• Bericht
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  • Paula Reikowski
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  • 06.04.2018

Der Präparierkurs – mehr als nur Anatomie

Der Präparierkurs hat die Aufgabe uns die makroskopischen Anatomie zu lehren. Zweifelsohne ist er einer der Kurse, die am stärksten im Gedächtnis bleiben. Weil er eben doch so viel mehr als nur Anatomie vermittelt.

 

 

Wann immer mein Gegenüber erfährt, dass ich Medizin studiere, ist eine der ersten Fragen, ob ich denn schon an „Leichen rumgeschnitten“ habe. In diesem Wortlaut.
Wenn ich diese Frage dann bejahe, werden die Augen meist ganz groß und die Stimme ganz leise.

„Und, wie ist das so?“

Ja, wie ist das so?
Ich kann mich noch gut erinnern, wie es für mich war, das erste Mal den Präpariersaal zu betreten. An unserem ersten Kurstag im November haben wir noch nicht an Körperspendern gearbeitet. Und dennoch waren wir alle aufgeregt, als wir den Saal betraten. In weiße Kittel gekleidet, fühlten wir uns in diesem Moment dem Arzt-Sein ganz nah. Erst seit wenigen Wochen an der Universität, haben wir gerade die Allgemeine Anatomie gelernt und kannten noch nicht mal alle Knochen, von all ihren Ecken, Kanten, Vorsprüngen, Gelenkflächen und kleinen Aufrauhungen ganz zu schweigen.
Nach zwei Wochen folgte das Eingangstestat – Allgemeine Anatomie und passiver Bewegungsapparat. Die Stoffmenge kam uns gigantisch vor, doch sobald die Vorlesungen zu Muskeln, Arterien, Venen und Nerven der Rumpfwände und Extremtäten begannen, wurden wir eines besseren belehrt.

In der Woche nach dem Eingangstestat gab es das zweite erste Mal im Präpariersaal. Wir, meine Präpgruppe ehrfürchtig, unser Tutor etwas gelassener, standen um den Edelstahltisch herum, auf dem schemenhaft ein menschlicher Körper zu sehen war. Abgedeckt durch ein gelbes Tuch und eine blaue Kunststoffhülle, kaum zu erkennen. Langsam wurde er aufgedeckt und lag nun vor uns. Während fast alle meine Kommilitonen die Hälse reckten, um ihn besser sehen zu können, wich ich instinktiv einen Schritt zurück.

Ich konnte dieses Verhalten selbst am wenigsten verstehen. Schließlich hatte ich doch in den Monaten zwischen meiner Bewerbung und dem Beginn des Studiums, alles, was ich im Internet über das Medizinstudium und insbesondere über den Präparierkurs finden konnte, wie ein Schwamm aufgesogen. Ich habe mich unglaublich auf diesen Kurs gefreut. Immer wieder las ich über den Kurs als „Highlight der Vorklinik“, das eine tolle Abwechslung zu dem doch häufig sehr öden Stoff der ersten zwei Jahre sei.

Der Kurs war für mich alles andere als ein Highlight. Es kostete mich jede Woche Überwindung, den Saal zu betreten und mich unserem Körperspender überhaupt zu nähern. Beim Präparieren hielt ich mich zurück und arbeitete eigentlich nur auf das Ende des Kurses hin. Irgendwie habe ich, entgegen all meinen Erwartungen, das Testat bestanden und konnte somit das erste Semester hinter mir lassen.

Im Nachhinein ist mir bewusst geworden, dass es mir wohl an emotionaler Distanz zu unserem Körperspender gemangelt hat. Es ist ein Balanceakt zwischen Mensch und Präparat. Zu viel Distanz könnte einen schnell den Respekt verlieren lassen, zu wenig lässt es nicht zu, an ihm arbeiten zu können. Vielen gelingt es schnell, diese Mitte zu finden. Bei mir war das nicht der Fall – ich habe zu viel Mensch und zu wenig Anatomie in ihm gesehen.

Das zweite Semester begann mit dem Kurs zum Thema Kopf/Hals. Von mir, nach meiner Angst vor dem ersten Präparierkurs, gefürchtet. So sehr, dass es unsere Professoren mitbekamen. Ich habe zu dieser Zeit unglaublich viel Unterstützung erfahren, sowohl von Seiten meiner Kommilitonen, als auch von Seiten der Professoren. Dadurch konnte ich mich beim Präparieren eher zurückhalten und mich an einem bereits fertigen Präparat zunächst auf die anatomischen Details konzentrieren, um mir so langsam den Weg zum großen Ganzen – unserem Körperspender – zu erarbeiten. Ich lernte, den Körperspender als mehr als nur einen Menschen zu sehen. Ich lernte zu erkennen, dass dieser Mensch es wollte, dass ich an ihm und vor allem auch durch ihn lerne. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf, gelang es mir, wieder an den Tisch heranzutreten. Durch die Unterstützung, die mir von allen Seiten entgegen kam, habe ich es geschafft, diese Kurswochen hinter mich zu bringen, sodass ich zum Testat antreten und es bestehen konnte. Auf Kopf/Hals folgten Kurse zur Neuroanatomie und zu den inneren Organen. Ich wurde kein Liebhaber des Präparierkurses, aber ich konnte den Saal ohne Angst betreten und habe es geschafft, den Kurs erfolgreich abzuschließen.

Der Präparierkurs soll uns vor allem ein Verständnis der makroskopischen Anatomie lehren. Doch er lehrt so viel mehr. Er hat uns gelehrt, zu lernen. Eine Menge an Stoff zu lernen, von der wir vorher nie geglaubt hätten, sie uns jemals merken zu können.

Vor allem aber hat er uns Ehrfurcht und Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die ihren Körper der Wissenschaft spenden und uns ermöglichen, an ihnen zu lernen, beigebracht. Aber auch Dankbarkeit unserem Umfeld gegenüber.

Mich hat dieser Kurs auch gelehrt, dass ich Hürden, die unüberwindbar scheinen, trotzdem hinter mir lassen kann.

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