• Bericht
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  • Annika Simon
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  • 22.08.2016

Die längste Visite meines Lebens: Alltag einer internistischen Klinik

Ein Medizinstudium ohne „Innere“ wäre wie Pizza ohne Tomatensoße: einfach unvorstellbar! Jeder Student muss da früher oder später einmal durch, ob er nun Internist werden möchte oder nicht. Doch was erwartet einen in dieser Famulatur?

 

 

 

„Studentin? Blutentnahmen!“

Nach einer Woche Famulatur im Zentrum für Innere Medizin eines städtischen Krankenhauses habe ich den typischen Tagesablauf schon voll verinnerlicht. Kaum werde ich von einem Assistenzarzt oder der Oberschwester gesichtet, heißt es im Bundeswehr ähnlichem Tonfall: „Studentin? Blut abnehmen!“ Zunächst war die Enttäuschung groß – ich wollte eigentlich Leben retten – doch dann erkannte ich, dass es sich beim „Laborauftrag“ um ein altes Ritual handelte. Noch vor zwei Jahren hat der Stationsarzt als PJler Blut abgenommen, heute tue ich es und nach meinem Examen werde ich dann den nächst besten Studenten abkommandieren. Das war immer so,und wird wahrscheinlich immer so bleiben. Lehrjahre sind halt keine Herrenjahre!

 

Kurvenvisiten: die Ruhe vor dem Sturm

Da ich an besagtem Montag die einzige Studentin auf einer 40 Betten Station war, brauchte ich heute fast den ganzen Vormittag für meine Arbeit. Bei der ersten Patientin musste ich vier Mal die Nadel ansetzen, bis sich das Röhrchen endlich mit Blut füllte. Doch nach zwei weiteren Vierbett-Zimmern war ich wieder voll in meinem Element: Ein Schuss, ein Treffer! Und dann „floss“ es quasi wie von selbst. Positiv von meiner ausgefeilten Technik überrascht und nach getaner Arbeit meldete ich mich im Arztzimmer zurück. Michael, ein etwas zerstreuter und ungekämmter Assistenzarzt im ersten Weiterbildungsjahr, kämpfte sich gerade durch die Kurvenvisite. Was sich zunächst hochkomplex anhört, ist nicht anderes als das systematische Durchgehen der einzelnen Patientenblätter (oft auch Kadexe genannt). Wir kontrollierten dabei Vitalparameter wie Blutdruck und Körpertemperatur und passten – falls nötig – die Medikamente an. Nach etwas mehr als einer Stunde kannten wir damit die Eckdaten aller Patienten und machten uns mit dem Visitenwagen auf den Weg.

 

Sputumproben und Brechdurchfälle

Das erste Zimmer war kommunikationstechnisch ein glatter Reinfall: Die Patientin war schwer dement und rief fast ununterbrochen „Aua, aua, aua“. Laut Akte wurde sie letzte Nacht aufgrund einer Zustandsverschlechterung und Verdacht auf Pneumonie aus dem Heim eingeliefert. Michael verordnete eine Antibiose und eine Prise Schmerzmedikamente. Das nächste Zimmer war leer – alle Patienten waren bei Untersuchungen. Es folgte ein Herrensaal mit ziemlich dicker Luft. Ein Patient hatte einen Harnwegsinfekt und zwei Bettnachbarn mit COPD bei langjährigem Nikotinabusus husteten um die Wette. Um abschätzen zu können, ob sie sich einen Infekt eingehandelt hatten, bat Michael sie um eine Sputumprobe. Wenige Sekunden später prusteten sie zähflüssigen Schleim in ein Taschentuch und rieben es uns geradezu stolz unter die Nase. Guten Appetit! Für die folgenden Patientenzimmer mussten wir dann vielfältige hygienische Vorkehrungen treffen. Es handelte sich nämlich entweder um isolierte MSAR- und hoch ansteckende Brech-Durchfall-Patienten. Ich hielt also lieber Abstand, während der Assistenzarzt den schwerhörigen Pflegefällen das weitere Procedere zu brüllte. So zog sich mein Vormittag lang wie ein Kaugummi. Die alltägliche Visite in der Inneren ist eben kein Zuckerschlecken.

 

Geschafft: Endlich Mittagspause!

Kurz nach Zwölf schoben wir dann den Visitenwagen wieder an seinen Platz zurück und Michael diktierte mir ein paar Aufträge für den Nachmittag: Blutkulturen abnehmen, einen Patienten zur Lungenfunktion begleiten und zwei Arztbriefe vorbereiten. Langeweile würde also nicht aufkommen. Doch bevor ich mich wieder an die Arbeit machte, hatten wir noch ein „gastroenterologisches Konsil“: die wohlverdiente Mittagspause in der Personalkantine!

 

Weiterführende Links:

- Homepage der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin

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