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  • Annika Simon
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  • 10.08.2016

Innenansichten: Der tägliche Wahnsinn in der Notaufnahme

Der Ärztemangel schlägt sich nicht nur an vollen Praxen nieder. Auch deutsche Notaufnahmen werden regelrecht überrannt, weil Patienten sich schnelle Behandlungen nach Wunsch versprechen. Das mag für den Einzelnen praktisch sein, geht aber letztendlich zu Lasten der Versorgung echter Notfälle. Eindrücke aus einer deutschen Zentralen Notaufnahme.

 

Im Notfall müssen Mediziner uns Rettungsassistenten schnell handeln. Foto: Kirsten Oborny

 

Es ist Sonntagmorgen in einer deutschen Notaufnahme. Ich mache meine Famulatur in der Unfallchirurgie und möchte heute einmal den Notfallmedizinern über die Schulter schauen. Als ich den hellen Eingangsbereich betrete, sehe ich auf dem Weg zum Ärztebereich zunächst ein leeres Wartezimmer. Das sollte sich aber ganz schnell ändern. Nachdem ich mich nochmal dem diensthabenden Assistenzarzt der Klinik für Unfallchirurgie vorgestellt habe, klingelt auch schon das Trauma-Telefon. Die abhebende Schwester ruft: „Wir bekommen ein Polytrauma. Sturz vom Kirschbaum aus 5 Metern Höhe, intubiert und beatmet, vermutlich schweres Schädelhirntrauma, Ankunft in 7 Minuten!“


Wir eilen zum Schockraum und Jan, der Assistenzarzt, reicht mir eine Röntgenschürze. Da der Sturz ein Schädeltrauma vermuten lässt und der Patient intubiert und beatmet ist, werden umgehend die Dienste der Neurochirurgie sowie der Anästhesie informiert. Ich bekomme einen standardisierten Trauma-Bogen und habe die Aufgabe, das Protokoll bestmöglich auszufüllen. Dann geht alles ganz schnell, mit dem Traumapatienten kommt auch die Hektik in den Raum hinein. Der Notarzt macht eine kurze Übergabe, die unsere Vorinformationen noch ergänzt. Der männliche Patient mittleren Alters wollte auf einer Leiter stehend reife Kirschen vom Obstbaum pflücken und verlor dabei nach einem Windstoß das Gleichgewicht.


Nach Standard werden Halswirbelsäule, Thorax und Becken geröntgt und gemeinsam mit Jan und einer Schwester bringe ich den Patienten zum CT für eine sogenannte Traumaspirale. Dabei wird der Patient von Kopf bis Fuß einmal durch den Scanner geschickt, um schwere Verletzungen schnell identifizieren und dann behandeln zu können. Unser Patient hat eine kleine Subarachnoidalblutung sowie mehrere nicht dislozierte Wirbelkörperfrakturen und wird vorerst zur Stabilisierung auf die Intensivstation verlegt.

 

Fußpflege am Sonntagnachmittag


Inzwischen ist das Wartezimmer gut gefüllt und ich bekomme meine erste eigene Patientin. Die etwa 30-jährige Frau ist außer sich nach einer Wartezeit von knapp 2 Stunden: „Na endlich, das wurde auch Zeit! Ich bin schon seit 8 Uhr hier und habe noch gar keinen Arzt gesehen. Das kann doch nicht angehen, immerhin zahle ich Krankenkasse!“ Ich bemühe mich, freundlich zu bleiben und stelle mich zunächst als Studentin vor, als die Patienten erneut die Fassung verliert: „Was? Sie sind nur Studentin? Das kann doch nicht wahr sein! Ich will einen richtigen Arzt!“ Ich bin total irritiert und auch die anderen wartenden Patienten, darunter ein stark blutender Heimwerker, scheinen Mitleid mit mir zu haben. „Bitte beruhigen Sie sich“, sage ich zu der Patientin, „Nehmen Sie bitte noch einmal Platz. Was ist denn Ihre Hauptbeschwerde?“ Die Frau scheint sich etwas zu entspannen und antwortet dann: „Ich habe seit 2 Wochen einen eingewachsenen Zehennagel, das ist sehr unangenehm!“ „Ach so“, entgegne ich, „warum sind Sie denn damit noch nicht zum Hausarzt oder zur Fußpflege gegangen?“ „Die Fußpflege kostet doch Geld und beim Hausarzt gibt es immer nur so ungünstige Sprechzeiten mit langer Wartezeit“, versucht die Patientin ihren Besuch in der Notaufnahme zu begründen. „Ok“, sagte ich schließlich, „ich hole Ihnen einen „richtigen“ Doktor. Das wird dann aber mindestens 4 Stunden dauern“. Die Patientin habe ich übrigens nicht mehr wieder gesehen. Ist wohl einfach gegangen.


Das letzte Bier war schlecht


Diese kleine Geschichte ist leider kein Einzelfall. Viele Patienten einer Notaufnahme kommen als augenscheinlich gesunde Fußgänger und nehmen Behandlungen in Anspruch, die auch ein Hausarzt oder der kassenärztliche Notdienst hätten übernehmen können. Neben eingewachsenen Fußnägeln oder Kopfschmerzen, die seit 3 (!) Jahren bestehen, gibt es auch Ganzkörperschmerzen nach einem Probetraining im Fitnessstudio, die im Volksmund auch unter der Bezeichnung „Muskelkater“ bekannt sind. Sicher kann es sinnvoll sein, bei subjektiv belastenden Symptomen einen Arzt zu Rate zu ziehen. Aber muss das ausgerechnet zu Stoßzeiten in einer Notaufnahme geschehen? Immerhin haben wir ja ein flächendeckendes Gesundheitssystem mit einer sehr guten ambulanten Versorgungsstruktur, insbesondere in großen Ballungszentren.

Die Zeit, die ein oftmals stark überlasteter Assistenzarzt damit zubringen muss, um dem Patienten bei der Fußpflege zu helfen oder ihm die Genese und Harmlosigkeit von Muskelkater zu erklären, fehlt letztendlich bei der Versorgung echter Notfallpatienten. Und genau das ist ja die eigentliche Aufgabe einer Notaufnahme. Neben diesen „Fußgänger-Patienten“ nagt noch eine weitere Gruppe Hilfesuchender an den Nerven der Notfallmediziner: Alkoholiker und Schlägertypen.
Nach gefühlt 100 Patienten denke ich schon freudig an den Feierabend, als der nächste Rettungswagen einen neuen Patienten bringt. Helmut ist ein gut bekannter Alkoholiker und Dauergast unserer Notaufnahme. Besonders zu Beginn eines Monats, wenn das Portemonnaie wieder gefüllt ist, hat Helmut wieder einen Grund zum Feiern und verbringt seine Nächte meist in unserem Ausnüchterungszimmer, bis er den Essenswagen plündert und dann einfach – gegen ärztlichen Rat – das Weite sucht. So auch heute. Er randaliert, lässt sich erst nach einer großzügigen Dosis Haldol überhaupt versorgen und ist nach einem Schläfchen schon wieder über alle Berge. Seine Laborwerte kann ich ihm daher leider nicht mehr mitteilen: er hat 4,1 Promille!


Drama im Badeparadies


Irgendwie finde ich den Absprung bei all dem Trubel nicht und so befinde ich mich mitten in der Nachtschicht. Jetzt ist es auch egal, ich bleibe einfach noch bis zum Morgengrauen. Keine schlechte Entscheidung, denn es kommt tatsächlich noch ein echter Notfall und ich kann meine Kollegen dabei helfen. Um halb sechs Uhr morgens hat ein Rentner beim Schwimmen plötzlich das Bewusstsein verloren. Er erreicht unsere Notaufnahme in Notarztbegleitung und unter laufender kardiopulmonaler Reanimation. Während sich ein Rettungsassistent um die Thoraxkompressionen kümmert, wird der Rentner vom diensthabenden Anästhesisten intubiert und in der Folge maschinell beatmet. Die kurze Zeit später eintreffende Tochter verlangt „das volle Programm“ und so kämpft die ganze Notaufnahme über eine Stunde um das Leben des äußerlich noch sehr fit wirkenden Patienten. Leider kommt unsere Hilfe zu spät, der Patient erliegt höchst wahrscheinlich den Folgen eines schweren Hinterwandinfarktes.


Beim Blick aus der großen Eingangstür kann ich schon die ersten Sonnenstrahlen sehen. Ich bin einerseits total aufgedreht vom Adrenalin im Zuge der dramatischen Reanimation und gleichzeitig erschöpft und völlig übermüdet. Zuhause angekommen, will ich natürlich schlafen, kann aber nicht. So viele Eindrücke wandern mir durch den Kopf. Nervende Patienten ohne echte Beschwerden, sterbende Rentner, pöbelnde Alkis. Es ist schon krass, was unsere Ärzte Tag täglich in den Notaufnahmen leisten. Dafür ziehe ich meinen Hut.

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