• Bericht
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  • Anika Wolf
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  • 23.05.2013

Mit dem Notarzt unterwegs

Ich habe lang darauf gewartet. Wirklich lang. Jedes Mal, wenn ich so ein hübsches orange-weißes Auto mit Blaulicht an mir vorbei schießen sehe, denke ich: "Da willst Du auch mal mit." Und dann endlich, am letzten Tag meiner Anästhesie-Famulatur ist es so weit: Ich darf beim Notarzt mitfahren!

Notarztwagen - Foto:Thomas Möller/Thieme Verlagsgruppe

Ein Anruf und ich bin dabei

Organisatorisch war die Sache unkompliziert. In meiner letzten Famulatur-Woche habe ich einen Oberarzt gefragt, ob ich NEF mitfahren darf. Ein kurzer Anruf beim Roten Kreuz und die Sache war geregelt. Ich musste noch ein Formular unterschreiben, dass ich den Fahrer nicht verklage, wenn er einen Unfall baut. Das sind ja schon mal beruhigende Aussichten. Die Einsatzkleidung habe ich von einer netten Anästhesistin geliehen bekommen.

 

Warten...warten…warten

Am letzten Tag der Famulatur ist es so weit. Ich muss sagen, dunkelblau mit neon-orange steht mir verdammt gut. OP gegen Bereitschaftszimmer zu tauschen, ist auch eine nette Abwechslung. Nun ist es ja so, dass man nie weiß, wann der nächste Einsatz kommt. Wenn es dann soweit ist, muss man auch direkt los zum Auto. Es ist aber auch so, dass ich unter der chronischen Angst zu verhungern leide, wenn nicht immer etwas Essbares in meiner Nähe ist.

Mein Plan ist also, mich dauerhaft in einem Zustand zu halten, in dem ich weder Hunger noch Durst habe und nicht aufs Klo muss. Man stelle sich nur vor, ich wollte gerade völlig ausgehungert in mein Brot beißen und wir müssten zum Einsatz! Welche Katastrophe! Allein die Durchführung dieses Plans ist schon ziemlich cool und aufregend. Im Gegensatz zum normalen Klinikalltag, wo man nie weiß, wann man das nächste Mal zum Essen kommt, packe ich mindestens jede dreiviertel Stunde meine bis zum Anschlag vollgestopfte Brotdose aus, um meinen Sattheits-Zustand aufrecht zu erhalten. Und dann der Nervenkitzel, mittags mit vollem Essenstablett von der Kantine zum Bereitschaftszimmer zu gelangen! Was mache ich jetzt, wenn im Aufzug der Piepser los geht? Mein Essen auf- und abfahren lassen, bis ich wieder zurück bin?

Ein Großteil der Zeit ist meine Besorgnis umsonst, denn genau an diesem Tag scheint die Bevölkerung des Lahn-Dill-Kreises beschlossen zu haben, sich bester Gesundheit zu erfreuen. Nach sechs ereignislosen Stunden bietet mir die Notärztin an, ich könne auch woanders hingehen, wenn mir das Warten zu blöd sei. Natürlich tue ich das nicht. Ich habe so lange auf diesen Tag gewartet, jetzt werde ich auch auf einen Einsatz warten. Auch wenn es noch drei Stunden dauert.

 

Lasst mich durch, ich bin Arzt!

Aber schon eine halbe Stunde später ist es so weit. Plötzlich steht die Notärztin auf und meint: "Jetzt geht's los!" Während ich noch rätsele, woher sie das weiß, geht der Notfallalarm unserer Piepser los. Wie ich hinterher herausfand, vibrieren die Piepser, bevor sie piepsen, das war mir aber nicht aufgefallen. Ich schnappe also meine Jacke und los geht es durch das Treppenhaus (Lasst mich vorbei, ich muss zu einem Notfall!) und über den Hof, wo der Rettungsassistent schon mit dem NEF um die Ecke kommt. Die Notärztin und ich steigen ein und schon geht es mit lautem Tatütata los. Wie nett, dass alle Autos Platz machen, als wir aus der Liegendeinfahrt kommen! Und auch beim Linksabbiegen müssen wir nicht warten!

Jedenfalls war ich schon mehrmals in dem Ort, wo der Einsatz angekündigt war, allerdings noch nie so schnell. Innerorts mit Tempo 80 durch die engen Gässchen einer 30er-Zone sind schon nicht schlecht. Vor uns her der Rettungswagen im selben Tempo. Schon von weitem sieht man auf der Landstraße mehrere Autos stehen. Unser Patient läuft mit blutverschmiertem Gesicht mit seinem Fahrrad am Wegrand. Der Rettungswagen hält und die Besatzung steigt aus, genauso wie die Notärztin und ich. Der Patient schwankt, ist blutverschmiert und völlig verwirrt, will sich aber beim besten Willen nicht im RTW behandeln lassen. "Nein, nein, ich muss weiter!" stammelt er ununterbrochen. Auch die Polizei ist bereits verständigt worden, aber noch nicht da. Der Sani holt ein Funkgerät. "Gebt mal ein bisschen Gas, unser Patient haut ab!" Und dann, ein bisschen wie in einem Hollywood-Film, kommt die Polizei.

Von hinten mit Blaulicht angebraust schneidet sie dem Patienten den Weg ab. Auch die Polizisten brauchen einige Zeit um unseren Patienten von einer Behandlung zu überzeugen. Und dann bin ich zum ersten Mal so richtig in einem RTW. Es ist zwar ziemlich eng und heiß, aber wirklich spannend zu sehen, was im Notfall gemacht wird. Selbstverständlich, nachdem wir dem Patienten ganz professionell seine Klamotten vom Leib geschnitten haben. Und besonders toll ist natürlich, im RTW, mit Notarztwagen- und Polizeibegleitung und viel Tatütata wieder ins Krankenhaus zu fahren. Wie es sich für einen spannenden Einsatz gehört, werden wir direkt vom Schockraum-Team empfangen. So kann ich auch das gleich miterleben. Ein Haufen Gewusel, aber irgendwie weiß doch jeder, was er zu tun hat. Und ich bin rundum glücklich, dass sich mein langes Warten doch gelohnt hat.

Okay, wann geht es weiter? Ich hatte mir schon lange vorstellen können, später als Notarzt zu arbeiten und diese Mischung aus Anspannung, Adrenalinschub und schnellen Entscheidungen hat mir wirklich gut gefallen. Bitte, bitte, noch ein Einsatz.

 

Nochmal losdüsen

Diesmal muss ich nur eine gute Stunde warten. Den Vibrationsalarm des Piepsers habe ich übrigens wieder nicht bemerkt … Ein Verkehrsunfall ist angekündigt. Wie beim ersten Mal geht es mit Blaulicht über die Straße. Oh, die Autos da vorne machen nicht schnell genug Platz. Egal. Einfach mittendurch fahren. Als ob auf eine zweispurige Straße nicht auch drei Autos passen würden. In einem Affenzahn fahren wir zum angekündigten Ort und finden… nichts. "Wie jetzt? Das war doch hier? Funk nochmal die Zentrale an. Keine Ahnung, fahren wir halt zurück. Ah, nein dahinten! Da stehen zwei RTWs!" Wie nett, dass uns die anderen Autofahrer zweimal hintereinander mitten auf der Straße wenden lassen. So ein Blaulicht auf dem Dach ist wirklich unglaublich nützlich.

Zwei Autos sind an einer Kreuzung aufeinander gekracht, schätzungsweise mit Tempo 100. Ich bin auf einen schlimmen Anblick gefasst. Und dann erleichtert, als ich sehe, dass der eine Fahrer schon mal selbst zum Rettungswagen läuft. Der andere Fahrer ist schon im zweiten RTW. Auch er sieht erstaunlich gut aus. "Durch den Airbag durch hab ich das Lenkrad verbogen", erzählt er. Der Thorax tut weh, eine Platzwunde im Nacken, wahrscheinlich ist ein Bein gebrochen. Erstversorgung im Rettungswagen. Schmerzmittel will der Patient nicht. "Ach, das geht schon."

Wir schauen uns den Patienten aus dem anderen Auto an. Er wirkt äußerlich unverletzt, redet aber wirr vor sich hin. "Die Schwierigkeit bei solchen Einsätzen ist, abzuschätzen, wer schwerer verletzt ist", erklärt mir die Notärztin. Nach einer kurzen Untersuchung entscheidet die Ärztin, im anderen RTW mitzufahren. Schnell hüpfe ich auch mit herein und wieder geht es mit Blaulicht los. Zum zweiten Mal an diesem Tag landen wir im Schockraum. "Na, Du nimmst ja heute alles mit", sagt der Anästhesist mit einem Grinsen. Die vollbelegte Intensivstation ist auch schon sehr erfreut, dass wir wieder einen Schwerverletzten mitbringen.

Eine Stunde habe ich noch Zeit, vielleicht fahren wir ja nochmal raus. Leider nicht. Trotzdem hat sich der Tag für mich gelohnt. Jetzt weiß ich definitiv: Notarzt wird ein Teil meines Berufs.

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