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  • Julia Marschall
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  • 07.09.2020

Dream Big – Mein Traum vom Arztberuf

5 Jahre Medizinstudium liegen nun hinter Julia. Zeit, einen Rückblick zu wagen: Wie war das Studium und ist Ärztin zu sein immer noch ihr großer Wunsch?

 

“Liebes Tagebuch, ich möchte eines Tages eine Ärztin werden, die kranken Menschen hilft und sie wieder gesund macht. Das wäre super, denn dann würde es weniger Leute geben, die traurig sind und denen es schlecht geht.”
Ich, 7 Jahre alt und damals schon begeistert und fasziniert von den Menschen im weißen Kittel.

“Berufswunsch: Kinderärztin. Ich möchte als Kinderärztin meinen Teil dazu beitragen, den Kleinsten wieder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern und ihnen in schlimmen Situationen beizustehen.”
Ich, 18 Jahre alt und gerade im Freiwilligendienst in einer Kinderklinik tätig, mit dem festen Plan, Medizin zu studieren.

Mein Berufswunsch ist über all die Jahre hinweg keineswegs verschwunden und ich bin auch heute, mit 24 Jahren der festen Überzeugung, dass ich den schönsten Beruf der Welt erlernen darf.
Mein Wunsch hat sich im Laufe des Studiums aber verändert. Diese Veränderung war ein schleichender Prozess und hat vorwiegend mit dem Ablauf des Studiums zu tun.

Mittlerweile bin ich so weit fortgeschritten in meinem Studium, dass die Zeit der “letzten Male” begonnen hat. Das letzte Seminar, die letzte Vorlesung, das letzte Praktikum. Die meisten meiner Freunde werden im Oktober das zweite Staatsexamen ablegen und befinden sich dann im letzten Studienabschnitt, dem Praktischen Jahr. Freundeskreise lösen sich auf. Menschen, die einen über 5 Jahre hinweg begleitet haben, werden dann auf einmal nicht mehr da sein. Der Gedanke ist komisch und ich werde ein klein wenig sentimental dabei. Wo sind die letzten fünf Jahre nur geblieben? Wie konnte die Zeit so schnell vorbeiziehen?


Neben all den emotionalen Momenten und Erinnerungen, die sich über die Jahre angesammelt haben, blicke ich vor allem auch auf das Studium zurück.
Ein Studium, was in unserer Gesellschaft immer noch als Prestige-Studium angesehen wird und mit unheimlich vielen Stigmata behaftet ist. Dementsprechend waren auch meine Erwartungen, die ich zu Beginn dieses Studiums hatte.

Es ist erstaunlich, wenn ich überlege, mit wie viel Enthusiasmus, Motivation und vermutlich auch Naivität ich in mein erstes Semester gestartet bin.
Ich würde sagen, die ersten vier Semester und damit die gesamte Vorklinik, waren in Homburg nicht anders als an allen anderen Universitäten mit Regelstudiengang. Im Laufe der vier Semester wurde Enthusiasmus ersetzt mit Durchhaltevermögen. Naivität und Romantisieren des Studiums verflogen und ich landete ziemlich unsanft auf dem Boden der Tatsachen. Zu Beginn des Studiums ist jedem Studierenden bewusst, dass die Zeit bis zum Physikum intensiv wird. Realisieren kann man diese Tatsache aber erst, wenn man mittendrin aufwacht und feststellen muss, dass fast alle Prophezeiungen über die Vorklinik wahr sind.

Biochemie wurde mein persönliches “Tor zur Hölle”, die Zeit im Anatomie-Semester verbrachte ich als “Kellerkind” im Präpariersaal und vom nächtelangen PROMETHEUS wälzen wurde ich zum Kaffee-Zombie. Der vermutlich einzige Grund, der mich halbwegs über Wasser gehalten hat, war der Kontakt zu älteren Semestern.

In Homburg hat man schnell Anschluss an Studierende aus höheren Semestern und bekommt somit einen Einblick in das “Leben nach dem Physikum”. Sätze wie “Nach dem Physikum trennt dich nur noch der Freitod von der Approbation” werden zu einer Art Mantra. Und nach einem zermürbenden und alles abverlangendem Endspurt in der Vorklinik scheint es, als hätte man mit Bestehen des Physikums das große nächste Ziel erreicht. Der klinische Studienabschnitt beginnt.

Ich möchte keinesfalls demoralisieren oder kommenden Physikumskandidaten die Motivation und Vorfreude auf die Klinik verderben. Aber ich möchte auch ehrlich sein.

Das Lernen in der Klinik hört nicht auf, man gewöhnt sich nur ein anderes Lernen an. Während in der Vorklinik alles Gelernte bis zum Physikum präsent sein muss und die Grundlagen für das weitere Studium gelegt werden, geht es im klinischen Studienabschnitt darum, Klausuren zu bestehen. Ich glaube, es ist uns allen bewusst, dass in einer Klausurenphase mit 12 Klausuren die Vorbereitung für einige der Prüfungen eher knapp ausfällt. Und so sehr ich mich auch bemüht habe, letztlich bin ich über die Semester hinweg zum “Bulimielernen” erzogen worden. Hoffen, dass es für die Klausur reicht und sich freuen, wenn man bestanden hat. Man gewöhnt sich relativ schnell an diese Art des Lernens.

In meinem dritten Semester in der Klinik habe ich während der Klausurenphase mit meinem besten Freund telefoniert. Er fragte mich, wie ich es denn schaffe, mir diese Unmenge an Informationen zu merken. Meine Antwort darauf hat mich verängstigt und mir gleichzeitig die Augen geöffnet: Gar nicht. Ich lerne, um zu bestehen. Das angesammelte Wissen hält sich dann vielleicht noch 1-2 Wochen. Es ist aber nichts weltbewegend Neues, dass das Gelernte ohne stetige Wiederholung wieder verloren geht. Und so lerne ich Semester für Semester, um eben meine Klausuren zu bestehen. Nicht mehr und nicht weniger.

Wie aber soll ich meinen Berufswunsch verfolgen und eine gute Ärztin werden, wenn ich doch alles Wissen wieder neu lernen muss, sobald ich anfange zu arbeiten? Ich kann doch nicht mit einem Bruchteil an Wissen Verantwortung für einen kranken Menschen übernehmen?! Diese Tatsache versetzt mich jedes Mal erneut in Angstzustände und ich habe bisher noch keinen Ausweg für dieses gedankliche Horror-Szenario gefunden. Für viele scheint die Lösung vielleicht offensichtlich: mehr Zeit am Schreibtisch. Ich gehe aber davon aus, dass 90% meiner Kommilitonen und Kommilitoninnen wie ich, ebenfalls Wert auf ihr Sozialleben legen. Ohne Ausgleich – sei es in Form von Sport, Musik, Kunst oder Freundschaften – hätte ich dieses Studium mit Sicherheit nicht geschafft. Man befindet sich quasi in einer konstanten Dreieckssituation aus Sozialleben, Studium und Schlaf. Zwei der Dinge sind definitiv nebeneinander möglich, die dritte Konstante leidet aber zwangsweise.


Ich habe mich persönlich damit abgefunden, von einem immerwährenden schlechten Gewissen verfolgt zu werden. War ich mit Freunden unterwegs und verbrachte eine schöne Zeit, dann schlich sich das schlechte Gewissen ein: “Du hättest in dieser Zeit auch so viel Lernen können”. Verbrachte ich die Woche am Schreibtisch und verpasste einen Geburtstag, weil eine Prüfung anstand, dann wurde die Stimme laut: “Du vernachlässigst deine Freunde, irgendwann melden sie sich bestimmt auch nicht mehr bei dir”.

Mit der Zeit habe ich mich an dieses schlechte Gewissen, diese innere Stimme gewöhnt.
An was ich mich jedoch bis heute nicht gewöhnen kann und möchte, sind die wenigen praktischen Erfahrungen, die ich in meinem klinischen Studienabschnitt bisher gesammelt habe.
Denn man geht nach der Vorklinik mit der Hoffnung in den klinischen Studienabschnitt, dass man fortan mehr Patientenkontakt hat, echte Krankheiten nicht nur in der Theorie kennenlernt.
Man wünscht sich, die alltäglichen Dinge zu erlernen, die ein guter Arzt beherrschen muss: Sonografieren, ein EKG auswerten, eine Lunge oder ein Herz korrekt auskultieren. Bestenfalls habe ich diese Dinge im Rahmen von Wahlfächern oder in meinen Famulaturen erlernt oder zumindest einmal ausprobiert.


Und so blicke ich heute auf die letzten fünf Jahre zurück und stelle fest, dass ich immer noch den Wunsch habe, eine gute Ärztin zu werden. Ich träume immer noch davon, vielen Menschen Gutes tun zu können. Ich weiß jetzt aber, dass mir das nicht im Rahmen dieses Studiums gelingen wird. Vermutlich auch nicht in den ersten zwei oder drei Jahren meiner Zeit als Assistenzärztin. Vielleicht auch erst am Ende meiner beruflichen Karriere.


Und wenn mir heute die Frage gestellt wird, was ich in meinem Studium denn überhaupt Wichtiges gelernt habe, wenn es nicht das Wissen um alle existierenden Krankheiten ist. Dann antworte ich darauf meistens: Resilienz, Persistenz, Durchhaltevermögen und eine Menge über mich selbst.

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