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  • Annika Simon
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  • 06.11.2013
  • Amerikanische Flagge - Foto: Public Domain Pictures/Pixabay.com

    Deutsche Mediziner im Ausland: Vor allem die USA bietet attraktive Forschungsfelder.

     

Deutsche Forscher auf dem Sprung ins Ausland

Der Deutsche Thomas Südhof gehört seit Oktober zu einem der drei Gewinner des Nobelpreises für Medizin und Physiologie. Südhof studierte und promovierte in Göttingen, seine bahnbrechenden Studien über Transportmechanismen von Zellen schrieb er allerdings in den USA. Eigentlich schade, dass solch ein brillanter Forscher der Heimat den Rücken kehrt. Verlieren wir etwa alle guten Köpfe ans Ausland?

Die Freude war hierzulande groß, als am Montagmorgen die Nachricht durch die Presse schnellte: Wir sind Nobelpreis! Nach jahrelanger Forschung über die Transportmechanismen von Zellen erhielt der Norddeutsche Thomas Südhof gemeinsam mit seinen beiden US-Kollegen James Rothman und Randy Schekman die begehrte Auszeichnung aus Stockholm. Eigentlich eine tolle Sache für unser Land, kam mir zunächst in den Sinn. Doch im Anschluss an eine kleine Internetrecherche musste ich schnell feststellen, dass Herr Südhof schon lange nicht mehr in Deutschland lebt und arbeitet. Seine wesentlichen Forschungsarbeiten, die ihm zum Titel verhalfen, führte er in den Vereinigten Staaten durch. Obwohl er in Göttingen studierte und auch seine Promotion einreichte, zog es ihn für weitere Karriereschritte über den großen Teich ins Ausland. Eigentlich schade! Denn auch hier können wir großartige Wissenschaftler gebrauchen. Was am Beispiel Thomas Südhof so drastisch ins Auge sticht, ist leider schon lange an der Tagesordnung: Wissenschaftler erlangen in Deutschland ihre Grundausbildung und forschen dann im Ausland weiter. So berichtet die Bundesärztekammer in ihrer Statistik aus dem Jahre 2012, dass über 2000 Ärzte das Land verlassen haben, davon 66% Deutsche. Stellt sich sofort die Frage: Was haben die, was wir nicht haben?

 

Blick über den Tellerrand

Ein möglicher Grund wären bessere Forschungsbedingungen, mehr Gelder für Forscher und ein größerer Stellenwert wissenschaftlicher Arbeiten an ausländischen Universitäten. Dass dem aber nicht so ist, sagte Südhof erst kürzlich in einem Interview mit der FAZ. Demnach hätten sich die Bedingungen besonders in den letzten Jahren angeglichen. Die Gründe für seinen Umzug in die Staaten waren hingegen vielmehr persönlicher Natur und gründeten sich auf eine besondere Konstellation von Umständen. Schließlich gibt es ja auch Wissenschaftler, die nach vielen Jahren deutscher Forschung einfach einmal ihren Horizont erweitern und einen Blick über den wissenschaftlichen Tellerrand werfen wollen. „Ich habe derzeit in Boston, USA, promoviert und habe diese Zeit richtig genossen“, berichtet ein Oberarzt aus einer urologischen Klinik. „Die Abläufe waren schon anders als an deutschen Universitäten, und die Betreuung von Doktoranden wurde sehr ernst genommen. Und nebenbei war mein Auslandsjahr natürlich eine tolle Gelegenheit, um Land und Leute kennenzulernen und neue Kontakte zuknüpfen“, führt er seine Erzählung fort. Keine Frage: Es kann immer sehr befruchtend sein, sich Ideen und erfolgreiche Methoden bei den Nachbarn abzuschauen und langfristige Kooperationen aufzubauen.

 

Reger Austausch zwischen den Nationen

Es ist immer schade, wenn ein guter deutscher Forscher oder Arzt seine Heimat verlässt. Allerdings dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass wir auch viele Wissenschaftler aus dem Ausland willkommen heißen, die unsere Labore und Kliniken bereichern. Betrachtet man beispielsweise einzelne Arbeitsgruppen an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), findet man in jeder mindestens einen Forscher oder Doktoranden aus dem Ausland. Darüber hinaus werden internationale Forschungsgemeinschaften heute groß geschrieben und bilden damit die Grundlage für Forscherströme zwischen den Nationen. Auch Medizinstudenten hierzulande sind von der Vielfalt der Nationen begeistert: „Während meiner Promotion habe ich im Labor mit vielen Laboranten und Ärzten aus dem Ausland zusammengearbeitet. Es war schon ziemlich anspruchsvoll, die ganze Zeit auf Englisch zu sprechen. Aber ich habe in dieser Zeit wirklich viel Lernen und neue Freunde gewinnen können“, erzählt Mira von ihrer Zeit als Doktorandin im Bereich der Neurologie.

 

Die Brain-Gain-Offensive

Wie das Beispiel von Mira zeigt, lässt sich der Horizont also auch in deutschen Universitäten mit persönlicher Bereicherung erweitern. Warum also in die Ferne schweifen? Schließlich gibt es im Rahmen der sogenannten „Brain-Gain-Offensive“ der Bundesregierung und durch die Förderprogramme der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hervorragende Bedingungen für deutsche Nachwuchsforscher (siehe Links). Darüber hinaus bieten auch viele Universitäten aktuell attraktive Rahmenbedingungen an, die teilweise bereits im Studium ansetzen. „Bei uns an der MHH gibt es das sogenannte StrucMed-Programm“, erzählt eine Kommilitonin, die demnächst ins PJ geht. „Es handelt sich dabei um eine strukturierte Doktorandenbetreuung, bei der die Studierenden vom Unterrichtsbetrieb freigestellt und je nach Abteilung auch finanziell unterstützt werden. Für mich war das eine prima Sache!“ Obgleich Auslandserfahrungen immer eine tolle Erfahrung sind, lohnt sich also eine Recherche über Förderprogramme an deutschen Forschungseinrichtungen. Denn wer sich für sein Themengebiet wirklich engagiert und mit den entsprechenden Arbeitsgruppen Kontakte knüpft, ist auch in deutschen Forschungseinrichtungen herzlich willkommen. Und wer weiß: Vielleicht kommen auch bald mal wieder nicht nur die Nobelpreisträger, sondern auch ihre Ergebnisse aus deutschen Landen.

 

Weiterführende Links

 

Bericht der Bundesärztekammer über die Abwanderung deutscher Ärzte ins Ausland  

Artikel im DÄB über die Arztzahlenentwicklung mit Bezug auf die Abwanderung  

Artikel aus der Ärztezeitung über die finanziellen Konsequenzen der Abwanderung deutscher Ärzte ins Ausland  

Artikel auf der Seite Kopp Online über mögliche Gründe für die Auswanderung von deutschen Medizinern und Wissenschaftlern ins Ausland  

Offizielle Stellungnahme der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zur Untersuchung der Forschungsbedingungen an deutschen Universitäten  

Bericht auf der Homepage des Informationsdienst Wissenschaft (idw) zur Befragung zu den Forschungsbedingungen in Deutschland 

Pressemitteilung über Maßnahmen der TU München, um deutsche Forscher aus dem Ausland zurück zu gewinnen 

Bericht über eine Initiative von ausgewanderten Wissenschaftlern zur Verbesserung der Forschungsbedingungen in Deutschland

Interview der FAZ mit dem Träger des Medizin Nobelpreises Südhof  

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