als Medizinstudent kennt man sich in Freiburg spätestens nach dem fünften Semester –nach bestandener Mikrobiologie/Virologie-Klausur– bestens damit aus und ist somit gefeit gegen Angriffe dieser epithel- und nervtötenden Viren – oder etwa nicht?

 

Erkältete Zitrone - Foto: Daniel Goering

 

Die Inkubationszeit

Die Klausuren sind vorüber, die Ferienkurse absolviert, es bleiben noch zwei freie Wochen zur eigenen Verfügung, dann wird es weitergehen mit einer Famulatur, einem weiteren Blockkurs und das Sommersemester steht vor der Tür. Der Prototyp des Freiburger Studenten reist nach Australien wegen des Ozonlochs, nach Thailand wegen des Dengue-Fiebers oder nach Afrika in das Zentrum des Malariagürtels, um seinen Zurückgebliebenen ein würdiges Andenken mitzubringen. Aber auch der ortsansässige Freund des dunkelsten Winters seit Aufzeichnung der Wetterdaten wird nicht ausgelassen: die Grippe steht schon in den Startlöchern.

Und gerade jetzt, da sich das Immunsystem unter der liebevollen Obhut der Gemütlichkeit in Daunen bettet, um das stressige Semester auszuschlafen, beginnen die ersten Influenza-Viren sich in unserem oberen Respirationstrakt einzunisten. Dabei folgen sie dem
Vi(e)rtagesplan und beschließen: in 24 bis 96 Stunden sind wir in voller Angriffsstärke.

 

Aber für diese Invasion wurde ich ausgebildet!

Bisher habe ich keine Impfung genossen, da ich im propädeutischen Jahr meines klinischen Studiums noch nicht mit einer großen Menge an Patienten konfrontiert bin und somit vor meiner ersten Famulatur noch nicht wirklich zum Medizinischen Personal gezählt werde, für das eine generelle Impfempfehlung besteht. Auch die weiteren Empfehlungen der STIKO (Ständige Impfkommission) (1) treffen nicht auf mich zu, da ich zudem weder schwanger, noch über 60 Jahre alt bin, noch mit respiratorischen Grundleiden zu kämpfen habe.

Deshalb könnte ich der viralen Gefahr mit einem Neuraminidase-Hemmer in der einen und dem Virologie-Lehrbuch in der anderen Hand harren und die 24 Stunden abwarten, an denen das Medikament am besten wirkt – aber wegen eines Schnupfens geht ein Medizinstudent doch nicht zum Arzt, oder?

 

Die Woche im Bett

Es kommt, wie es kommen muss. Ich liege da und beschreibe an mir mit großem medizinischen Interesse die Generalsymptome der Grippe: plötzlich auftretendes hohes Fieber, Husten, Halsschmerzen, Rhinitis, Muskel-, Glieder-, Gelenk- und Kopfschmerzen, ein sehr starkes allgemeines Krankheitsgefühl und eine gehörige Prise Selbstmitleid gekocht in einem Sud aus dem schon erwähnten dunkelsten Winter seit sechzig Jahren.

Infektionsweg: Tröpfchen oder Schmierinfektion, auch über indirekt kontaminierte Oberflächen. Meine Gedanken schweifen ab zu unserem neuen Anatomie-Hörsaal, indem wir aufgrund einer Fehleinstellung der Heizung mehrere Wochen schockgefrostet wurden. Dadurch erleichterten wir im alltäglichen Stress der Vorlesung dicht an dicht gekuschelt die Vermehrung und den Austausch der winterlich zirkulierenden Mikroorganismen.

Krankheitsdauer: in der Regel bis zu sieben Tagen. An dieser Zeit kann man wenig ändern, das wurde uns in unserer Vorlesung Virologie bewusst gemacht. Trotz allem besteht mein Speiseplan aus Tee in verschiedensten Geschmacksrichtungen, Zwieback, Suppe oder je nach Lust und Laune Brühe, dazu wahlweise ein für mein starkes Krankheitsempfinden unpassendes Käsebrot, dazu morgens eine Multivitamin-Brausetablette, nachmittags noch pures Vitamin C oral in einer kleinen Menge Wasser gelöst, als Nachtisch Tee mit vier frisch gepressten Zitronen, von denen mein Zahnarzt nicht begeistert sein wird. Dazu noch einige desinfizierende Lutschbonbons gegen die Superinfektion mit Bakterien, das Thermometer entsichert im Holster und –wofür ist man schließlich Medizinstudent– die Internetseite der Arbeitsgemeinschaft Influenza des Robert Koch Instituts weit geöffnet. (1)
Daraus weht eine erfrischende Brise des Trosts, denn ich bin mit meinem unsäglichen Leiden immerhin nicht der Einzige: schon rund 50.000 Mitleidende erkrankten in dieser Saison bis jetzt in Baden-Württemberg. (2)

 

Die Woche danach

Matt. Schlapp. Müde. Abgeschlagen. Daran können leider auch das Mirkobiologie-Buch und das Robert Koch Institut nichts ändern. Vielleicht wird es bald einen Impfstoff gegen den neuartigen Erreger der Pandemie von 2009 geben, um die Krankheitslast in der Bevölkerung zu erniedrigen. Allerdings ist er bis heute in Europa und Deutschland noch nicht zugelassen und erhältlich. (4) Vielleicht werde ich mich nächsten Herbst gegen die saisonale Grippe impfen lassen, um mir eine unangenehme Woche und bei meiner klinischen Tätigkeit mit Patienten dem Gesundheitssystem Kosten zu ersparen.

Bis dahin kann ich folgendes von der Erkrankung lernen: Auch diese gutartige, nur das Epithel betreffende, die Basalmembran nicht überschreitende Infektion der oberen Atem- und Rachenwege kann einem ziemlich die Woche vermiesen. Eine weitere Erkenntnis trifft auch hart: Leider ist man als Medizinstudent nicht immun gegen die Erkrankungen, die man fleißig studiert hat.

Schade eigentlich - das Leben wäre so einfach.

 

Links

(1) Empfehlungen der STIKO 2012

(2) Influenza-Arbeitsgemeinschaft am Robert-Koch-Institut

(3) Influenza Wochenberichte

(4) Erläuterungen zu den Empfehlungen der STIKO 2009

 

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