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  • Paula Reikowski
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  • 29.08.2018

9x2+2 – bis zum Physikum!

Das Physikum ist die erste große Hürde im Medizinstudium und ein wichtiger Meilenstein, da es die Vorklinik von der Klinik trennt. Die Vorbereitungszeit ist durch streng getaktete Lernpläne geprägt. Wie es mir in diesen Wochen erging, berichte ich euch hier.

 

10. August 2016: Nach ein paar Wochen des Sommers bei meinen Eltern habe ich nun wieder die erste Nacht im eigenen Bett zuhause verbracht. Noch müde checke ich meine Mails, viel Spam, doch eine Betreffzeile lässt mich stocken: „Hochschulstart – es liegt ein Bescheid vor.“ Zittrig öffne ich erst die E-Mail und dann mein Hochschulstartkonto, um im Dokument in großen Buchstaben das Wort „Zulassungsbescheid“ zu lesen. Freude überkommt mich und einige Stunden später mache ich mich überglücklich auf den Weg zum Zwischendienst im Pflegepraktikum und kann den Kollegen die frohe Nachricht verkünden.

10. August 2018. Zwei Jahre später. Ich hake auf meinem Lernplan den Punkt „Stressmodelle“ ab. Tag 42/50, PsychSoz. Das Ende ist in Sicht. Noch ein weiterer richtiger Lerntag und dann Wiederholen bis zum 21.8. Das große böse P-Wort steht schon lange rot und dick im Kalender, seit kurzem steht der Termin fürs mündliche zwei Wochen später auch fest.

14. August 2018. Noch eine Woche.
Die letzte Woche vor dem Physikum ist geprägt von der Feststellung, dass ich verdammt viel wieder vergessen habe. Von Zweifeln, die die Sicherheit, die nach dem Kreuzen der Generalprobe aufkommt, überlagern. Von kleinen, mittelschweren und großen Panikanfällen. Vom Wiederholen und der Hoffnung, dass ich mich an manche Dinge schon irgendwie erinnern werde, wenn ich die Aufgabe lese. Und von der Frage, wie ich es denn durchs Mündliche schaffen soll, wenn ich manche Dinge immer wieder vergesse.

50 Tage. 5 Seiten Lernplan mit den Auflistungen der Kapitel, die pro Tag zu lernen, zu verstehen und zu merken sind. Ungefähr 4.000 Altfragen.

Es wirkt so unfassbar viel und trotzdem vergeht die Zeit wie im Flug. Aufstehen. Frühstücken. Zum Briefkasten um dort nachzuschauen, ob die Zulassung mit Ladung zum schriftlichen und mündlichen Physikum da ist. Enttäuscht wieder in die Wohnung. Bücher einpacken, die ich für den Tag brauche. Wasser sprudeln und einpacken. Nachschauen, ob ich alle Ladekabel dabei habe. Aufs Fahrrad und in die Bib. In den Keller, Rucksack in den Spind, Laptop und Prometheus in den Korb. Einen Platz suchen: möglichst kühl und mit Ausblick. Handy raus und prokrastinieren, nachschauen, was es in der Mensa gibt. Gibt’s was Neues auf Facebook/Jodel/Instagram? Nein? Okay, dann muss ich jetzt wohl anfangen zu lernen. Lesen. Versuchen mir etwas zu merken. Mittagessen. Weiter lesen. Kreuzen. Nachhause fahren. Eine Folge der Lieblingsserie schauen, vielleicht auch zwei. Schlafen. Und dann wieder aufstehen.

Tage, Wochen, die ich immer wieder am gleichen Ort verbringe. So oft, dass ich anfange den Möwen, die vor der Mensa sitzen, Namen zu geben. Tage, an denen das Mittagessen das Highlight des Tages ist und ich mich sehr aufs Kreuzen freue, weil es eine willkommene Abwechslung zum Lesen der Lernkarten ist. Weil es (meistens – zum Glück!) Erfolgserlebnisse bringt.

Selten waren meine Tage so durchgeplant. Nie zuvor wusste ich, was genau ich am nächsten Tag lernen muss, geschweige denn, was ich in einer Woche lernen werde.
50 Tage fürs Schriftliche lernen, dann fürs Mündliche. Es klingt so lang und dann ist es plötzlich vorbei.
So schnell wie auch die letzten beiden Jahre.
Ich kann mich noch gut an einige der ersten Vorlesungen erinnern. Fakten, die man wohl nie wieder vergessen wird. Wie die gern geprüfte Struktur der Kinozilien. Ein geflügelter Satz des ersten Semesters: „9x2+2 – das müssen Sie bis zum Physikum noch wissen! Mucociliäre Clearance!“ Andere Fakten, die ich wieder vergessen habe. Die ungeliebten Unterarmmuskeln – Endgegner in der Anatomie. Und die Einsicht, dass ich sie mir eh nicht merken kann. Die Feststellung, dass ich die Dermatome wohl doch lernen sollte. Gut, nun weiß ich, dass der Bizepsreflex einer der Kennreflexe für C5/6 ist und dass die Sensibilität im Hypothenar über C8 Aufschluss gibt. Physik, oh, Physik: akzeptieren, dass ich es nicht schaffe, mir alle Formeln zu merken und hoffen, dass nicht nur die gefragt werden, die ich mir nicht merken kann (der letzte Tag vor einer Prüfung eignet sich übrigens wunderbar zum Lernen der letzten Formeln). Muss ich für Biochemie wirklich die gesamte Häm-Synthese können? Naja, selbst wenn das der Fall sein sollte, kommt eh nur einer Frage dazu. Kreislauf in Physio? Konnte ich nie. Die große Hoffnung, dass der Prüfer im Mündlichen ein anderes Thema fragt.
Und offenbar mag das IMPP kurze Fußmuskeln. Samt Ansatz und Ursprung.

Ich weiß nicht, ob ich all diese Fakten jemals wieder brauche. Ob ich jemals wieder die Zerfallskonstante eines radioaktiven Stoffes ausrechnen muss. Oder ob es mir je helfen wird, zu wissen, was das Semaschko-Modell ist.

Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe, es ab Oktober in der Klinik herausfinden zu dürfen.

 

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