• Bericht
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  • Anika Wolf
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  • 29.08.2013

Eine Reise durch die Innere Medizin

Lokalredakteurin Anika dachte eigentlich, dass der Anatomie-Schein der härteste war, den sie sich je erarbeiten musste. Doch als das Fach Innere auf ihren Stundenplan rückt, ändert sich ihre Meinung.

Rückblick. Vorklinik Gießen, vor einigen Semestern. Eine Horde Studenten steht über den Präptisch gebeugt. Verzweifeltes Suchen nach Nerven und Muskeln mit komplizierten Namen. Anschließend ein Dutzend mikroskopische Präparate. Und der sehnliche Wunsch, endlich den Anatomie-Schein zu bekommen. Einige Semester später, ein ähnliches Szenario. Herold-Bücher, Differenzialdiagnosen, Blutbilder. Diesmal heißt die große Hürde Innere Medizin.

Da wagte man nach der Anatomie doch tatsächlich zu denken, den größten und am härtesten erarbeiteten Schein eines jeglichen Medizinstudiums in den Händen zu halten. Das war allerdings, bevor man dem Herold und den ungefähr sieben Millionen Krankheitsbildern der Inneren Medizin begegnete. Ein spannendes, aber sehr umfangreiches Fach, das erstmal gelernt werden will.

Innere bis zum Abwinken

Und so vergeht in diesem Semester kein Tag ohne die Innere Medizin. Sogar einen eigenen Namen hat unser Innere-Marathon: GiCuMed, Gießener Curriculum der Inneren Medizin.

Jeden Morgen geht es los mit der Leitsymptom-Vorlesung. Eine Woche lang steht nun ein bestimmtes Leitsymptom auf dem Programm, von Fieber und Bauchschmerzen über Atemnot bis hin zu Ödemen. Oft ist auch ein Patient dabei. So lernen wir jeden Tag neu, dass es für einfach jedes Symptom gefühlte 300 Ursachen gibt und damit die Liste an Differentialdiagnosen ins Unendliche wächst. In etwa proportional zur Panik, das alles wissen zu müssen.

Zum Vertiefen und Panik verringern gibt es aber noch viermal pro Woche den Modulunterricht. Jeweils zwei Wochen lang geht es hier um alle erdenklichen Krankheitsbilder aus den Bereichen Kardiologie, Pneumologie, Hämatologie/ Onkologie, Gastrologie/ Nephrologie und Endokrinologie/ Rheumatologie.

Jeden Montag, manchmal auch freitags, kommt dann der POL-Unterricht dazu. POL bedeutet "Problemorientiertes Lernen" und das heißt, dass wir ein Problem, in diesem Fall eine Patientengeschichte, vorgestellt bekommen und strukturiert einen Plan zur Vorgehensweise erarbeiten müssen. Das kann man sich in etwa so vorstellen wie in der Notaufnahme. Erst die Anamnese und dann entscheiden, welche Untersuchungen und Therapieschritte wir einleiten. Ein netter und nicht allzu anstrengender Kurs.

Entdecken unbekannter Krankheitsbilder

Richtig klinisch wird es dann, je nach Gruppe, dienstags oder donnerstags. Dann sind wir in Fünfergruppen auf einer Station der Inneren Medizin in der Uniklinik oder einem Lehrkrankenhaus und können ganz selbstständig Patienten befragen und untersuchen.  

Ich selbst war im Evangelischen Krankenhaus in Gießen. Jede Woche stehen (bzw. liegen) zwei neue Patienten für uns bereit, die wir jeweils zu zweit oder dritt besuchen. Und so können wir alles von der Anamnese bis zu den Untersuchungstechniken anwenden, was wir jemals gelernt haben. Ein ausführliches Gespräch ("Ja, wir wollen wirklich ALLES wissen!"), wobei es gar nicht so leicht ist, wie es klingt, die Krankheitsgeschichte wirklich komplett zu erfahren. Nicht selten stelle man sich das ungefähr so vor: "Haben Sie irgendwelche bekannten Vorerkrankungen?" "Vorerkrankungen? Nee, nee, ich bin ganz gesund!" "Diabetes vielleicht?" "Ach ja, ein bisschen Zucker hab ich." "Bluthochdruck?" "Den hab ich ja ganz vergessen!" "Herzerkrankungen?" "Meinen Sie den Bypass?"

Und ja, es kann sogar vorkommen, dass sprachliche Schwierigkeiten auftauchen. Nicht etwa, weil der Patient türkisch, russisch oder italienisch spricht, sondern hessisch! So erzählt ein Patient mehrmals von seiner "Peritoneal-DP", die er vor einigen Jahren hatte, die aber sehr selten sei. Naja, schreiben wir es mal auf, der Oberarzt weiß sicher, was das ist ... Bei der Fallbesprechung schaut uns der Oberarzt erst fragend an, überlegt eine Weile und bricht schließlich in schallendes Gelächter aus. Es ist eine "TB", eine Tuberkulose. Und auch sonst sind diese Fallbesprechungen sehr lehrreich, da wir jedes Mal mit einem Oberarzt gemeinsam die Patienten nochmals untersuchen und alles Wichtige erklärt bekommen.

 

Rundreise durch Praxis und Ambulanz

Jeden Mittwochmorgen werden die Ambulanzen und Praxen rund um Gießen von Studenten bevölkert. Die Studenten sind zu sechs Terminen eingeteilt. So geht es zum Beispiel vom Dialysezentrum zur Bronchoskopie, weiter zum Herzecho mit einem Abstecher über die Onkologie bis in die Tiefen des Uniklinik-Kellers, wo sich die Nuklearmedizin befindet. Ein kurzer Überblick, auch wenn man meistens nur zuschauen und nicht selbst Hand anlegen darf.  

Endspurt!

Und dann, ganz am Ende des Semesters, müssen wir zum Zehnkampf antreten. Nein, nein, nicht mit Hundert-Meter-Lauf in der Notaufnahme, Rollstuhl-Wettfahren und Bettpfannen-Weitwurf. Man ist zu zehnt in einem Raum, wo sich zehn Stationen mit jeweils einem Arzt befinden und wird an jeder Station ein anderes Fachgebiet abgefragt. Man muss EKGs auswerten, Röntgenbilder und Gastroskopie-Bilder befunden oder einen Stick in eine Urinprobe tauchen und anschließend bewerten. Und damit wir nach diesem ganzen Erzählen das Kreuzen nicht verlernen, gibt es etwa zwei Wochen später noch eine schriftliche Klausur und die ist wirklich eine harte Nuss. Aber: wenn man das alles geschafft hat, ist man endlich um einen Innere-Schein reicher!  

 

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