• Interview
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  • Text und Fotos: Marisa Kaspar
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  • 17.06.2013

Famulatur unter ungewohnten Bedingungen

Maria hat ihre erste Famulatur in Jarmolynzi in der Ukraine auf einer neurologischen Station verbracht. Dass man Menschen auch gut ohne fließendes Wasser und die für uns selbstverständlichen technischen Möglichkeiten behandeln kann, erzählt sie hier.

Im Krankenhaus

> Schön, dass du da bist und von deiner Famulatur in der Ukraine berichtest. Was waren denn die größten Unterschiede zu einem deutschen Krankenhaus?

Das Gesundheitssystem insgesamt. In der Ukraine werden die Medikamente, die die Patienten brauchen, nicht gestellt. Die Patienten bekommen nur eine Liste und sie oder ihre Angehörigen gehen dann zur Apotheke und kaufen die Medikamente selbst. Ganz anders als in Deutschland ist auch, dass Krankenschwestern keine pflegerischen Aufgaben haben. Sie erledigen nur medizinische Tätigkeiten wie Spritzen geben oder Infusionen legen. Um die Pflege der Patienten kümmern sich ihre Verwandten.

 

Das Krankenhaus in Jarmolynzi

> Wie viele Angestellte gibt es dann pro Station?

Das Krankenhaus in Jarmolynzi ist relativ klein. Auf unserer Station lagen circa 20 Patienten. Für diese waren eine Krankenschwester, eine Pflegehilfskraft und ein bis zwei Ärztinnen zuständig.

 

> Und wie lange arbeiten diese jeden Tag?

Die Krankenschwestern haben immer 24-Stunden-Schichten. Das hört sich sehr anstrengend an, ist aber wirklich sinnvoll. Die meisten Krankenschwestern kommen nämlich aus den umliegenden Dörfern und bei dem Schnee dauert die Anfahrt ziemlich lang. Deswegen arbeiten sie immer 24 Stunden, haben dafür aber nur ungefähr alle 3 Tage eine Schicht. Die Ärzte haben ziemlich schöne Arbeitszeiten, immer nur von 8 bis 16 Uhr. Nachts gibt es einen Bereitschaftsdienst, bei dem ein Teil der Ärzte in der Notaufnahme übernachtet, die meisten aber zu Hause sind und übers Handy erreicht werden können, wenn es einen Notfall gibt.

 

> Wie viel verdient man denn in der Ukraine als Arzt?

In der Ukraine verdient ein Arzt umgerechnet ungefähr 100 Euro im Monat. Aber die Lebenshaltungskosten sind auch viel niedriger als in Deutschland.

 

> Wie sieht es im Krankenhaus mit der Versorgung und den technischen Möglichkeiten aus?

Das Krankenhaus ist ja ziemlich klein. Es ist nur das Nötigste da. Wer umfangreichere Hilfe braucht, muss in das Krankenhaus in der nächstgrößeren Kreisstadt fahren, wie eben hier auch. Das einzige richtige technische Möglichkeit, die die Ärzte haben, ist das Röntgen. Für EEG oder EKG gibt es spezialisiertes Personal, das auf Abruf auf die Station kommen kann. CT oder MRT gibt es überhaupt nicht. Generell ist das System eher wie früher in Deutschland. Es gibt kein Einwegmaterial. Die verwendeten Geräte werden von der Krankenschwester desinfiziert und wieder verwendet. Handschuhe werden auch nicht vom Krankenhaus gestellt. Die muss man sich selbst kaufen, wenn man welche haben will. Außerdem gibt es nicht die ganze Zeit fließendes Wasser. An den Haupthähnen läuft es zwar die ganze Zeit, aber überall anders nur unregelmäßig. Deswegen wird immer Wasser in Flaschen abgefüllt, damit welches da ist, wenn wieder kein Wasser aus dem Hahn kommt.

 

> Und was waren deine Aufgaben im Krankenhaus?

Ich bin mit der Stationsärztin zusammengewesen und habe ihr über die Schulter geschaut. Oft habe ich auch selbst untersucht und sie hat mir zugesehen und Tipps gegeben. Zwei Tage lang war ich auch in der Poliklinik bei der Aufnahme von Patienten dabei.

 

> Was war das Interessanteste, das du im Krankenhaus erlebt hast?

Die Verlaufsgeschichten der Schlaganfälle waren sehr interessant. Die Behandlungsmethoden sind ganz anders als in Deutschland, aber die Patienten haben trotzdem gute Prognosen. Nach einem Schlaganfall werden die Patienten nicht mobilisiert, sondern es werden erstmal 10 Tage Bettruhe verordnet. Danach beginnt man sehr langsam mit der Mobilisierung. Die Diagnosestellung war auch sehr beeindruckend. Es gibt ja kein CT im Krankenhaus und die Ärztin hat nur am klinischen Bild erkannt, ob der Patient einen hämorrhagischen oder ischämischen Schlaganfall hat. Und auch ohne unsere technischen Möglichkeiten hat die Ärztin, bei der ich war, in dem ganzen Monat kein einziges Mal daneben gelegen. Das war sehr interessant, zu sehen, wie die Erfahrung bei der Diagnose hilft und wie es den Patienten Tag für Tag besser geht bei einer Therapie, die in Deutschland kontraindiziert ist.

 

> Kannst du dir vorstellen, später in der Ukraine als Ärztin zu arbeiten?

 

Ich würde nochmal so ein Praktikum machen und auch eine Zeit lang dort arbeiten. Aber ich kann mir nicht vorstellen, das mein Leben lang zu machen. Ich habe Respekt für die Ärzte, die unter den unkomfortablen Umständen dort arbeiten. Zum Teil gibt es wirklich dürftiges Equipment und für einen Arzt aus Deutschland ist das eine große Umstellung. Die Arbeitsbedingungen in der Ukraine sind mit denen hier nicht zu vergleichen. Eigentlich ist der Stand dort, wie er hier in den 80ern war.

 

 

 

 Ein ukrainischer Krankenwagen

 

 

Das Studium

 

> Hast du mitbekommen, wie das Medizinstudium in der Ukraine abläuft?

 

Das ist viel kürzer als in Deutschland, man ist nach 6 Jahren schon Facharzt. Das Studium dauert 4 Jahre und dann kommen noch 2 Jahre Facharzausbildung. Die Studenten haben auch Praktika, aber hier müssen sie Berichte schreiben und ein bestimmtes Programm absolvieren, also bestimmte Tätigkeiten durchgeführt haben. Die meisten, mit denen ich gesprochen habe, waren total verwirrt, dass ich sowas nicht habe.

 

 

Freizeit und Kulinarisches

 

> Was hast du dann so gemacht, wenn du nicht im Krankenhaus warst?

Ich habe Verwandte in der Ukraine, bei denen ich auch gewohnt habe. An den Wochenenden habe ich oft meine Cousine besucht, wir haben groß mit den Verwandten gegessen und waren oft in der nächstgrößeren Stadt zum shoppen.

 

> Was ist dein Lieblingsessen in der Ukraine gewesen?

Blinchiki. Das sind kleine Hefeteigkuchen. Sie sind ähnlich wie Eierkuchen, nur eben mit Hefe und dicker. Die werden von beiden Seiten in der Pfanne gebraten und man kann einfach alles dazu essen. Ich esse die oft auch ohne etwas dazu und meine Oma hat mir die oft morgens zum Frühstück gemacht.

 

> Gab es auch ein Essen, das dir gar nicht geschmeckt hat?

Kishki. Das ist mit Nudeln gefüllter Darm. An sich ähnlich wie Blutwurst, nur zusätzlich mit Nudeln gefüllt. Ich mag Blutwurst sowieso nicht, deswegen wollte ich das dann auch nicht essen.

 

> Gibt es sonst noch etwas aus der Ukraine zu erzählen?

Es war dort sehr kalt im März, ich habe den Frühling vermisst. Überall war Schnee, manchmal waren wir sogar ganz eingeschneit, da lag der Schnee mannshoch. Gut, dass der Frühling in Jena auf mich gewartet hat und die Bäume erst grün geworden sind, als ich wieder da war. Es lohnt sich wirklich, eine Famulatur in der Ukraine zu machen. Wer gerne bei einem Praktikum ein ganz anderes System als das deutsche kennen lernen will, für den bietet sich die Ukraine gut an.  

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