• Bericht
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  • Anne Lebsa
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  • 04.10.2012

Mit dem Hausarzt unterwegs

Jeder Greifswalder Medizinstudent hospitiert im Rahmen des Blockpraktikums bei einem Hausarzt der Region. Doch nicht jeder erwischt einen Landarzt und fährt über die Dörfer. Anne erzählt euch, was sie während ihres Praktikums "auf dem Lande" erlebt hat.

 

 Der Arbeitsplatz des Landarztes: Fernab aller Großstadthektik - Foto: A. Lebsa

Der Arbeitsplatz des Landarztes: Fernab aller Großstadthektik. 


 

Das Landarzt-Klischee

Von der Praxis eines Landarztes hatte ich eine ganz bestimmte Vorstellung: An der Anmeldung sitzen gemütliche aber etwas mürrische Arzthelferinnen. Sie arbeiten schon seit etlichen Jahren in der Praxis und kennen jeden, der zur Tür hineinkommt, ganz persönlich. Die Patienten bringen "ihrem Doktor" Kartoffeln oder ein geschlachtetes Huhn von ihrem Bauernhof mit und der Arzt kennt alle Familiengeschichten der umliegenden Dörfer. Und wie es eben mit solchen Vorstellungen ist - manches stimmt und manches stimmt nicht.

 

Chipkarte und frische Hühnereier

Die Arzthelferinnen "meines" Landarztes waren das absolute Gegenteil von mürrisch, kannten aber trotzdem jeden Patienten namentlich. Jeden Morgen nahm ich mit ihnen zusammen Blut ab, schrieb EKGs und untersuchte den in Marmeladengläsern mitgebrachten Urin. Aber immerhin mit meinem Patientenbild hatte ich nicht ganz Unrecht. Neben der Chipkarte fanden Kuchen, im Garten ausgegrabene Pflanzen, Hühnereier und vieles mehr ihren Weg über den Anmeldungstresen. Natürlich brachten die Patienten jeweils drei Portionen mit - eine Kiste Eier für den Arzt und jeweils eine für jede Schwester. Im Wartezimmer war stets reges Gemurmel und für so manchen schien der Arztbesuch der Höhepunkt der Woche zu sein.

 

Ganz normale Sprechstunde

Alle Familiengeschichten kannte der Arzt, bei dem ich hospitierte, dann doch nicht. Die Sprechstunde lief so ab, wie ich sie auch von meinem eigenen Hausarzt kenne. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass für jeden Patienten ein wenig mehr Zeit zur Verfügung stand. Von Husten, Schnupfen, Heiserkeit, über ergaunerte Krankschreibungen und den akuten Herzinfarkt war alles dabei. Schnell kannte ich die Krankheitsbilder und insbesondere die Lieblingsmedikamente des Arztes. So ahnte ich schon vorher ganz genau, was er sagen und verschreiben würde. Und trotz all dieser Routine erhielt jeder Patient seine ganz persönliche Aufmerksamkeit und konnte mit viel Hingabe von seinem 93. Geburtstag mit Besuch des Bürgermeisters erzählen… Allerdings trübten Abrechnungen und der ewige Ärger mit den Krankenkassen die Laune "meines" Arztes und bestimmten immer wieder unsere Diskussionen.

 

Hausbesuche in der Mittagspause

Wer glaubt, die langen Mittagspausen zwischen Vormittags- und Nachmittagssprechstunde würden für eine Fahrt nach Hause und ein gemütliches Mittagessen genutzt, der hat sich zumindest im Falle "meines" Arztes geirrt. Das Wurstbrot musste während der Fahrt über die Dörfer gegessen werden, um in der Mittagspause die angemeldeten Hausbesuche erledigen zu können. Ich empfand es als sehr spannend, in die Haushalte der Patienten zu kommen und so die Probleme des alltäglichen Lebens der meist sehr alten Menschen zu sehen. Als wir kamen, weichte eine etwa 90jährige Patientin gerade in der Badewanne Brot für ihre Hühner auf. Bis der Arzt sie mit dem Stethoskop abhören konnte, musste sie zwei Westen, drei Pullover, ein Unterhemd, einen wollenen Lendenwärmer, ein weiteres Unterhemd sowie zwei BHs ablegen. Und ihre einzige immer wiederkehrende Frage an den Doktor war, ob mit ihr alles gut sei.

Ob einem das Landarzt-Dasein liegt, das muss jeder selber entscheiden. Das Blockpraktikum Allgemeinmedizin ist aber eine sehr gute Gelegenheit, dies herauszufinden.


Achtung: Änderung im Blockpraktikum Allgemeinmedizin

Bisher musste jeder Medizinstudent dem zugeteilten Hausarzt eine Woche über die Schulter schauen. Mit der neuen Approbationsordnung (AO) wird dieser Zeitraum voraussichtlich auf zwei Wochen erweitert. Diese zwei Wochen laufen zusätzlich zu der in der neuen AO festgeschriebenen einmonatigen Famulatur in der hausärztlichen Versorgung. Dieser neue, insgesamt sechswöchige Einblick in die Arbeit des Hausarztes gilt für alle Studierenden, die nach dem 10. März 2013 mit dem Praktischen Jahr beginnen.

Weitere Informationen zu Lehrärzten des Blockpraktikums Allgemeinmedizin finden sich bei der Abteilung "Allgemeinmedizin" des Instituts für Community Medicine:

Institut für Community Medicine

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