• Interview
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  • Anne Hartmann
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  • 22.02.2021

"Die Lehre kommt im Krankenhaus zu kurz"

Gesundheitsökonomik, Pflegemangel, Arbeitsalltag im Krankenhaus – Themen, die während der Corona-Pandemie in den Medien omnipräsent sind. Themen, mit denen sich auch die Hochschulgruppe Sintoma in Halle seit gut zwei Jahren auseinandersetzt. Was die kritischen Mediziner*innen an der MLU bewegt, erzählt uns Jakob.

 

Seit 2018 ist Sintoma nun aktiv, gab es einen Auslöser für die Gründung?

Jakob: Es gab keinen konkreten Auslöser, vielmehr war das Bedürfnis da, auch Themen jenseits des Curriculums zu diskutieren. Wir haben das Gefühl, dass sich das Medizinstudium immer mehr zu einer reinen Berufsausbildung entwickelt. Dem wollen wir entgegenwirken! Wir möchten uns auch mit gesundheitspolitischen Inhalten auseinandersetzen und die akademische Lehre voll auskosten. Hochschulgruppen sind an den medizinischen Fakultäten im Allgemeinen unterrepräsentiert. In Halle haben wir mit der Gründung von Sintoma offene Türen eingerannt – viele Studierende hatten auf Anhieb Lust auf kritische Betrachtungen und genug von der ewigen Schönrederei der Umstände im Gesundheitswesen. Der Wunsch nach Veränderung in der Gruppe ich groß und verbindet. Auch an den meisten anderen medizinischen Fakultäten gibt es Gruppen kritischer Mediziner*innen, mit denen wir uns poco a poco vernetzen.

 

Wie viele Aktive bringen sich bei Sintoma inzwischen ein?

Es gibt einen aktiven Kreis von etwa 20 Studierenden. Passiv in Chatgruppen oder an Aktionstagen beteiligen sich auch mal deutlich mehr Personen. Derzeit sind wir überwiegend Humanmediziner*innen, aber auch Zahnmediziner*innen, Studierende der Pflegewissenschaften und anderer Fakultäten. Interdisziplinarität ist uns wichtig, dass möchten wir auch repräsentieren.

 

Auf einem eurer Demo-Schilder steht „FCK DRG“. Was hat es damit auf sich?

DRG steht für Diagnosis Related Groups, zu Deutsch diagnosebezogene Fallgruppen. Das DRG-System stellt das grundlegende Finanzierungsmodell aller deutschen Krankenhäuser dar. Unser Hauptanliegen als Hochschulgruppe ist es, gegen die Kommerzialisierung und Privatisierung des Gesundheitswesens einzustehen und auf Missstände aufmerksam zu machen, die unserer Ansicht nach maßgeblich durch die DRG-Logik befördert werden. Kurz zur Funktionsweise des Finanzierungssystems. Die Gesundheitsleistungen sind derzeit in etwa 1200 Fallpauschalen zusammengefasst. Eine Fallpauschale stellt den durchschnittlichen Kostenaufwand für eine bestimmte Behandlung einer Patientin oder eines Patienten mit einer bestimmten Diagnose dar. Der individuelle und tatsächliche Behandlungsaufwand wird dabei nicht berücksichtigt.

Die Klinik macht den größten Gewinn, wenn ein Case-Mix mit vielen teuren Fallpauschalen abgerechnet wird und die zugehörigen Behandlungen möglichst kostensparend durchgeführt werden. Der monetäre „Überschuss“, der während der Behandlung eingespart wurde, kann als Gewinn verbucht werden. Dieser Gewinn lässt sich maximieren indem die Kosten, insbesondere für Personal und Material, gedrückt werden. Arbeitsverdichtung und Pflegenotstand sind die bekannte Ernte dieser „Optimierungen“. Zudem wird zum „Cherry picking“ angeregt. Lukrative Patient*innenfälle, deren Behandlung sich mit einer hochdotierten Fallpauschale abrechnen lassen, werden bevorzugt. Es ist verblüffend, dass in diesem höchst komplexen und bürokratischen Finanzierungssystem die Qualität der Behandlung mit keinem Wort erwähnt wird und dementsprechend auch keine Anreize für gute Behandlungsqualität gesetzt werden. Wir finden, dass eine Fabriklogik vorherrscht, welche die Ideale der Beschäftigten im Gesundheitssystem und das Vertrauen in der Medizin unter sich zu begraben droht.

Uns als Studierende und Auszubildende im Gesundheitswesen betrifft das ebenfalls. Denn die Lehre scheint im Krankenhaus als die größte zusätzliche Belastung wahrgenommen zu werden und kommt systematisch zu kurz. Ich möchte aber keinesfalls Kritik an einzelnen Arbeitskräften in der Branche üben. Ich kritisiere explizit die falschen Anreize, die durch das derzeitige Finanzierungsmodell gesetzt werden. Nicht nur die Zeit für die Patient*innen ist knapp bemessen, sondern eben auch die Zeit für eine gründliche Lehranleitung.

 

Was denkst du, weshalb dann nicht schon längst vom DRG-System Abstand genommen wurde?

Es gibt starke Befürworter*innen. Schließlich kann mit Gesundheit sehr viel Geld verdient werden. Oft wird das Argument angebracht, das DRG-System habe die Effizienz im Gesundheitssystem gesteigert, unter anderem durch die Verkürzung des Aufenthalts der Patientin oder des Patienten im Krankenhaus. Wirft man jedoch einen Blick auf die Zahlen, so kann festgestellt werden, dass die Verweildauer während der fünfzehn Jahre unter dem Selbstkostendeckungsprinzip durchschnittlich um sieben Tage reduziert wurde. Im Vergleich dazu wurde seit der Einführung des DRG-Systems lediglich eine Verkürzung um zwei Tage erzielt. Meiner Meinung nach sowieso ein unterirdisches Gütekriterium, wenn es um Gesundheit geht, aber eben auch in der Argumentation falsch. Selbiges trifft auf die sogenannte „Kostenexplosion“ zu, die angeblich durch das Selbstkostendeckungsprinzip verursacht worden sei. De facto gab es sie nie. Mit solchen Argumenten schützt die Politik die Profitinteressen der Krankenhauskonzerne. Diese Profite, die da von den Konzernen erwirtschaftet werden, bestehen zu hundert Prozent aus Krankenkassenbeiträgen. Und Konzerne wie Asklepios oder Helios schütten diese Gewinne dann teils als satte Dividenden aus. Ein äußerst verwerfliches Geschäftsmodell, wie ich finde.

 

Welche Wege wählt ihr, um gegen die von dir genannten Missstände vorzugehen?

Unsere Aktionen richten sich nach der aktuellen Lage. So haben wir uns beispielsweise mit den Pflegeprotesten solidarisiert. Wir sind nach Berlin gefahren, um dort die Pflegeproteste zu unterstützen, waren in Leipzig während der Gesundheitsminister*innenkonferenz. Neben Demonstrationen, Bündnisarbeit gemeinsam mit dem Verein demokratischer Ärzt*innen, Verdi,  Fridays for Future und dem Bündnis Gesundheit ohne Profite sowie Kundgebungen auf dem Marktplatz in Halle besuchen wir auch Schulungen und Workshops mit anderen kritischen Mediziner*innen Gruppen. Auch im Fachschaftsrat sind wir aktiv. Wir möchten hier Verantwortung übernehmen, eine offene Fakultät und Universität repräsentieren. Wir möchten uns die Universität, den Campus als Studierende aneignen, mitgestalten, auf die Uni abfärben, nicht nur die Infrastruktur nutzen.


Gesundheitsökonomik ist allerdings nicht euer einziges Thema. Womit beschäftigt ihr euch noch?

Das hängt immer etwas von den Leuten ab, die gerade aktiv sind. Insgesamt ist das Interessensspektrum aber groß – es geht von Umwelt, Gendermedizin, über Rassismus-freie Medizin, Zugang zu Gesundheitsversorgung, bis zu sozialen Determinanten von Gesundheit und Verhältnisprävention.

 

Wie hat sich eure Arbeit während der Pandemie verändert? Welche Formen von Aktion waren noch möglich?

Momentan findet natürlich sehr viel vor dem Laptop statt. Natürlich ist es aktuell ein Problem, sichtbar zu bleiben. Demonstrationen sind nur erschwert möglich, oder auch ein Schulterschluss mit anderen Berufsgruppen im Krankenhaus ist aktuell kaum drin. Daher haben wir uns auf Fördergelder beworben. Damit wollen wir jetzt eine Online-Ringvorlesung organisieren. Es wurde eine Mediathek in Auftrag gegeben, in der sich Vorträge zu gesundheitspolitischen Themen finden sollen. Wir planen Referenten einzuladen, hoffen, dass diese uns Input geben können und mit uns diskutieren möchten.

 

Möchtest du eine Prognose wagen, ob die Pandemie einen System Change im Gesundheitssystem katalysiert?

Nun, zum einen liegen jetzt alle Probleme offen, sind in unser aller Bewusstsein gerückt. Die Situation war schon vor der Pandemie kritisch – Personalmangel, Kostendruck, Profitorientierung, Kommerzialisierung – das alles macht sich derzeit nur verstärkt bemerkbar. Ob sich dadurch wirklich etwas ändert, ist aber nochmal eine andere Sache. Das gesamte Fallpauschalen-System muss auf den Prüfstand gestellt werden. Meiner Meinung nach ist Gesundheitsversorgung Daseinsvorsorge und dort haben Gewinne im Allgemeinen einfach nichts verloren. Auch die Motivation, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, scheint weiterhin klein. Ohne massiven Protest und Streiks wird sich da auch nichts ändern. Dafür braucht es breite Bündnisse, an denen sich nicht nur das Krankenhauspersonal, sondern auch die Zivilgesellschaft, schon aus ganz egoistischen Gründen, beteiligen sollte.

Aber die eigentliche Frage war ja, ob ich Hoffnung habe, dass sich da was tut. Also ich bin schon optimistisch, weil ich sehe, dass es den Leuten im Krankenhaus einfach reicht und sie sich nun selbstbewusster zeigen. An vielen Orten wird breites gesellschaftliches Organising betrieben. Der Druck auf die Politik wächst und hoffentlich gibt es bald breite Proteste und Streiks, die einzige Sprache, die die Konzerne zu verstehen scheinen!

 

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