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  • Vanessa Napierski
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  • 07.10.2014

Die ukrainische Studentin

Nataliya studiert in Hamburg Medizin. Denn auf Kriegstaktik und Waffenkunde im Stundenplan ihres Heimatlandes Ukraine kann sie gern verzichten. Warum die Ukraine den Anschluss an den Westen immer noch nicht gefunden hat und wie sich die Medizin zur deutschen unterscheidet.

 

Ärztin - Foto: istockphoto/Wojciech Grzejdziak

Die Medizin in der Ukraine unterscheidet sich deutlich zur deutschen. Oft wird Patienten nur geholfen, wenn sie entsprechend Bargeld auf den Tisch legen. Foto: Beispielfoto istockphoto/Wojciech Grzejdziak

 

8:30 Uhr, Visite auf der „3D“. Anton B. wurde gestern operiert. Der Arzt erklärt ihm geduldig, wie die OP verlaufen ist, was der histologische Befund seines Tumors ergeben hat und wie es mit ihm weitergeht. Doch verstehen tut ihn Anton B. nicht, er hängt stattdessen an den Lippen von Nataliya. Die PJ-Studentin übersetzt ihm die Worte des Arztes in seine Muttersprache, denn Anton B. kommt aus Russland. Seine Familie hat lange für die notwendige Operation in Deutschland gespart. Wie die ukrainische Politikerin Julia Timoschenko, die sich an der Berliner Charité behandeln ließ, ist auch er für die Behandlung seiner Erkrankung extra nach Deutschland gereist.

So wie Anton B. geht es vielen Patienten aus Russland und der Ukraine, dem Heimatland von Nataliya. Die medizinische Versorgung in den ehemaligen Ostblockstaaten ist schlecht, das weiß die Studentin. Es gibt kaum moderne Therapien oder Medikamente und eine Krankenversicherung können sich viele Menschen in ihrer Heimat nicht leisten. „Meine Schwester hat zur Entbindung ihre eigene Bettwäsche in die Klinik mitbringen müssen, Nahtmaterial und Schmerzmedikamente gekauft“, erzählt Nataliya. „Unsere Ärzte behandeln nicht leitlinienbasiert, sondern individuell und „nach Gefühl“. Wer viel bezahlt, bekommt viel“, fügt sie hinzu.

 

Im Osten nichts Neues?

Das ukrainische Gesundheitswesen ist mit westeuropäischen Gesundheitssystemen nicht vergleichbar. Organisations- und Infrastrukturen stammen noch aus der Sowjetzeit, vielerorts mangelt es an modernen medizinischen Geräten und Medikamenten. Ein flächendeckendes Krankenversicherungssystem existiert nicht. Viele Mediziner können von ihrem Gehalt nicht leben und die Korruption ist hoch. Obwohl offiziell jedem Bürger eine kostenlose Gesundheitsversorgung zusteht, müssen fast alle medizinischen Leistungen privat bezahlt werden. Da viele Ukrainer sehr arm sind, verzichten sie oft auf notwendige Arztbesuche. Trotz allgemein hohem Ausbildungsstand liegt das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen je nach Region zwischen 216 und 450 Euro. Besonders junge Menschen erhoffen sich bessere berufliche Chancen in Westeuropa und verlassen ihre Heimat.

Nataliya ist eine von ihnen. Die 31-jährige ist in Charkiw, in der Ostukraine geboren und aufgewachsen. Im Oktober 2007 kam sie zum Medizinstudium nach Hamburg. Freunde erzählten ihr vom guten Ausbildungssystem in Deutschland, zudem sah sie die Chance, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Dem Beruf ihrer Mutter ist es geschuldet, dass ihre Wahl auf die Medizin fiel. Sie arbeitet als Krankenschwester und hatte Nataliyas Interesse geweckt. Doch einen Studienplatz in der Ukraine zu bekommen, ist nicht so einfach, sagt Nataliya. Zumindest nicht ohne die entsprechenden „Verbindungen“ in die Medizinische Fakultät oder genügend Bargeld in der Hinterhand.

Das Studium in der Ukraine ist im Gegensatz zum deutschen Studium sehr „verschult“. Es besteht Anwesenheitspflicht und die Dozenten sind sehr autoritär. Diskussionen oder kritische Fragen sind unerwünscht und gute Noten haben oft ihren „Preis“. Die Auswahl der Fachliteratur ist eingeschränkt, die „erlaubte“ Literatur ist sowjetisch geprägt und zum Großteil veraltet.

 

Läuft wie geschmiert

Trotz Reformbemühungen ist der ukrainische Bildungsbereich unterfinanziert und viele Curricula stammen noch aus der Sowjetzeit. In den ersten Semestern erhalten alle Studierenden eine „Allgemeine Hochschulausbildung“, mit Fächern wie BWL, Politik- und Kulturwissenschaften.

Das ukrainische Medizinstudium ähnelt im Aufbau dem amerikanischen Studienmodell. Nach einer Basisausbildung („Step 1“) folgt ein klinisch orientierter Abschnitt („Step 2“) und das PJ-Äquivalent, die „Internatur“. Obligat ist eine militärische Grundausbildung, die Kenntnisse in Waffenkunde und Kriegstaktik vermittelt. Später kommen Fächer wie „Kriegschirurgie“ und „Kriegstoxikologie“ dazu. Ukrainische Mediziner erhalten automatisch den Rang eines Leutnants und können mit Erhalt des „Arztdiploms“ jederzeit einberufen werden

Studenten zu unterbinden. Im Zuge der „Orangenen Revolution“ 2004 gingen viele junge Leute gegen das korrupte System auf die Straße, doch geändert hat sich kaum etwas. Noch immer werden hohe Schmiergelder für Studienplätze und gute Noten fällig. In der Ukraine lernt man schnell, dass es nicht auf Einsatz oder Leistung ankommt, sondern auf gute Beziehungen und das nötige Startkapital.

In einem offenen, westlichen Land studieren zu können, das seinen Einwohnern die bestmögliche medizinische Versorgung bietet, ist nicht selbstverständlich, weiß Nataliya. Für das Recht auf freie Meinungsäußerung und auf ein selbstbestimmtes Leben, opfern nicht nur in ihrer Heimat Menschen ihr Leben.

Die ersten Wochen an der deutschen Uni waren nicht leicht für die heute 31-Jährige. Trotz vorhandener Deutschkenntnisse hatte sie im ersten Studienjahr Schwierigkeiten, die Details in den Vorlesungen zu verstehen. Aber die junge Ukrainerin hat dazugelernt. Heute gibt es allenfalls Probleme mit Redewendungen oder Umgangssprache.

Prüfungen, insbesondere mündliche (OSCEs), stellen eine besondere Herausforderung für viele ausländische Studenten dar. Die eigenen Gedanken unter Zeitdruck strukturiert zu formulieren, ist manchmal gar nicht so einfach, weiß auch Nataliya. Sie liest viel und versucht, viele praktische Erfahrungen zu sammeln. „Je besser mein Fachwissen ist, desto leichter fällt mir später die Gesprächsführung“, so ihre Erfahrung. „Glücklicherweise ist die Medizin ein begrenztes Sachgebiet mit lernbaren Vokabeln und vielen Algorithmen“, gibt sie augenzwinkernd zu.

Im klinischen Alltag treten die meisten Menschen der jungen Ukrainerin freundlich gegenüber, egal ob Patienten, Ärzte oder Pflegepersonal. „Misstrauen erweckt eher mein Studentenstatus als meine Nationalität“, sagt Nataliya. Doch es gibt Mentalitätsunterschiede. Die Deutschen wirken auf viele Ukrainer sehr freundlich, aber manchmal etwas oberflächlich. „Ukrainer sind direkter. Sie ‚tun nicht so als ob‘, lachen nicht, wenn sie es nicht auch so meinen“, erklärt Nataliya. Während wir in Deutschland ein Grundvertrauen in unser Land haben, misstrauen viele Ukrainer ihrer Regierung. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Eigentum oder Arbeitsplätze von heute auf morgen „verloren gehen“ können oder Geld einfach irgendwo verschwindet. Und das, obwohl viele Menschen unglaublich viel arbeiten. „Die Menschen bringen die Leistung, aber das Land zahlt nichts zurück“, sagt Nataliya.

Das „Grenzland“ Ukraine

Auch wenn die Ukraine seit 1991 unabhängig ist, prägt Russland bis heute die Staatsführung und Gesellschaft des Landes. In puncto Energieversorgung ist die Ukraine von ihrem wichtigsten Handelspartner abhängig. Die ukrainische Wirtschaft leidet unter Korruption, Rechtsunsicherheit und der stark von wirtschaftlichen Einzelinteressen geleiteten Politik.

Seit Beginn des Jahres blickt die Welt nun mit Sorge auf die Ukraine. In Kiew ist eine neue Regierung an der Macht, Russland hat die Krim annektiert und prorussische Kräfte versuchen gewaltsam, den Osten des Landes unter ihre Kontrolle zu bringen. Die ukrainische Regierung wirft Russland vor, die Rebellen im Osten zu unterstützen. Trotz internationaler Vermittlungsversuche und Sanktionen gegen Russland konnte die Krise bisher nicht beigelegt werden.

Hintergrund des Konfliktes war ursprünglich der Wunsch, näher an den Westen heranzurücken. Ein auf Druck Russlands nicht unterzeichnetes Assoziierungsabkommen mit der EU sollte den Weg der Ukraine in die Staatengemeinschaft ebnen - und hatte stattdessen die Proteste auf dem Kiewer „Majdan“ im November 2013 ausgelöst.

Auch Nataliya verfolgt in diesen Tagen die Nachrichten aus ihrer Heimat. Glücklicherweise sind ihre Familie und ihre Freunde von den Auseinandersetzungen nicht direkt betroffen. Trotzdem wünscht sich die Studentin mehr Demokratie, Gerechtigkeit und funktionierende Gesetze für ihr Heimatland. In die Ukraine zurückkehren und dort arbeiten möchte sie dennoch nicht.
„Hier in Deutschland sehe ich all die modernen Geräte und Medikamente, die den Patienten helfen. In der Ukraine müsste ich zuschauen, wie Menschen sterben – weil sie zu arm sind, um sich eine gute Behandlung zu leisten."

 

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