• Bericht
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  • Anika Wolf
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  • 08.11.2012

Doppelpremiere: Tante Doktor und In Weiß

Ein ungewöhnliches Bild in der alten Frauenklinik: Lichterketten an Wänden und Fenstern, Bilder werden aufgehängt, Instrumente aufgebaut. Wo seit dem Umzug der Gynäkologie in den Neubau sonst nur noch Vorlesungen, Seminare und Praktika stattfinden, gibt es heute eine besondere Veranstaltung: Gießener Studenten beweisen gleich doppelt, dass sie nicht nur lernen, sondern auch wahnsinnig kreativ sein können.

Die Gänge der Frauenklinik sind vollgestopft mit Menschen, darunter viele Medizinstudenten. Die Oberbürgermeisterin ist da, auch das Studiendekanat ist vertreten. Mit solchem Andrang hatte an diesem Abend vermutlich keiner gerechnet.

Der Arzt, Halbgott in weiß?

Der Arzt als Halbgott in weiß, immer hilfsbereit und immer zur Stelle. Eine weit verbreitete Vorstellung. Dass in dem hübschen weißen Gewand ein Mensch steckt, wird im stressigen Stationsalltag nicht selten vergessen. Umso wichtiger wird das Thema des Abends: Arzt sein, Mensch bleiben. Und das betrifft beide Seiten der Beziehung: den Arzt, dem es nicht schadet, sich auch einmal in den Patienten hineinzuversetzen. Ebenso der Patient, der den Arzt nicht als Übermenschen sehen sollte, sondern auch ruhig einmal hinterfragen darf. Wie viel kreatives Potenzial in den zwischenmenschlichen Erlebnissen des Klinikalltags steckt, zeigen die musikalisch und literarisch verarbeiteten Erlebnisse eindrucksvoll. Und es beweist, dass auch Ärzte nicht alles kalt lässt, was sie täglich erleben.

Unsteril - im wahrsten Sinne des Wortes

"Unsteril" heißt das erste Album der Band "Tante Doktor". Die fünf Musiker sind eine Abspaltung der Gruppe "elephant-toilet", die für ihr medizinisches Kabarett in Gießen bekannt sind.

 

Die Band Tante Doktor - Foto: A. Wolf

 

Kennt man sonst eher die lustigen Parodien der Kabarettgruppe, werden hier auch ernstere Töne angeschlagen. Situationen ganz "unsteril" enthüllt, die sonst lieber beschönigt oder verdrängt werden. "She's giving in, hanging on this life machine, this is death tango, do you dance or do you want to go?" Unterlegt mit den rhythmischen Geräuschen von EKG- und Beatmungsgeräten entsteht ein mitreißender Klang, der gleichzeitig nachdenklich macht. Eingängig und sehr beeindruckend auch das Lied "Injection of Wealth" über einen drogenabhängigen Patienten: "Show me the place, I wanna be there in the far away land, hiding from here. It's over, I surrender. This injection of wealth, with power and health, takes us away, it shall get us higher for better ways."

"in weiß"- Ärzte in und aus allen Perspektiven

Auch das neue Magazin "in weiß", dessen Idee im Rahmen eines Seminars zum Fach "Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin" entstand und das zum großen Teil von Studenten gestaltet wurde, zeigt auf sehr vielfältige Art, wie junge Ärzte ihre Erlebnisse verarbeiten.

PDF von in weiß

Zwischen "Fakt und Fiktion" steht die Geschichte einer Famulantin, die die Klinikerlebnisse eines Kriegsflüchtlings aus Tschetschenien so erzählt, wie sie wohl die Patientin selbst erlebt haben muss. Andere Berichte zeigen das Spannungsfeld "Schwangerschaftsabbruch", die ärztliche Behandlung von Obdachlosen oder stellen Projekte wie die Klinikclowns vor, die den Krankenhausalltag menschlicher gestalten sollen.

Ein ganz anderer Beitrag, ein wenig Auflockerung zwischen vielen ernsten Themen: das als Poetry Slam verarbeitete Auslandssemester in Teneriffa. Wohnungssuche in der Universitätsstadt La Laguna: "Ich so: Hola. Dann folgten in der Regel viele spanische Worte, die ich damals nicht verstand.
Auf Deutsch müsste das aber ungefähr folgenden Inhalt gehabt haben: Also wenn du wegen des Zimmers anrufst, das haben wir schon vergeben. Ich: Soy de Alemania y busco habitación…"

 

Arzt sein, Mensch bleiben

Ein Abend ganz im Zeichen der Menschlichkeit in der Medizin. Ein Magazin, in dem es vieles zu entdecken gibt, das nachdenklich stimmt. Musik, die eingängig ist, wahnsinnig gut klingt und deren Texte wahrer nicht sein könnten. Bilder und Videos von Erlebnissen in den Krankenhäusern in aller Welt. Keine leichte Kost und doch so gut, weil sie eine Seite der Medizin beleuchtet, die häufig viel zu kurz kommt.

Die Homepage der Band (inklusive Hörproben vom ersten Album) findet ihr hier:

Tante Doktor

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