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  • Miriam Heuser
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  • 27.11.2017

Hallo Wien, hallo Psychiatrie!

Polizeieinsatz, Stuhlkreis zur Morgenbesprechung und Einblicke in die Realitätswahrnehmung eines Menschen – das hat ein Praktikum auf der psychiatrischen Station zu bieten.

 

Psychiatrie in Wien, der Stadt Freuds. Das bietet sich doch an, dachte ich, als ich die Fächer für mein Erasmussemester auswählte. Als Erasmusstudentin rutsche ich an der MedUni Wien automatisch in das fünfte Studienjahr, in dem sechs Fächer in Theorie und Praxis unterrichtet werden. Vier Monate später ist es soweit: Das Wintersemester beginnt für mich mit Psychiatrie als erstem Block.

Und dann bin ich zweieinhalb Wochen auf der akutpsychiatrischen Station. Umgeben von Menschen in tiefster Verzweiflung, paranoidem Wahn, Panikbuttons und verschlossenen Türen. Ich spreche mit Menschen, die nicht verstehen, wieso sie da sind und solchen, die sich das Leben außerhalb der Station nicht mehr zutrauen. Wieso erscheint mir das alles so fremd, wieso habe ich das alles noch nie gesehen?

Mir kommt es vor, als sind psychische Erkrankungen innerhalb unserer Gesellschaft die meiste Zeit unsichtbar. Ob jemand depressiv ist, Suizidgedanken hat oder stimmungsstabilisierende Medikamente nimmt, ist im Gegensatz zu einem gebrochenen und eingegipsten Bein nicht von außen erkennbar. Solange die Betroffenen am (Berufs-)Alltag teilnehmen und ihre Symptome nicht auffallen, gehen alle anderen schlichtweg davon aus, dass sie gesund sind. Psychopharmaka, stationäre Aufenthalte oder Psychotherapie sind Themen, die oft als Privatsache angesehen und höchstens im engen Familien- oder Freundeskreis besprochen werden. Nicht zuletzt, weil eine psychiatrische Diagnose Ablehnung, Ausgrenzung und Benachteiligung durch das Umfeld bedeuten kann. Das, was ich jetzt auf der akutpsychiatrischen Abteilung sehe, sind psychiatrische Erkrankungen in ihrer zugespitzten, hochakuten Form, die im Alltag keinen Platz haben. Und auch ich sehe diese Seite nur, weil es Teil meiner medizinischen Ausbildung ist.

An meinem ersten Tag wird ein fahriger Patient mit einer bekannten Schizophrenie ins Übergabezimmer gebracht, begleitet von drei Polizisten. Er schlägt um sich, muss zur Medikamentengabe fixiert werden. Zitternd und kichernd liegt er auf der Untersuchungsliege und redet unzusammenhängend von verstopften Rohren und wichtigen Anweisungen, die er uns nicht verraten dürfe. Einige Tage und Medikamente später kann er sich selbst nicht mehr genau an diesen Vorfall erinnern. Im Gespräch mit einem Arzt erzählt er, dass ihn die Stimmen in seinem Kopf mittlerweile gar nicht mehr so sehr stören, solange sie nicht zu laut werden. Er ist oft einsam und freut sich über die Gesellschaft, selbst wenn sie nur ein Produkt seines Gehirns ist.

Der Alltag auf der psychiatrischen Station ist herausfordernd, selbst wenn wir meistens im Kreis sitzen und Kaffeekapseln großzügig mit mir geteilt werden. War ich anfangs noch stolz, im letzten Semester die Psychopharmaka und Antiepileptika so gut gelernt zu haben, merke ich jetzt, dass mir dieses Wissen wenig bringt, wenn statt Wirkstoffen immer nur die Handelsnamen der Medikamente genannt werden. Das ist der Unterschied zwischen Studium und Praxis, denke ich mir, während ich meinen Pharmakologie-Professor im Kopf schimpfen höre, dass dadurch die Verwechslungsgefahr von Medikamenten steige.

Jeder medizinische Fachbereich hat seine eigene Sprache und zur Psychiatrie gehören Begriffe wie formale Denkstörung, Affizierbarkeit, F20.0, Hypomanie und Gedankenausbreitung. Also werden wieder Bücher gewälzt, ICD-10-Kriterien nachgeschlagen und das Handy zum heimlichen Nachschlagen während der Visite in die Manteltasche gepackt. Bei somatischen, den Körper betreffende Krankheiten, helfen einem Laborwerte, bildgebende Verfahren und Untersuchungen beim Suchen nach der Krankheitsursache. Aber was in der Gedankenwelt des Patienten vorgeht, bilden diese Werte nicht ab, sodass das Gespräch zum Mittelpunkt der Diagnostik und des Stationsalltags wird.

Die Gespräche zwischen Patient und Arzt, bei denen ich zuschauen darf, gehören zu meinen liebsten Momenten. Die abzufragenden Inhalte sind zwar relativ schnell gemerkt, aber wie man die Fragen formuliert, an den richtigen Stellen nachhakt und ein vertrauensvolles Verhältnis zum Patienten aufbaut, lernt man erst durch jahrelange Übung. (Eine kleine Eselsbrücke für den psychopathologischen Status: DEPMANG – Depression, Manie, Angst; KOWAHA – kognitive Störung, Wahn, Halluzination; SUALMED – Suizidalität, Alkohol, Medikamente/Drogen)

In der Pharmakologie-Vorlesung zum Thema Psychopharmaka habe ich gelernt, dass Neuroleptika durch ihre extrapyramidale Wirkung das klinische Bild eines Parkinsonpatientens mit verlangsamten Gang, Ruhetremor, starrem Gesichtsausdruck und verwaschener Sprache schaffen. Nach dem langen Wochenende erkenne ich einen Patienten nur noch an seiner Zimmernummer. Wie tiefgreifend Medikamentennebenwirkungen sein können, begreife ich erst jetzt richtig. Am Freitag wurde die Auffrischung seines Neuroleptika-Depots auf nächste Woche verschoben. Und während dieser Patient bislang über den Gang schlurfte und die Augen kaum offen behielt, steht er jetzt laut protestierend und selbstbewusst vor dem Stationszimmer und fordert neue Zigaretten.

Das Reizvolle und gleichzeitig Schwierige an dem Fachbereich Psychiatrie ist, dass im Zentrum der medizinischen Aufmerksamkeit die Realitätswahrnehmung eines Menschen steht. Und die ist oft so schwer greifbar wie die Wirkmechanismen der Medikamente, bei denen man anfangs gar nicht weiß, wo die Psychose aufhört und die Nebenwirkungen anfangen, und die gleichzeitig die Rückkehr in einen normalen Alltag ermöglichen können.

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