• Bericht
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  • Paula Reikowski
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  • 29.10.2018

Das Physikum – ein Erfahrungsbericht

Das Physikum gilt als Schreckgespenst der Vorklinik und ist mit allerlei Mythen behaftet. Wie es tatsächlich war, verrate ich euch hier.

„Nach dem Physikum wird alles besser“ oder „Nach dem Physikum kann einen nur noch der Tod davon abhalten, Arzt zu werden“. Sätze wie diese sollen Medizinstudierende, die kurz vor dem 1. Abschnitt der ärztlichen Prüfung (so der offizielle Name des „Physikums“) stehen, motivieren, vielleicht sogar beruhigen. Aber irgendwie implizieren sie doch auch, dass das Physikum der allerschlimmste Teil des Studiums sei.
Ich möchte an dieser Stelle schon mal eine Entwarnung an alle zukünftigen Examenskandidaten geben: Es war nur halb so schlimm, wie ich befürchtet hatte (für mich persönlich waren die mündlichen Anatomietestate viel schlimmer!) und es ist, mit der richtigen Vorbereitung, gut machbar.

Aber fangen wir mal ganz am Anfang an. Am 1. Tag der schriftlichen Prüfung.
Die schriftliche Prüfung beginnen zentral an allen Universitäten um 9:00, laut Einladung sollte man spätestens um 8:15 da sein. Ich war selbstverständlich mal wieder viel zu früh da und wartete eine Weile. Da selbst die Mitarbeiter des Landesprüfungsamtes nicht um 8:15 da waren, beschloss ich, am nächsten Tag erst etwas später zu kommen.

Ich fühlte mich gut vorbereitet. Die Generalprobe wenige Tage zuvor lief sehr gut, jetzt hatte ich natürlich Hoffnungen auf eine gute Note in der tatsächlichen Prüfung.
Irgendwann, nachdem Ladung und Personalausweis eines jeden Studenten kontrolliert worden sind, saßen wir dann tatsächlich im Hörsaal. An jedem Platz lagen bereits das Aufgabenheft, der Antwortbogen, Bleistift, Radiergummi und Anspitzer.
Nach einer kurzen Belehrung über den Täuschungsversuch, durften wir die Hefte aufschlagen und mit der Bearbeitung der 160 Fragen des ersten Tages beginnen.

Ich hatte gehofft, am ersten Tag die gemischten Fragen zu bekommen, um nicht direkt am Anfang 20 Physikfragen beantworten zu müssen. Dieser Wunsch ging in Erfüllung, doch dafür brachte mich eine der ersten Fragen vollkommen aus dem Konzept. Eine Frage, die ich eigentlich ohne Probleme hätte beantworten können, konnte ich den Citratzyklus doch in- und auswendig. Doch nun erkannte ich Strukturformeln, die ich vorher im Schlaf beherrschte, nicht mehr. Ich habe dann einfach etwas ankreuzt, mir die Fragennummer notiert, um eventuell später nochmal drüber zu schauen und dann weitergemacht.

Letztendlich war es wie die Generalprobe wenige Tage zuvor, aber irgendwie auch ganz anders. Plötzlich waren die zu setzenden Kreuze wirklich wichtig. Und ich brauchte auch plötzlich sehr viel länger für die Aufgaben als ich es gewohnt war.

Am Abend des ersten Tages ging es mir schlecht. Abgesehen davon, dass ich ausgerechnet an diesem Nachmittag einen Platten am Fahrrad hatte, kreisten meine Gedanken unaufhörlich um die Citratzyklusfrage und ich bildete mir ein, den ersten Tag komplett verhauen zu haben. Die Medilearn-Examensergebnisse wollte ich mir nicht ansehen, da ich befürchtete, dass sich diese Angst bewahrheiten könnte und ich mir nicht noch zusätzlichen Druck für den zweiten Tag aufbauen wollte.
Nun gut, also Kopf hoch und weiter machen.

Auch wenn mich am zweiten Tag einige Fragen aus dem Konzept brachten (meine Mitprüflinge werden sich sicher an das Semaschko-Modell erinnern können), lief dieser gefühlt besser.
Letztendlich war dann auch der zweite Tag vorbei und am Nachmittag gab ich dann doch meine Antworten bei Medilearn ein.

Und hier folgt nun das wichtigste, was ich dir in diesem Artikel mit auf den Weg geben möchte: Man schätzt sich selbst (fast) immer schlechter ein als man ist. Es gibt viele Fragen, bei denen man sich mit der richtigen Antwort nicht zu 100% sicher ist. Aber: man hat die anderen Antwortmöglichkeiten zu 95% ausgeschlossen, also ist die Wahrscheinlichkeit, dass man richtig liegt, sehr hoch. Es fühlt sich nur nicht so an.

In meinem Falle bedeutete das: Mein erster Tag lief besser als der zweite. Das Ergebnis ist so, dass ich zufrieden bin. Aber plötzlich wandelte sich das eine miese Gefühl in ein anderes mieses Gefühl: zwei Punkte trennten mich von der besseren Note. 0,6% trennten mich von der besseren Note. Die Citratzyklusfrage kam mir wieder in den Sinn und mit ihr ungefähr zehn weitere Fragen, bei denen ich direkt nach der Prüfung meinen Kopf gegen eine Wand hauen wollte, weil ich mich so sehr über meine dummen Fehler während der Beantwortung ärgerte.
Im Hinterkopf blieb auch immer die Angst, dass ich bei der Übertragung meiner Kreuze auf den Antwortbogen in der Zeile verrutscht sein könnte oder vielleicht sogar den falschen Bogen hatte. Auch als ich mich kurz vor Beginn der neuen Vorlesungen in eine Gruppe für den Untersuchungskurs einschreiben konnte, blieb diese winzig kleine Unsicherheit. Verschwunden ist sie erst, als ich wieder nach Greifswald zurückkehrte und mein Physikumszeugnis endlich in der Hand hielt.

Viel Zeit zum Luftholen blieb mir nach der schriftlichen Prüfung nicht. Am Tag nach der schriftlichen Prüfung stürzte ich mich in Altprotokolle und begann mit der Vorbereitung auf die mündliche Prüfung.
Das mündliche Physikum ist der Endgegner der Vorklinik. Unzählige Schauermärchen ranken sich um diese Prüfung. 4 Prüflinge, 3 Prüfer, ~4 Stunden Zeit.
Letztendlich gilt auch hier: Es war nicht halb so schlimm wie gedacht. Um ganz ehrlich zu sein, war es die angenehmste mündliche Prüfung, die ich bisher während des Studiums hatte. Ich habe mich gut vorbereitet gefühlt, die Prüfer waren freundlich, geduldig und entspannt und die Prüfung verging schneller als gedacht.
Aber auch hier hat mich ein Fach, das ich eigentlich gut konnte – die Physiologie –, die bessere Note gekostet. Weil ich nicht jedes einzelne kleine Unterthema perfekt beherrschte. Weil ich vielleicht ein kleines bisschen Pech mit den Fragen in diesem Fach hatte, da eben die beiden Fragen, die gestellt wurden, genau in die Kategorie „würde ich ausführlicher lernen, wenn ich mehr Zeit hätte“ reinfielen. Weil ich sie eben nicht besonders gut beantworten konnte. Hierbei haben mich Anatomie und Biochemie ein wenig gerettet, sodass ich letztendlich noch eine absolut zufriedenstellende Note erreichen konnte.

Und trotzdem: so ein kleines bisschen Ärger ist da. Weil es in beiden Prüfungen knapp war. Weil ich nur knapp an der besseren Note gescheitert bin, aber das aus dem Physikumszeugnis nicht ersichtlich sein wird.
Aber das ist nur mein privater kleiner bitterer Beigeschmack.
Denn viel wichtiger als die Note auf dem Zeugnis ist ein einzelnes Wort, das daneben steht: „bestanden“.

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