• Bericht
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  • Anika Wolf
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  • 07.05.2014

Unterwegs in der Psychosomatik

Zu den Pflichtkursen im klinischen Studienabschnitt gehört auch das Fach Psychosomatik. In Gießen gibt es zwei Varianten davon: ein Seminar über ein ganzes Semester oder eine Woche Blockpraktikum in der Klinik. Anika hat sich für die Praktikums-Variante entschieden.

 

Psychosomatik - Foto: Digital Vision

 

Ein Montagmorgen in den Semesterferien. Gleich musste ich mich auf den Weg machen zu unserem Psychosomatik-Praktikum. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, ob ich nicht doch lieber den Semesterkurs hätte nehmen sollen, um jetzt die Ferien zu genießen. Aber nein, dazu war es wohl zu spät. Auf ging die Reise nach Nordhessen Richtung Edersee. Als wir ankamen, waren schon einige Kommilitonen vor Ort. Mit 18 Leuten sollten wir die Woche gemeinsam verbringen und wohnten dazu auch alle gemeinsam in einem Hotel. Wenn man es so nennen konnte. Das Hotel entpuppte sich nämlich als ziemlich schäbiges, uraltes Ding, bei dem ungefähr seit dem Zeitpunkt meiner Geburt eine Renovierung überfällig gewesen wäre. Trotzdem sind laut dem Besitzer-Ehepaar bereits massig Berühmtheiten in dieser Unterkunft abgestiegen. Vom Frauenchor des Nachbardorfs (ja, das zählt da als berühmt) bis zum amerikanischen Geheimdienst (nach denen würde da nämlich niemand suchen). Ein bisschen hatte diese Woche schon etwas von Klassenfahrt, wie wir so zusammen wohnten und zusammen unterwegs waren. Als typische Kurstadt, in der es gefühlt mehr Klinikpatienten und Kurgäste gibt als Einwohner, ist man dort so viele junge Leute auf einen Haufen gar nicht gewohnt. Allein durch unser Alter konnten wir also in den Bars der Innenstadt oder dem Minigolfplatz schon Begeisterungsstürme auslösen. Aber eigentlich waren wir ja zu etwas anderem gekommen: dem Psychosomatik-Praktikum. Eine Woche verweilten wir in der örtlichen Klinik, hatten Seminare, lernten die Therapien kennen und waren auf den Stationen unterwegs. Auch die Patienten liefen sofort neugierig an uns vorbei, um zu schauen, was da für eine muntere Truppe eingefallen ist. Wir rechneten mit dem Schlimmsten, in diesem als „Laberfach“ verschrienen Gebiet. Und wurden gleich am Anfang überrascht, als uns ein Tisch mit Plätzchen, Obst und Getränken erwartete und wir außerdem vom Chefarzt persönlich täglich kostenloses Mittag- und Abendessen versprochen bekamen. Okay, vielleicht wird es ja doch nicht so schlimm…

Wir wurden jeweils zu dritt oder zu viert auf die Stationen aufgeteilt. Dort konnten wir auch direkt ein wenig Klinikalltag erleben. Jeder durfte an einem Aufnahmegespräch teilnehmen. Und das ist in der Psychosomatik definitiv viel ausführlicher als in allen Fächern, die ich bisher kannte. Eine Stunde Gespräch ist da nicht ungewöhnlich, damit man sich ein möglichst gutes Bild von dem Patienten und seinen Problemen machen kann. Auch die Gruppentherapien waren eine spannende Erfahrung. Alle versuchen dort gemeinsam, ein Problem zu lösen und geben dabei häufig sehr persönliche Sachen von sich preis. Selbst die Visite war so ganz anders, als man es von den anderen Fachrichtungen gewohnt ist. Die Ärzte und Therapeuten scheinen einfach bei allem viel mehr Zeit für die Patienten zu haben. Weil wir aber nicht bei allem dabei sein konnten und die Patienten bei den vielen neuen Gesichtern auch manchmal etwas argwöhnisch waren, gab es manche Veranstaltungen nur für uns Studenten. Da gab es einen Entspannungskurs, bei dem man seine Muskeln abwechselnd anspannen und dann wieder locker lassen sollte. Manche waren anfangs noch etwas belustigt über die seltsamen Bewegungen, aber irgendwann geriet fast jeder nahezu in einen Dämmerzustand. Aus manchen Ecken war sogar Schnarchen zu hören! Damit wir aber nicht vollends träge wurden, gab es auch viel Bewegung für uns. Wirklich gut war die Sporttherapie. Wir konnten Holzbretter zerschlagen, uns an Gummibändern durch die Halle ziehen, mit großen Gymnastikbällen Sumo-Ringen spielen oder gegen die Therapeuten boxen. Und auch hier lösten wir lauten, quirligen Studenten große Begeisterung aus. Etwas weniger bewegt, aber nicht minder anstrengend ging es zu beim Meditativen Bogenschießen. Es klang für uns zunächst etwas seltsam, dass wir da mit irgendwelcher fernöstlichen Musik im Hintergrund einfach Pfeile auf eine Scheibe schießen sollten. Von wegen Ruhe bewahren, Dinge geschehen lassen, auf sich selbst konzentrieren, das Ziel fokussieren und so…

Aber dann war es wirklich so wie angekündigt! Je mehr man unbedingt die Mitte treffen wollte, desto weiter ging der Pfeil meist daneben. Und je mehr man versuchte, den Pfeil perfekt auszurichten, desto mehr fing der Arm natürlich an zu wackeln. Nochmal einen ganz anderen Einblick gab es in der Musiktherapie. Während die eine Hälfte unserer Gruppe beim Yoga verweilte, fanden wir anderen uns in einem Raum voll mit Instrumenten ein. Und kaum hatten wir die Erlaubnis dazu, klimperte, trommelte, quietschte und schepperte es aus allen Ecken. Wir fragten uns noch, ob dieser Raum wohl schallisoliert ist… Ein bisschen seltsam kamen wir uns ja vor, wie wir da saßen und uns gegenseitig Töne schenken sollten. Da bekommt jemand einen Trommelwirbel, dort schwenkt jemand die Triangel. Und dann kam es tatsächlich zum Inbegriff dessen, was man sich unter Musikgruppentherapie vorstellt: wir sollten zusammen trommeln. Wie wir so hörten, kommen sich wohl viele Patienten ziemlich blöd dabei vor und auch wir konnten uns am Anfang ein Kichern kaum verkneifen. Aber dann hat es wirklich Spaß gemacht! Und es klang auch gar nicht so schlecht, was wir da getrommelt haben. Seien wir doch ehrlich: Krach machen ist einfach toll.

Am Ende der Woche waren wir uns einig: wir hatten mit dem Praktikum eindeutig eine gute Wahl getroffen. Nicht nur, dass wir eine Menge neuer und interessanter Erfahrungen machen konnten in diesem doch so ganz anderen und besonderen Fach. Die Klinik hat uns wirklich verwöhnt, mit ihrem kostenlosen Essen, einem Abend im hauseigenen Schwimmbad für uns ganz allein und Tischfußball und Billard inklusive. Auch die Stadt selbst war durchaus sehenswert und ein kurzer Trip zum Edersee schnell geplant. Fazit: unbedingt teilnehmen!  

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