• Interview
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  • Nina Puls
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  • 30.07.2020

"Es ging mir immer um den guten Umgang mit Menschen."

Weibliche Chefärztinnen sind immer noch in der Minderheit. Daher wollte Redakteurin Nina mehr über die Frauen in Führungspositionen erfahren und hat sich mit Frau Prof. Dr. Berg getroffen, die ihr von ihrem Karriereweg erzählt hat.

Ein Medizinstudium war früher nur Männern gegönnt. Erst 1899 wurde beschlossen, auch Frauen zum Medizinstudium zuzulassen, wogegen Männer damals reichlich protestierten. Die erste Frau, die habilitierte und somit auch unterrichten durfte, war 1919 Adele Hartmann an der LMU.

Aktuell sind etwa 65-70% aller Medizinstudierende weiblich, jedoch ist nur jeder 10. Leitende Krankenhausarzt bzw. Hochschulprofessor eine Frau. Warum ist das so? Und wie macht man als Frau in der Medizin Karriere?
Das habe ich Frau Prof. Dr. Daniela Berg, Klinikdirektorin der Neurologie am UKSH Kiel gefragt.

 

Frau Prof. Dr. Daniela Berg studierte von 1988 bis 1994 an der Julius- Maximilians-Universität Würzburg und habilitierte 2004 an der Universitätsklinik Tübingen, hat zwei Kinder, ist Mitglied diverser Fachgesellschaften, sowie Leiterin der Forschungsgruppe Früherkennung neurodegenerativer Erkrankungen.

>Sie sind Direktorin der Klinik für Neurologie. War dies immer Ihr Ziel und über welche Wege sind Sie dorthin gelangt, wo Sie heute stehen?
Nein, Direktorin werden war nie mein Ziel. Tatsächlich ist die Option, mich hier zu bewerben, mehrfach an mich herangetragen worden, bis ich mich dafür entschieden habe.
Ich wollte immer eine „gute“ Ärztin werden und nachdem mich die Wissenschaft mehr und mehr begeisterte auch eine gute Wissenschaftlerin.
Es ging und geht mir vor allem um die Inhalte meiner Arbeit – und in beiden Bereichen, d.h. als Ärztin und Wissenschaftlerin, um den Umgang mit Menschen.


> Welche Entscheidung hat Sie auf Ihrem Weg am meisten weitergebracht?
Hm, schwierige Frage…
Es gab nicht die eine Entscheidung. Ich bin zutiefst überzeugt, dass das ehrliche Bemühen seine Aufgaben so gut und fair zu erfüllen, zu einem guten Weg führt.
Wenn die kleinen Entscheidungen im Alltag stimmig sind, dann ergeben sich die großen Entscheidungen. Es geht um eine konsequente Treue in der Umsetzung dessen, was man für richtig erkennt. Nicht nur richtig für sich selbst, sondern auch richtig für andere.
Die großartige Berufung zu einer/m Arzt/Ärztin und einer/m Wissenschaftler/in kann nur nachhaltig erfüllt werden, wenn die, um deren willen sie ausgeübt werden, immer im Blick sind – d.h. die Patienten/innen, die wissenschaftlichen Kooperationspartner/innen, die Studierenden, die unterrichtet werden etc.  

> Was sind die Do´s und Don´ts für eine Karriere in der Medizin?
Es gibt nicht den einen Weg. Ich denke, dass der Wunsch Karriere zu machen – um der Karriere selbst willen – schwer zu realisieren ist und sehr wahrscheinlich mit viel Frustration für viele Beteiligte einhergeht.
Ich habe zu der Fragestellung, was in der Leiterschaft meiner Einschätzung nach bedeutsam ist,  einen Artikel geschrieben, der in einem Buch über „Leadership in Movement Disorders“ publiziert wurde. Der Titel ist: ,,It’s about the ones you care for“. Ich denke, der Titel spricht in gewisser Weise schon für sich.


> Gibt es etwas, was Sie heute, rückblickend betrachtet, bereuen würden oder anders gemacht hätten?
Glücklicherweise nicht. Ich hatte immer das Privileg ein gesundes Korrektiv durch meine Familie und mein Umfeld zu haben. In der Tat halte ich es für alle Menschen, die in Führungspositionen hineinwachsen für sehr wichtig, ein offenes Ohr für Beratung zu haben und zu behalten. In den aktuellen Strukturen, noch mehr sogar in den letzten Jahren und Jahrzehnten, gab es wenig Möglichkeit zur „offiziellen“ Beratung wie Mentoring Programme etc. Es ist eine wunderschöne aber auch sehr verantwortungsvolle Aufgabe eine Führungsrolle einzunehmen. Ich sehe daher die betroffenen Personen auch in der Verantwortung, sich Führungskompetenzen anzueignen und Beratungen ernst zu nehmen.


> Wie können sich Frauen gegenseitig mehr unterstützen?
Meiner Einschätzung nach gibt es da nicht den einen Weg. Es gibt ja viele gute Initiativen. Ein persönliches Gespräch ist wahrscheinlich immer eine gute Option und kann prägend sein.


> Haben Sie jemals gehört, Sie wären zu so einer Position nicht in der Lage oder jemand wollte Ihnen ihr Bestreben ausreden?
Nein, aber ich habe die Position ja auch nicht gesucht. Nachdem ich mich zu einer Bewerbung durchgerungen hatte, habe ich viel Ermutigung erfahren.
Die einzigen Bestrebungen mir etwas auszureden, kamen von Forschungsförderungsinstitutionen, die Anträge mit der Begründung ablehnten, ich könne dies oder jenes nicht umsetzen. Dankbar kann ich rückblickend sagen, dass ich die jeweiligen Studien der Begründung zum Trotz dennoch umsetzen und auch publizieren konnte.

Ich danke Frau Prof. Berg sehr herzlich für das Interview und finde ihre Worte sowohl sehr inspirierend, als auch ermutigend. Die Rolle der Frauen in der Medizin wird in den kommenden Jahren immer wichtiger und daher sollten wir frühzeitig damit anfangen, bessere Bedingungen zu schaffen, damit mehr Frauen in Führungspositionen gelangen können.

 

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