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  • Lisa Borotschnig
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  • 26.10.2017

Freies Wahlfach Anamnesegruppe

Die Anamnese muss jeder Arzt beherrschen. Sie führt oft schon zu einer ersten Diagnose und kann unnötige apparative Untersuchungen ersparen. In Graz können Studenten schon im Studium die Anamnese im Zuge eines Wahlfaches am Patienten lernen.

An der Uni Graz können Studierende das freie Wahlfach „Anamnesegruppe“ besuchen. Hier dreht sich alles um die Gesprächsführung mit Patienten. Geübt wird in einer gemischten Gruppe von Psychologie- und Medizinstudenten, was  beide Studentengruppen voneinander profitieren lässt: die Psychologiestudenten legen größeren Wert auf Sozialanamnese, die Mediziner fokussieren eher das Medizinische. Tutoren aus den höheren Semestern gestalten die Veranstaltung und suchen die Patienten aus.
Im Laufe des Semesters führt jeder Student der Kleingruppe, die aus zwölf Personen besteht, ein Patientengespräch auf einer Station. Die restlichen Studierenden hören dabei zu und notieren sich Feedback für den Gesprächsführenden.

Wie verläuft nun so ein Anamneseabend?

Gestartet wird meist zwischen 18:00 und 19:00 Uhr. Treffpunkt ist auf einer der Stationen im nahegelegenen Uniklinikum, wobei jede Woche eine andere Station dran ist.
Auf diesen Stationen wird ein Seminarraum abseits der Patientenzimmer aufgesucht, um die anderen Patienten nicht zu stören.
Wenn alle ihre Plätze in einem Sesselkreis eingenommen haben, beginnt der Abend mit einem Blitz. D.h. es wird in die Runde gefragt, wie es den Studierenden geht und wie sie sich fühlen. Dieses Ritual soll den Studierenden helfen, sich auf die kommenden zwei Stunden einzulassen und sich zu konzentrieren. Wenn alle angekommen sind, wird die Stimmung mit einem Spiel aufgelockert. Sehr beliebt ist zum Beispiel das Rückenstärken, das meist erst nach mehreren Einheiten gespielt wird. Dabei bekommt jeder Studierende ein Blatt Papier auf den Rücken geklebt. Auf dieses Blatt sollen die Kommilitonen dann etwas Gutes über diejenige Person schreiben. Am Ende darf jeder Student sein Blatt mitnehmen und die positiven Argumente lesen. Manchmal werden vor dem Gespräch anstatt des Spiels auch Übungen sowie Theorie zum Erlernen der Basics für eine gute Anamnese gemacht.

Nach ungefähr einer halben Stunde wird ein Patient der Station in die Runde gebracht. Der Gesprächsführende sitzt dem Patienten gegenüber. Der Rest sitzt an einem Ende des Raums und notiert sein Feedback. Es soll sowohl die soziale Anamnese als auch die medizinische Anamnese abgefragt werden.
Das Gespräch dauert meist zwischen 30 Minuten und einer Stunde. Am Anfang des Gesprächs wird dem Patienten noch einmal erklärt, worum es in dieser Übung geht. Außerdem wird gesagt, dass die Studierenden unter der Verschwiegenheitspflicht stehen und somit nichts Gesagtes den Raum verlässt.

Das Gespräch selbst sollte folgende Punkte enthalten:
- Grund für den Krankenhausaufenthalt
- Medizinische Gesamtanamnese
- Sozialanamnese

Am Ende des Gesprächs bedankt sich die gesamte Gruppe bei dem Patienten und dieser wird wieder auf die Station gebracht.
Anschließend gibt es den sogenannten Patientenblitz, bei dem reflektiert wird, was der Patient in den Studierenden ausgelöst hat. Dies ist wichtig für das Verständnis und die Reflexion über die Änderung des Befindens.

Nach einer kurzen Pause bekommt der Gesprächsführer ein ausführliches Feedback. Dabei werden abwechselnd positive und negative Aspekte des Gesprächs angesprochen oder etwa nur die drei wichtigsten Kritikpunkte erläutert.


Der Anamneseabend wird meist mit einer Diskussionsrunde über Themen die im Gespräch aufgeworfen wurden, wie zum Beispiel der gesellschaftlichen Anerkennung von transsexuellen Menschen, beendet.
Bevor die Station dann verlassen wird, blitzt jeder noch einmal über sein derzeitiges Befinden. Das hilft, sich wieder zu sammeln nach der ausgiebigen Diskussion.
Im Anschluss trifft sich die Gruppe meist noch auf das ein oder andere Glas Wein, um die Diskussionsrunden auszuweiten.
Die Treffen finden in Graz einmal wöchentlich statt. Pro Semester muss jeder Student einmal ein Gespräch halten und einmal ein Protokoll über das Gespräch eines anderen schreiben.


Ich empfehle die Anamnesegruppe jedem, der die ärztliche Gesprächsführung noch einmal üben möchte. Nutzt die Chance üben zu können, bevor es zum Beispiel in einer Famulatur ernst wird.

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