Geschützte Räume, keine geschlossenen Türen

Was steckt eigentlich alles hinter dem Präparierkurs? Woher kommen die Körperspender und was ist eigentlich ein Prosektor? Wie läuft der Kurs genau ab und was passiert danach mit den Spendern? Stephanie Schulz hat Antworten auf all diese Fragen gefunden.

Prosektor ist keine "geschützte" Berufsbezeichnung, sondern definiert sich über die Tätigkeit als solche, d.h. die ärztliche Verantwortlichkeit für das Körperspendewesen an einem anatomischen Institut. Dies beinhaltet u.a. die Ausstellung der Körperspendevereinbarungen, die Gespräche mit den Körperspendern und deren Angehörigen, die Verantwortung für die Pflege und Konservierung der Präparate, die Organisation der Kurse der makroskopischen Anatomie und der Operationskurse für Studenten höherer Semester und Kliniker oder auch die Durchführung der Beisetzungsfeiern.

 

Offizielle Beisetzung am Ende des Präpkurses

 

In früheren Zeiten waren alle Anatomen Mediziner, im Laufe der interdisziplinären Verschmelzung von Biochemie, Physiologie, Humanbiologie u.ä. gibt es inzwischen auch Nichtmediziner als Anatomen.

 

Medizinstudenten im Präpariersaal

 

Das Aufgabengebiet von Prosektor Dr. Becker

Als approbierter Facharzt für Anatomie ist Dr. Becker ermächtigt, im Auftrag des Amtsarztes die gesetzlich vorgeschriebene 2. Leichenschau an den verstorbenen Körperspendern durchzuführen. Diese muss durchgeführt werden, um zu verhindern, dass nach der Fixierung der Leichen noch Fragen über Todesursache und evtl. Fremdeinwirkung offen sind, da der Nachweis von Medikamenten oder organischen Schäden am fixierten Körper schwierig ist. Weil er ein großer Verfechter der Öffentlichkeitsarbeit und Entmystifizierung der anatomischen Arbeit ist, hält Dr. Becker viele Vorträge und organisiert Führungen durch die Anatomie für in medizinischen Berufen Tätige wie auch für Laien. Auch die alljährlichen Operationskurse, die für Ärzte aus ganz Deutschland hier in Homburg stattfinden, werden von ihm organisiert und mit durchgeführt. Aus persönlichem Interesse organisiert er auch die Kunstausstellung "Kunst in der Anatomie" und gemeinsam mit Studenten auch "Kunst in der Mensa". Als Dozent hält er außerdem auch im 1. vorklinischen Semester die Vorlesung "Medizinische Terminologie", führt einen fakultativen Kurs "Anatomie am Lebenden" für Zweitsemester durch und im 3. Semester leitet er gemeinsam mit Prof. Kienecker das Praktikum der mikroskopischen und makroskopische Anatomie für einen Teil des Semesters (der andere Teil wird von Prof. Mestres, Prof. Bock und deren Mitarbeitern geleitet). Dr. Becker ist außerdem verantwortlich für die oben genannten allgemeinen Aufgaben eines Prosektors.

 

Ein Prospektor sollte Routine und Respekt verbinden können

Das sogenannte Totenfürsorgerecht und die damit verbundene Totenfürsorgepflicht sind gesetzlich festgelegt und obliegen dem Prosektor. Administrative Vorgänge wie das Ausstellen von Körperspendervereinbarungen oder die Organisation von Beisetzungsfeiern können "routinemäßig" behandelt werden. Was ist aber mit dem rein emotionalen Aspekt und der persönlichen Einstellung zu den Leichen? Hierzu muss gesagt werden, dass ein beruflicher emotionaler Abstand zu den Verstorbenen unumgänglich ist.

 

Operationskurs für Ärzte

 

Der sorgfältige und pietätvolle Umgang mit den Körperspendern ist etwas, was in Homburg - wie wahrscheinlich auch in allen deutschen Anatomischen Instituten - groß geschrieben wird. Auch wenn jeder Körperspender im Laufe eines Präparier- oder OP-Kurses zu einem anatomischen Präparat wird, so wird dieses Präparat stets mit größtem Respekt und menschwürdig behandelt. Studenten, die größtenteils selbstverantwortlich, wenn auch unter Anleitung ausgesuchter Mentoren mit den Leichen arbeiten, haben diese mit Respekt zu behandeln. Grobes Zuwiderhandeln könnte bis hin zur Exmatrikulation führen. Dr. Becker obliegt die Einweisung der Studenten. Er und seine Anatomen-Kollegen achten darauf, dass die Körperspender adäquat behandelt werden. Zu Lebzeiten ist er Ansprechpartner für die Menschen, die nach ihrem Tod ihren Körper der Anatomie zur Verfügung stellen wollen, wie auch für deren Angehörige.

 

Wie viele Körperspender gibt es in Homburg und wer darf an ihnen arbeiten?

Die Bereitschaft der Bevölkerung zur anatomischen Körperspende ist außerordentlich groß. Allein die kleine Anatomie Homburg hat zur Zeit 3336 Körperspendevereinbarungen mit noch lebenden Körperspendern. 200-300 Anfragen erreichen jedes Jahr das Anatomische Institut. Jährlich kommen ca. 70 verstorbene Körperspender in die Anatomie, von denen etwa 40 im Präparierkurs, einige in OP-Kursen und einige zur Erprobung neuer Operationstechniken benötigt werden. So werden z.B. computernavigierte Operationstechniken, Endoskopiemethoden und neue Geräte getestet.

 

Präpariersaal

 

Allgemein dürfen Sektionen durchführen: Pathologen, bei denen zu Lebzeiten oder nach dem Tod durch Verwandte eine Zustimmung zur Sektion erfolgen muss; Gerichtsmediziner, die bei Verdacht auf Fremdeinwirkung Obduktionen durchführen; Anatomen, die zur Erhaltung der Volksgesundheit und der Lehre sezieren und auch Medizinstudenten, die, zumindest in Deutschland von der Approbationsordnung vorgeschrieben, an einem praktischen Präparierkurs teilnehmen müssen. All das ist in gesetzlichen Regelungen festgelegt. Jeder Mensch darf in Ausübung seines postmortalen Persönlichkeitsrechts und im Rahmen der ethischen und gesetzlichen Grundlagen des Landes selbst entscheiden, was nach dem Tod mit seinem Körper geschehen soll.

Eine Untersuchung der Beweggründe für die Körperspende ergab folgende 3 wesentlichen Gründe:

  • Idealismus: Körperspender wollen angehenden Ärzten die Möglichkeit bieten, an ihrem Körper die anatomischen Grundlagen zu erlernen
  • Pragmatismus: Menschen, die ihren Angehörigen nach dem Tod nicht zur Last fallen wollen
  • Nihilismus: viele sind der Ansicht, dass es egal ist, was nach dem Tod mit ihrem Körper geschieht und wollen ihn lieber spenden, damit man an ihm lernen kann, bevor der Verwesungsprozess einsetzt und den Körper unbrauchbar macht

 

Folgen von pietätlosem Verhalten an der Leiche

In § 164 der Strafprozessordnung ist die Störung der Totenruhe als Strafbestand aufgeführt. Für die Anatomie heißt dies: pietätloses Verhalten oder grober Unfug mit der Leiche oder Leichenteilen sowie die Entwendung dieser führen zu Strafanzeige und zur Exmatrikulation mit der Folge, dass man kein Arzt mehr werden kann. Die Leiche ist als der erste Patient zu betrachten und wer nicht in der Lage ist, sie entsprechend zu behandeln, ist den charakterlichen Ansprüchen an einen Arzt nicht gewachsen.

 

Präparierübungen am Arm

 

Medizinstudenten im Umgang mit Körperspendern

Jeder Student war am ersten Tag in der Anatomie aufgeregt und hat sich kaum getraut, die ihm zugewiesene Leiche auch nur zu berühren, geschweige denn zu präparieren. Auch wenn sich diese Scheu in der Regel sehr schnell legt, haben doch viele immer wieder ethische oder moralische Bedenken oder einfach Probleme mit dem Bewusstsein, an einem toten Menschen zu arbeiten. Man sollte sich hier immer vor Augen halten, dass sich diese Menschen zu Lebzeiten für die Körperspende entschieden haben und auch wussten, was mit ihnen gemacht wird. An Hand von photographischen Anatomieatlanten und Präparaten wurde ihnen erklärt und demonstriert, was ihren Körper erwartet und sie haben in diesem Bewusstsein in ihrem letzten Willen die Körperspende festgelegt. Außerdem sollte man sich klarmachen, dass man nicht aus Spaß an Leichen präpariert oder Unfug mit ihnen treibt, wie das Filme wie Anatomie 1+2 zeigen, sondern dass es harte Arbeit ist, die viel Zeit in Anspruch nimmt. Mit 10 Studenten präpariert man ein ganzes Semester von Oktober bis Februar je ca. 16 Stunden pro Woche an einem Körper und lernt dazu auch noch alle Strukturen. Das 3. Semester ist also nicht umsonst eines der lernintensivsten überhaupt.

 

Der alltägliche Anatomiebetrieb - eine klare Distanzierung von von Hagens

Das Bestattungsgesetz des Saarlandes verbietet ein Aufbahren und erst recht ein Ausstellen von Toten. Davon abgesehen ist es nicht Sinn und Zweck der Anatomie, mit sensationshaschenden Darstellungen viele Besucher und mit ihnen auch viel Geld anzuziehen. Laieninformation wird in Homburg sicher großgeschrieben, aber die Atmosphäre und auch die Darstellung der Präparate im Präpariersaal gleichen in keinster Weise der in einer Ausstellung von von Hagens. Hier in Homburg sind keine verschlossenen Türen, aber geschützte Räume zu finden: Man ist darauf bedacht, sowohl den Körperspendern als auch denen, die an ihnen arbeiten eine ruhige Atmosphäre und eine gewisse Intimität zu verschaffen. Hier werden keine Präparate in " lebensechten Posen" wie in Körperwelten dargestellt, die weder Lehrwert noch Pietät besitzen sondern einfach nur darauf abzielen, dem Publikum den gewünschten Schauer über den Rücken zu jagen. In Homburg sind Präparate zum unumgänglichen Lernen und Verstehen des Aufbaus eines Menschen da und keine Gruselschocker, wie sich das viele Autoren und Produzenten vorstellen.

 

Fixierung und Aufbewahrung der Körperspender

 

Konservierung und Fixierung

 

Nach dem Tod eines Körperspenders wird die Anatomie von den Angehörigen informiert und beauftragt einen Bestatter damit, den Körperspender abzuholen und in die Anatomie zu überführen. Dort wird über eine Beinarterie ein Fixierungsgemisch aus Formalin und Fungiziden in den Körper gebracht und danach wird der Körper in ein großes Becken mit Fixierungsmittel gelegt, wo er meist mehrere Monate verbleibt. Der so fixierte Körper kann nun nicht mehr verwesen und wird während des Präparierkurses durch tägliches Gießen mit dem Desinfektionsmittel Phenoxetol und Abdecken mit phenoxetolgetränkten Tüchern vorm Austrocknen und vor Befall mit Bakterien und Pilzen geschützt. Da die Verstorbenen in ihrem Testament verfügt haben, dass sie ihren Körper spenden wollen, ist es ein Rechtsbruch, ihren Körper nicht für diesen Zweck zu verwenden. Für OP- und Präparierkurse ungeeignete Körper werden daher für Teilpräparate oder histologische Schnitte herangezogen.

 

Offizielle Trauerfeiern für Körperspender

Jedes Jahr im November findet dann die offizielle Trauerfeier statt, bei der die Körperspender nach der Einäscherung auf dem Gräberfeld der Anatomie in Homburg oder auf Wunsch der Angehörigen auch auf dem Heimatfriedhof bestattet werden.

 

Beisetzungsfeier

 

Beisetzungsfeier

 

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