• Bericht
  • |
  • Daniel Soriano
  • |
  • 26.03.2013

Klinische Chemie für Anfänger und Genießer

Wer kennt sie nicht? Diese possierlichen Glaskaraffen, die man in südlichen Restaurants serviert bekommt, vornehmlich gefüllt mit schwerem Rotwein oder je nach Geschmack und Hauptspeise auch mit einem leichten Weißen. Diese Kännchen werden auch im Praktikum der klinischen Chemie serviert, doch handelt es sich bei der Füllung nicht um Genussmittel…

Das Zentrallabor der Universität Freiburg bietet nach dem neuen Curriculum den fünften oder sechsten Semestern ein Praktikum in klinischer Chemie an. Hier eignet sich der Student in Kleingruppen unter Aufsicht eines fähigen Arztes oder Laborassistenten die Fähigkeiten an, die man später im Berufsalltag benötigt, um Berichte über die Blutwerte seiner Patienten zu verstehen, zu interpretieren und daraus letzten Endes praktische Konsequenzen zu ziehen. Weiterhin erhält jeder Praktikant die Möglichkeit die erlernten Verfahren mit seinen eigenen Körperflüssigkeiten durchzuexerzieren und erhält dadurch tiefgreifende Einblicke in seine Laborwerte.

Blutige Verwirrung

Dadurch, dass das Praktikum aus dem neunten Semester in das erste klinische verlegt wurde, stolperten die frisch gebackenen Kandidaten der Medizin etwas unbeholfen in die ersten Tage. Ohne Wissen in der Inneren Medizin blieben viele Laborwerte bloß Zahlen und ohne Erfahrungen in Famulaturen wurde das anfängliche Blutabnehmen zu einer waghalsigen Schlacht, bei der Studenten dann Unterstützung erhielten, sobald sie ohnmächtig von ihren Schemeln sanken.

Doch schnell gewöhnten wir uns an diese neue Atmosphäre, nur nicht an die verwendeten Lanzetten für Blutzuckermessungen oder Blutausstriche: diese vorkriegszeitlichen Waffen imponieren mit ihrer Spitze von 5 gewaltigen Millimetern und einem unbehaglichen Umfang von gefühlten zwei Millimetern. So hallte durch den Laborsaal immer wieder ein Schrei der Agonie, wenn ein Mitstudent einen Finger seines Sitznachbarn mit dem metallenen Dorn penetrierte, um an seinen ganz besonderen Saft zu gelangen.

 

Das Mediziner-Quartett

Doch bald spürten wir nichts mehr in den Fingern und die Gemüter erhellen sich. Schnell lernten wir Erkrankungen in Zahlen zu packen und aus Zahlen Krankheiten hervorzuzaubern und an vorderster Front kämpften wir mit Abkürzungen, denn es wäre kein laborchemischer Parameter, wenn er kein Kürzel besäße. Außerdem lassen sich diese Zahlen abbilden auf vornehmen Ausdrucken, wie man sie später auf Station erhält. Diese Papiere erzeugen eine Ahnung davon, was nach dem zweiten Staatsexamen erfolgreiche Absolventen erwartet.

Zudem eignen sich diese Ausdrucke hervorragend für Quartett-Spiele mit seinen Kollegen:
"Ich habe 153 mg/dl LDL und du?"
"Ach, das ist nicht so wichtig, dafür habe ich 43 mg/dl HDL!"
Ein zarter Hauch von geistiger Reife durchzieht dabei den Kurssaal und entflieht durch die Abluftsysteme.

 

Glorreiche Gefäße

Neben all diesen Tests der Gerinnung, der Leber, des Pankreas, des Herzens, der Blutfettwerte, ist doch ein Kurstag ein besonders glorreicher, der uns Studenten wohl in Erinnerung bleiben wird. Thema: Niere.

Hier erhält jeder Student eine Karaffe aus Glas. Sie fasst um die 500 ml Flüssigkeit und hat mit ihrem geschlungenen Henkel und der verzierten Nase ein hübsch anzusehendes Erscheinungsbild. Mit Hilfe dieses Auffanggefäßes darf jeder Student auf den neben dem Kursraum ansässigen Toiletten einen Erststrahlurin gewinnen, den er dann –mit mächtiger oder bescheidener Schaumkrone und gesenktem Blick– quer durch den gesamten Kurssaal tragen darf, verfolgt von den interessierten Blicken seiner Kollegen.
Am Platz angekommen erklärt der Kursassistent: "Man kann hier viel über sich lernen." Und er sollte recht behalten.

Am Abend treffe ich mich mit Freunden im La Piazza. Ein Wein wird gereicht. Ich sage unvorsichtigerweise: "Heute haben wir unseren Urin in genau so einer Karaffe untersucht. Wir haben den pH-Wert gemessen, nach Blutzellen gesucht, dann das Urinsediment aufgewirbelt und es danach im Mikroskop betrachtet –"
Während meine Freunde schweigen, starrt ein Mann am Nebentisch entsetzt auf seinen Gutedel. In meinem Kopf erscheint mein Kursassistent und flüstert mir zu: "Man kann hier viel über sich lernen."
Na dann – Prost.

Mein Studienort

Medizinstudenten berichten aus ihren Unistädten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 100 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete
Cookie-Einstellungen