• Bericht
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  • Anika Wolf
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  • 19.08.2010

La teta asustada: Kinoabend zu Medizin in Lateinamerika

"Fausta, du blutest wieder!" Die junge Frau fällt ohnmächtig zu Boden. Vor wenigen Minuten ist ihre geliebte Mutter gestorben. Nun kommt Faustas Angst wieder hervor. Diese Angst, so glauben die Peruaner, hat sie bereits mit der Muttermilch aufgesogen. Denn Faustas Mutter wurde während der Schwangerschaft vergewaltigt und misshandelt. So beginnt der Film "La teta asustada" - und der Kinoabend, organisiert vom Institut für Geschichte der Medizin.

Fausta hat Angst. Immer. Sie traut sich nicht allein auf die Straße, redet kaum, blickt ständig völlig verstört. Nach ihrem Zusammenbruch bringt ihr Onkel sie ins Krankenhaus. Was die Ärzte dort finden, ist erschreckend: Fausta hat sich eine Kartoffel in die Vagina gesteckt, um sich vor einer Vergewaltigung zu schützen. "Lieber eine Kartoffel als was anderes. Nur der Ekel hält ekelhafte Menschen fern."

Der Arzt macht die Kartoffel für Faustas schlechten Zustand verantwortlich, aber ihr Onkel hat eine andere Erklärung: Fausta leidet an einer Krankheit, die die Bewohner der Anden als "erschrockene Mutterbrust" (deutsche Übersetzung von "la teta asustada") bezeichnen. Alles Leid ihrer Mutter sei durch die Muttermilch auf sie übertragen worden. Der Arzt aber kann damit nichts anfangen: "Es gibt keine Krankheit, die "La teta asustada" heißt."

Doch Fausta leidet weiter. Sie möchte ihre tote Mutter in ihr Heimatdorf zurückbringen, doch ihr fehlt das Geld. Also beginnt sie als Angestellte im Haus einer Pianistin zu arbeiten. In der Musik findet Fausta ihre Zuflucht: immer wenn sie verunsichert ist, singt sie, beruhigt sich mit selbst erfundenen Liedern in ihrer indianischen Muttersprache Quechua.

Fausta beginnt zu kämpfen

Als die Pianistin den Gesang hört, bietet sie Fausta an, ihr für jedes Lied eine Perle ihrer Halskette zu schenken, mit denen Fausta die Beerdigung ihrer Mutter bezahlen kann. Bis zum Abend eines wichtigen Konzerts sind alle Perlen in Faustas Besitz übergegangen. In der Garderobe des Theaters hört Fausta die Klavierklänge, erkennt plötzlich ihr eigenes Lied wieder. Die Pianistin hat großen Erfolg damit, Fausta aber wird jetzt nicht mehr gebraucht und ohne ihren versprochenen Lohn entlassen.

Fausta ist zutiefst enttäuscht. Sie hat es nicht geschafft, das Geld für die Beerdigung zu besorgen. Doch dann trifft sie einen mutigen Entschluss: trotz ihrer Angst kehrt sie in der Nacht zum Haus der Pianistin zurück, um sich das zu nehmen, was ihr zusteht.
Auf dem Rückweg bricht sie zusammen. Noé, der Gärtner der Pianistin, der ebenfalls Quechua spricht und mit dem sie eine schüchterne Freundschaft geschlossen hat, findet sie und bringt sie ins Krankenhaus. Die Perlen hält Fausta währenddessen fest umschlossen. Bald geht es ihr besser und sie kann sich endlich um das kümmern, wofür sie all das auf sich genommen hat, es sogar geschafft hat, ihre Angst zu überwinden: die Beerdigung ihrer Mutter. An einem schönen Platz mit Blick aufs Meer soll sie ihre letzte Ruhe finden. Und noch etwas anderes befreit Fausta: die Kartoffel steht jetzt als blühende Pflanze vor ihrer Tür.

Der historische Hintergrund

Ein Film, der schockiert, berührt, nachdenklich macht. Der Hintergrund: Ende der 1980er Jahre war die peruanische Bevölkerung, besonders das indigene Volk, zu dem auch Fausta und ihre Familie gehören, völlig verarmt. Aus Protest bildete sich die Bewegung "Leuchtender Pfad", die einen gewaltsamen Sturz der Regierung herbeiführen wollte. So kam es zum Bürgerkrieg in Peru. Viele Frauen wurden vom Militär vergewaltigt und misshandelt. Es gab 70.000 Todesopfer, die größtenteils indianischer Abstammung waren. In den 1990er Jahren stießen Medizinanthropologen auf Beschreibungen der Krankheit "La teta asustada". Die Anregung zum Film entstand.

Reaktion der Zuschauer

Nach dem Abspann herrscht leises Gemurmel im Kinosaal. Der Film hat zum Nachdenken angeregt, es besteht Diskussionsbedarf. Dazu stehen Experten zu Verfügung. Prof. Dr. Anika Oettler, Soziologin aus Marburg, die sich mit der Aufarbeitung des inneren Konflikts in Peru befasst hat steht ebenso bereit wie Prof. Dr. Susanne Schlüter-Müller, Ärztin für Kinder- und Jungendpsychiatrie aus Frankfurt, die mit traumatisierten Flüchtlingskindern arbeitet und Dr. Michael Knipper vom Institut für Geschichte der Medizin in Gießen, der sich mit Medizingeschichte und -ethnologie in Südamerika beschäftigt.

Eine junge Besucherin macht den Anfang: Sie findet es gut, dass die Auswirkungen von Traumata der Eltern auf ihre Kinder thematisiert werden. Man könne daraus lernen, dass nicht nur der Patient selbst Hilfe braucht, sondern auch seine Angehörigen unter dessen Krankheit zu leiden hätten.

Wichtig ist aber auch: nicht nur das wird hier thematisiert, sondern auch die Geschichte Perus wird aufgearbeitet, man stellt sich den Gräueltaten während des Bürgerkriegs und ihren Auswirkungen auf die Gegenwart.

Dennoch merkt Prof. Dr. Schlüter-Müller an, dass die Wahrheit nicht so aussieht wie im Film. Faustas Onkel unterstützt sie nach dem Tod ihrer Mutter, die ganze Familie scheint harmonisch. Die Wirklichkeit aber sieht so aus: wie in vielen Kulturen ist es auch in Peru in der Regel so, dass vergewaltigte Frauen und ihre Kinder von ihren Familien verstoßen werden, man will mit ihnen nichts mehr zu tun haben. Nicht selten vergehen sich sogar die Ehemänner ein weiteres Mal an ihren Frauen.

Was bewirkt der Film in Peru?

In Peru gab es zunächst Kritik an der Verfilmung dieses Themas, wie Prof. Dr. Oettler anmerkt. Die Darstellung von Fausta und Ihrer Familie, die als Emigranten aus der Provinz ein armseliges Leben in den Slums am Rande Limas führen, wird als sehr folkloristisch und überzeichnet beurteilt. Dr. Knipper denkt aber trotzdem, dass der Film im Land etwas bewegt hat. Die Grausamkeiten wurden angesprochen, nicht länger verschwiegen. Das von der Spanisch sprechenden Oberschicht ignorierte Quechua wurde auf die Leinwand gebracht.

Auch die Berlinale 2009, bei der der Film den Goldenen Bären gewann, habe sicher zu einer positiveren Bewertung beigetragen. Als erster peruanischer Film überhaupt war "La teta asustada" dort nominiert und wie Regisseurin Claudia Llosa, Nichte des Schriftstellers Mario Vargas Llosa, bei der Preisverleihung betont: "Das ist für Peru. Für unser Land."

Und medizinisch betrachtet?

Der Film basiert also auf der indianischen Vorstellung, dass Schmerz und Leid einer schwangeren Frau auch auf das ungeborene Kind übergehen. Ein interessanter medizinischer Ansatz. Inwieweit werden psychische Störungen einer Mutter auf ihr Kind übertragen?

Unwahrscheinlich ist es nicht. Die Gefühlswelt einer depressiven Mutter, die ständig abwesend und traurig ist, wird selbst einem noch so kleinen Baby nicht verborgen bleiben. Fausta hat ihre Mutter schon immer so erlebt, kennt nichts anderes. Die Angstzustände und die Furcht vor Vergewaltigung und Misshandlung, Fausta ist damit aufgewachsen. Da ist es nicht verwunderlich, dass auch die junge Frau darunter leidet. Ein westlicher Erklärungsansatz.

Für Fausta und ihre Familie aber begründet sich die verstörte Art Faustas in einer völlig anderen Sichtweise. Als die Leiche der Mutter einbalsamiert wird, soll Fausta die Brüste der Frau einreiben, denn die Tante will sich nicht anstecken. Ein völlig anderes Verständnis psychischer Leiden.

Auch hier steht die Übertragung psychischer Probleme von Müttern auf ihre Kinder im Mittelpunkt, trotzdem erscheint uns diese Erklärung aus Begriffen und Vorstellungen der indianischen Kultur fremd.

Hier prallen zwei Welten aufeinander. Was wir als Medizinstudenten daraus mitnehmen können: verschiedene Kulturen interpretieren Krankheiten vollkommen anders. Für uns mag die Erklärung der Peruaner befremdlich und absurd erscheinen, aber mit einer westlichen Erklärung wiederum ist Fausta nicht geholfen. Es ist also wichtig, auf die fremde Kultur einzugehen, sie zu akzeptieren. Zu versuchen, die Hintergründe und Vorstellungen zu verstehen, Gemeinsamkeiten zu entdecken.

Und sich damit auseinander zu setzen, dass Krankheiten auch psychische Komponenten besitzen, auch wenn man sich dazu auf komplexe psychologische Aspekte einlassen muss. Nicht allein die Kartoffel in Faustas Vagina ist Grund für ihr Leiden, auch wenn der Arzt es behauptet.

Die Sache mit der Kartoffel

Die Geschichte mit der Kartoffel beschäftigt viele. Gibt es wirklich Frauen, die sich so vor einer Vergewaltigung schützen wollen? Dazu ein Zitat der Regisseurin: "Die Geschichte mit der Kartoffel ist absolut fiktiv. Mir gefällt es, eine Welt zu erzeugen, in der die Realität die Fiktion einholt, in der die realen Fakten erdichtet scheinen und andersherum. Die Herausforderung besteht darin, eine echte und wahrhaftige Realität zu erschaffen, die diesen Schmelztigel aus Mythen und Fakten glaubwürdig erscheinen lässt, damit der Film die Zuschauer wirklich erreichen kann."

Ein Film, der bewegt

Auch wenn der Film für den westlichen Kinogänger fremdartig erscheint - erreicht hat er ihn. Dennoch sagt Prof. Dr. Schlüter-Müller dazu, die Depression Faustas sei sehr extrem dargestellt. Sie arbeite oft mit traumatisierten und depressiven Flüchtlingen, aber niemand sei dauernd so verstört, traurig und ängstlich.
Sie hat recht: Faustas Auftritte, ihre Blicke, sind kaum auszuhalten, erdrücken einen förmlich. Doch trotzdem oder vielleicht gerade deswegen bewegt der Film, hinterlässt Eindruck.

Auch nach dem Verlassen des Kinos.

Herzlichen Dank an Dr. Michael Knipper für die freundliche Unterstützung, die Tipps und die Hilfen, die mir die peruanische Kultur nun etwas näher gebracht haben!

Mehr Infos zur Reihe "Interkulturelle Medizin/ Medizin in Lateinamerika" gibt es unter folgenden Links:

Institut für Geschichte der Medizin

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