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  • Roxy Heidemann
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  • 14.04.2020

Sie haben das ja schon einmal gemacht, oder? – Praxis im Medizinstudium

Sonografieren, nähen, Blutkulturen ansetzen – Dinge, die im Studium oft zu kurz kommen. Wie du es trotzdem schaffst, nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch gut ausgebildet zu sein.


„Was erwarten Sie sich von diesem Kurs?“ - eine Frage, wie ich sie zu Schulzeiten allzu oft gestellt bekommen habe und mit der Zeit immer weniger beantworten konnte beziehungsweise wollte. Umso mehr würde ich mir nun im Studium wünschen, Lehrende würden diese Frage öfter stellen und vor allem die Antworten der Studierenden ernst nehmen. Denn mittlerweile weiß ich genau, welche Antwort ich geben würde: praktische Dinge schrittweise erlernen und regelmäßig üben. Als ich anfing Medizin zu studieren, hätte ich mit dieser Antwort nie gerechnet. Für mich war klar, die Uni bildet mich sowohl theoretisch als auch praktisch in den ärztlichen Grundlagen aus.

Aber wie viel Praxisbezug gibt es in der universitären medizinischen Lehre wirklich?
Wenn ich rückblickend auf die Basis-Lehre der ersten drei klinischen Semester schaue, erinnere ich mich an viele theoretische Seminare. So wurden uns neben Leitsymptomen, Therapieschemata und Diagnostikalgorithmen auch hin und wieder praktische Dinge wie die Untersuchung eines Kniegelenks, der Feststellung eines Hirnnervenstatus oder aber das Legen einer Braunüle erläutert. Im besten Fall gab es dazu nicht nur eine kurze Abbildung, sondern der Lehrende demonstrierte die Prozedur an einem Kommilitonen oder Kollegen. An manchen Stellen endete danach die praktische Erfahrung. An anderer Stelle konnte im Anschluss am Kommilitonen des Vertrauens einmal geübt werden. Kontrolle durch den Lehrenden war aufgrund der Gruppengröße und vorangeschrittenen Zeit häufig nicht mehr möglich.

Sie haben das ja alle schon einmal gemacht, oder?
Wenn ein Patient diese Frage stellt, darf auch mal mit einem nicht ganz ehrlichen „Ja“ geantwortet werden, wenn aber der Dozierende oder PraxisanleiterIn fragt, seid ehrlich. Während es mir zu Beginn des klinischen Abschnittes peinlich war vor all meinen erfahrenen Kommilitonen zuzugeben, noch nie eine Braunüle gelegt zu haben, bin ich heute eher zurückhaltend und lasse mir Dinge gerne zweimal erklären. Das stößt an mancher Stelle auf genervte Blicke, kann euch und dem Patienten aber einen wohlmöglichen Fehler ersparen.

Welche Rollen spielen Famulaturen?
Einige Lehrende verweisen bei der Frage nach dem Erlernen mancher Tätigkeiten immer wieder auf die Famulatur. Dabei handelt es sich um insgesamt vier Monate Praktikum die in den Semesterferien des klinischen Studiums absolviert werden müssen. Aber sind wir ehrlich; einem Studierenden schrittweise und in Ruhe das Abnehmen einer Blutkultur zu zeigen, ist innerhalb des hektischen Stationsalltages häufig kaum möglich. So eignen sich die sechzehn Wochen sicherlich um bereits erlernte Tätigkeiten zu festigen, setzen aber häufig auch voraus, dass jene bereits im Studium in Grundzügen erläutert und erlernt wurden.

OSCE
Mittlerweile sind Unis bemüht auch den Stand der praktischen Erfahrung der Studierenden zu ermitteln. So gibt es an vielen medizinischen Fakultäten den s.g. OSCE. Die einzelnen Buchstaben stehen dabei für Objective structured clinical examination. Dieses Prüfungsformat basiert auf mehreren kleinen Stationen an denen innerhalb weniger Minuten praktische Aufgaben wie zum Beispiel das Schreiben und Auswerten eines EKGs oder aber eine Anamnese absolviert werden müssen. Anschließend wird die Leistung des Studierenden anhand bestimmter standardisierter Kriterien mithilfe eines Punktesystems bewertet.
So unangenehm dieses Prüfungsformat auch sein kann, kann es hervorragend genutzt werden, um mögliche eigene Stärken aber auch Schwächen herauszufiltern. Aber was kann man mit dem Wissen über seine eigenen Schwächen machen, wenn sie innerhalb des normalen Curriculums kaum einen Platz finden?


Zusätzliche Angebote
Dieses Problem haben viele Unis mittlerweile erkannt. So haben immer mehr medizinische Fakultäten, unter anderem auch in Göttingen, ein sogenanntes Skills Lab für Studierende eingerichtet. Im Rahmen dieser Projekte können sich jene gezielt für praktische Kurse anmelden, bei deren Inhalten sie noch Verbesserungsbedarf bezüglich der eigenen Fähigkeiten sehen. In Göttingen reicht dieses Angebot vom Auswerten eines Röntgen-Thorax über Nahtkurse bis hin zu Sonografie. Solche Angebote können mit Hinblick auf Famulaturen, das PJ, das dritte Staatsexamen oder aber den späteren Berufsalltag Gold wert sein, insofern sie der Studierende auch nutzt.

Problem: Komfort-Zone
Ich habe mich selber viel zu oft dabei erwischt, wie ich über zu wenig Praxis im Studium gemeckert, mich aber zu keinem freiwilligen Kurs angemeldet habe. Gleiches gilt für freiwilliges Üben nach einem regulären Seminar. Viel zu oft sehnt man sich nach der Pizza im Ofen und dem eigenen Sofa. Die berühmte Komfort-Zone zu verlassen und sich wohlmöglich um 8 Uhr abends noch mit dem sterilen Einkleiden zu beschäftigen, erfordert ein gewisses Maß an Selbstdisziplin, rechnet sich aber spätestens in der nächsten OP Famulatur.

Um es auf den Punkt zu bringen; wenn die Lehre es nicht schafft, euren Bedarf an praktischem Üben zu decken, kommt aus eurer eigenen Komfort-Zone heraus und sucht gezielt nach freiwilligen Möglichkeiten zum Erlernen und Üben. Habt ihr in einem bestimmten Bereich viel Erfahrung, wohlmöglich durch eine vorangegangene Ausbildung, erkundigt euch nach der Möglichkeit, einen Kurs für eure Kommilitonen zu geben. Zu guter Letzt nutzt Famulaturen, um die erlernten Skills zu verbessern und zu erweitern, traut euch aber auch neue Dinge unter Anleitung auszuprobieren. Und selbst wenn ihr im PJ oder sogar der Facharztausbildung steht, ist es doch nie zu spät etwas Neues zu lernen.

 

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