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  • Paula Reikowski
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  • 30.01.2019

Plötzlich wieder Ersti

Lange habe ich darauf hin gefiebert, endlich den klinischen Studienabschnitt anzutreten. In den ersten Wochen war ich vor allem eins: verwirrt und überfordert. Aber nach und nach kamen Erfolgserlebnisse dazu, viel Neues - aber auch überraschend viel Altbekanntes.

Alles auf Anfang. Zumindest fühlten sich die ersten Wochen des 5. Semesters – des ersten klinischen Semesters – so an. Und plötzlich war sie wieder da: die Verwirrung und Überforderung des 1. Semesters. Zwischen diversen Einführungsveranstaltungen, Vorlesungen, bei denen unklar war, ob und wie wichtig a.k.a. klausurrelevant sie sind, Seminaren und dem Post-Physikums-Lernmotivationsloch wollen schließlich auch noch eine Doktorarbeit und erste Famulaturen organisiert werden.

Irgendwie war alles anders. Versteht mich nicht falsch, es stimmt schon, dass nach dem Physikum alles besser wird. Nicht weniger, aber besser. Vielleicht, weil man sich – gerade durch das Physikum – an das konstante Lernen gewöhnt hat. Es fühlt sich nicht mehr so schlimm an – alle um mich herum sind entspannter als in der Vorklinik und ich selbst habe meine Prä-Prüfungs-Panik nicht mehr drei Wochen vor der Prüfung, sondern gar nicht mehr. 

Plötzlich reicht es, vier Tage vor der Prüfung zu lernen, um gut bestehen zu können. Es gibt keine Dozenten mehr, die sich weigern, ihre Folien hochzuladen und die bisherigen Klausuren vermitteln das Gefühl, dass die Dozenten auch wollen, dass die Studenten sie bestehen. Die aufwendigsten Prüfungen stehen zwar noch an und wie ich dafür lernen werde, weiß ich noch nicht wirklich. Doch auch das wird die Zeit zeigen.

Und doch blieben viele Dinge gleich. Eine der ersten Prüfungen des 1. Semesters war Terminologie – die Sprache der Medizin. Dazu hatten wir wöchentliche Seminare, inzwischen - 2 Jahre später - haben wir wöchentliche Pharmakologie-Seminare. Aber auch das fühlt sich an, als wäre es eine neue Fremdsprache, die gelernt werden muss. Doch manchmal haben die Entwickler der Medikamente sogar an die Studenten gedacht und Medikamenten mit gleichem Wirkmechanismus auch die gleiche Endungen gegeben. 

So sitze ich zuhause und schlage mich, statt mit Deklinationen und Konjugationen mit -grel, -sartan, -statin, -omab, -ximab, -zumab, und -umab rum. Die Pharmakologie macht mir regelmäßig klar, warum ich all die Signaltransduktionswege in Physiologie und Biochemie immer und immer wieder gelernt habe – sie sind schließlich wichtige Angriffspunkte für sämtliche Medikamente. Und ohne die (un)geliebte Biotransformation könnten einige Medikamente nicht aktiviert und andere nicht ausgeschieden werden. Auf einmal kommt einem der Stoff der Vorklinik und so manche spezielle Vorliebe des IMPP gar nicht mehr so sinnlos vor.

Auch die Histologie bleibt erhalten, mit einem kleinen "Upgrade": Sie trägt nun die Vorsilbe „Patho“ und die Präparate sind noch pinker, da nur noch in HE gefärbt wird. Unser Kurs findet im bereits gut bekannten Histologie-Saal der Anatomie statt und es fühlt sich gar nicht so neu an, ihn nun zweimal pro Woche aufzusuchen. Um einen weiteren Vorteil des klinischen Abschnittes zu nennen: Die Präparate müssen nun nicht mehr gezeichnet werden. Auch in der makroskopischen Pathologie ist der Vergleich mit Anatomie nicht schwer, schließlich stehen wir auch hier wieder dicht gedrängt um Metalltische. Nur wird diesmal nicht gerätselt, welchen Nerv der Kommilitone gerade entdeckt hat, sondern die verschiedenen Besonderheiten des Sektionsfalls werden erklärt - und plötzlich versteht man während des Kurses ein gesamtes Krankheitsbild.

Plötzlich sind CT-Bilder nicht mehr nur grau in grau, sondern erste kleine Befunde werden erkannt, im Röntgen kann ein Ileus von einer Hohlorganperforation unterschieden werden und auf dem Ultraschallmonitor ist mehr als grau-weißes Geschwader zu sehen. Die Medikationspläne der Oma sind inzwischen nachvollziehbar. Manchmal heißt es: „Hast du schon mal Blut abgenommen? Komm mal mit!“ oder der Arzt bietet an, bei einer OP dabei zu sein – man müsse sich dazu nur melden.

Im Untersuchungskurs stand ich erstmals als zukünftige Ärztin am Patienten und wurde von den Dozenten auch so behandelt: Plötzlich war ich „die junge Kollegin“.

 

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