• Interview
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  • Nico Bekaan
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  • 07.02.2019

Entwicklung der Anatomie – Interview mit Professor Angelov

Du interessierst dich für Anatomie und möchtest mehr über den Präparierkurs im Medizinstudium erfahren? Dann lies das folgende Interview mit Professor Angelov. Er lehrt am Anatomischen Institut der Universität zu Köln und beantwortet nicht nur Fragen zur Entwicklung der Anatomie in der Forschung und Lehre, sondern berichtet auch über aktuelle Gegebenheiten im Studentenunterricht.

> Herr Prof. Angelov, wie sind Sie zum Fachbereich Anatomie gelangt?

Eher zufällig. Von 1974 bis 1980 war ich Student und wollte Frauenarzt werden – genauso wie mein Vater. Nachdem ich 1980 das Medizinstudium in der Hauptstadt Bulgariens, Sofia, abgeschlossen hatte, fing ich an, als Frauenarzt zu arbeiten. Allerdings gab es an diesem Ort keine Stelle für meine Frau. Sie ist auch Ärztin und hat inzwischen eine gute berufliche Position in Sofia. Ich habe mich für die Familie entschieden und bin nach Sofia gegangen. Natürlich hat dort in der Frauenklinik kein Mensch auf mich gewartet. So habe ich mich am anatomischen Institut beworben. Seit dem 15. Oktober 1981 bin ich in der Anatomie tätig – bis heute!

> Wie sind Sie auf das anatomische Institut gekommen und weshalb haben Sie sich genau dort und nicht woanders beworben?

Ich habe dort während meines Studiums als studentische Hilfskraft gearbeitet. Man kannte mich dort noch und ich habe die Anatomie schon als Student sehr gemocht.

> Was hat Sie an der Anatomie fasziniert?

Die Präparationen in diesem Fach sind faszinierend und die Studenten haben das immer sehr geschätzt.

> Was hat Sie dazu veranlasst, an die Universität Köln zu kommen?

Ich kam kurz nach der Wende als Stipendiat der Humboldt-Stiftung nach Deutschland - als Forscher im Bereich der Hirnforschung für eine Zusammenarbeit mit dem jetzigen Prof. Neiss am Anatomischen Institut. Seit dem 1. Februar 1991 lebe ich in Köln.

> Was würden Sie als Meilensteine Ihrer Forschungen bezeichnen?

Zuerst habe ich mich damals mit der Ultrastruktur der meningealen Komplexe an Tieren und Menschen beschäftigt. Die Elektronenmikroskopie gab mir genug Material für meine PhD Thesis in Sofia. Dies war eine Voraussetzung für die anschließende Forschung in Deutschland als Fachkraft. Hier in Deutschland habe ich mit Prof. Neiss angefangen über die Regeneration von peripheren Nerven (N. facialis und N. hypoglossus) zu forschen. Bis heute arbeite ich sehr intensiv an diesem Thema, inklusive der Regeneration des Nervus facialis bei Ratten und Mäusen. Seit 2008 arbeite ich an der Thematik Rehabilitation nach experimentellen Rückenmarksläsionen. Dies umfasst nicht nur die Regenerationsprozesse im peripheren Nervensystem sondern auch die im zentralen Nervensystem. Parallel zum ersten großen Thema habe ich neuroimmunologische Aspekte und morphologische Äquivalente wie Multiple Sklerose in experimentellen Modellen untersucht.

> Hat sich der Fokus Ihrer Forschung im Laufe der Zeit verändert?

Paradoxerweise haben wir in der Arbeitsgruppe fast alle wichtigen Fragen der Grundlagenforschung geklärt, sodass ich lange Zeit thematisch mit dem peripheren Nervensystem beschäftigt war und dann zum zentralen Nervensystem wechselte.

> Seit wann lehren Sie im Fachbereich Anatomie? 

Ich lehre seit dem Jahr 1981 Anatomie, damals noch als Assistent. 

> Wie hat sich aus Ihrer Sicht die Lehre entwickelt?

Die klassische anatomische Lehre im Präpariersaal an der Leiche hat sich kaum verändert. Für andere Bereiche trifft das nicht zu: Die Anatomie beginnt und endet nicht im Präpariersaal der Studierenden. Es gibt auch viele Veranstaltungen für Fachärzte, wie z.B. Fortbildungen und entsprechende Seminare. Dort entwickelt sich die Anatomie sehr schnell, insbesondere im Hinblick auf die neuen technischen Möglichkeiten: Die Endoskopie, die verbesserte Beleuchtung und die Vergrößerung mit Lupen. Eine komplett neue Anatomie, die beherrscht werden muss, bevor entsprechende Operationen durchgeführt werden. 

> Wie haben sich die Gegebenheiten im Laufe der Jahre für die Studierenden geändert?

Damals in Sofia waren in den Präpariersälen die Konzentrationen von Fixierlösung und Alkohol wesentlich höher. Es hat sehr stark gerochen. Seitdem ich 1992 in Deutschland unterrichte, waren die Konzentrationen erträglicher, es hatte trotzdem nach Formalin gerochen. Vor zwei bis drei Jahren hat man hier die Konzentrationen sehr streng kontrolliert und es wurden unterschiedliche Maßnahmen zur Reduktion ergriffen. Beispielsweise ein verringerter Anteil an Formalin in der Fixierlösung von 3% und statt 40 nur noch 30 Leichen. Außerdem wurde der Kurs aufgeteilt. Jetzt haben wir zwei Kurse, einen mit 15 Tischen und einen mit 16 Tischen. Noch in diesem Semester wurden von der Fakultät neue Absaugtische gekauft. Und siehe da: es riecht nicht mehr nach Formalin!

Die Lehrkonzepte und Techniken sind in der klassischen Anatomie weitgehend gleich geblieben. Es waren mal zwischen 6 und 10 Studierende an einem Tisch. Momentan gibt es allerdings 465 Studierende der Humanmedizin und Zahnmedizin zusammen. Sie werden zwar in zwei Kurse aufgeteilt, in jedem Kurs gibt es nun aber 16 Tische mit jeweils 15 Studierenden. Repetenten und Hilfskräfte kommen noch dazu. Repetenten haben die freie Wahl und keine Anwesenheitspflicht. Manchmal kommen sie auch nur kurz vor den Testaten, dann sind die Enttäuschungen am Ende aber häufig nicht vermeidbar. Der Kurs fängt Mitte Oktober an und endet Ende Januar. In dieser Zeit wird dreimal in der Woche von 8 bis 12 Uhr präpariert. Das sind 12 Stunden pro Woche. Dazu kommen die Vorlesungen und zweimal pro Woche Seminarunterricht - ziemlich intensiv meiner Meinung nach. Aber die Studierenden haben dazu auch noch Vorlesungen bspw. über den Bewegungsapparat oder die inneren Organe.

> Sind die einzelnen Unterrichtsbestandteile, wie Vorlesungen und Präparation, aufeinander abgestimmt?

Ja, wir alle folgen strikt der Präparieranleitung von Prof. Scaal. Die Vorlesungen von Prof. Neiss und Prof. Pröls sind auch mit dem Plan des Präparierkurses abgestimmt.

> Neue Medien und verschiedene Lernmethoden: Was war damals und was ist heute für Studierende wichtig?

In der Anatomie ist alles wichtig! Die Kunst in unserem Beruf ist es, dass Wichtigste zu sortieren und Entsprechendes zu zeigen. Meine Erfahrung ist, dass die Studierende es mögen, wenn klinische Inhalte eingebracht und assoziiert werden. So kann man sich die Lerninhalte viel einfacher merken. Wir verlangen immer, dass die Studierenden gut vorbereitet sind. Dabei helfen die von uns angebotenen strukturierten Seminare mit klinischer Relevanz.

> Wie kann man sich am besten auf die Testate vorbereiten?

Indem man die Seminare besucht. Unter einem guten Seminar verstehe ich nicht nur die interaktive Arbeit und den Dialog mit den Studierenden, sondern auch, dass der Lehrer seine Folien im Internet zur Verfügung stellt. Ich denke, dass dies den Studierenden viel hilft. Sie gehen nach dem Seminar nach Hause und blättern nochmal durch die Folien: „Ah das war so… das war so…“. Am nächsten Tag noch einmal. So bleiben die Erinnerungen im Gedächtnis. Die Folien sind ja wertlos, ohne das Seminar besucht zu haben. Man muss dabei gewesen sein und es einmal gehört haben. Dazu kann man dann noch die klinischen Beispiele mitnehmen.

> Werden die Folien in das ILIAS-System hochgeladen?

Ja, ich veröffentliche die Folien im ILIAS-System. (Anmerkung: ILIAS ist die E-Learning-Plattform der Universität zu Köln und kann unter www.ilias.uni-koeln.de aufgerufen werden.)

> Was wünschen Sie sich von der medizinischen Fakultät und der Universität?

Natürlich noch mehr Kollegen und mehr Assistenten. Momentan arbeite ich während des Präparierkurses mit 30 Studierenden. Da braucht man sich nicht wundern, wenn ich abends nach Hause komme und nichts mehr hören oder sagen möchte. Besonders früher, als der Präparierkurs noch bis halb sieben abends ging.
Aber besonders wünsche ich mir, dass wir weniger Studierende auf einen Schlag zur Prüfung bekommen. Das ist so wichtig, da es manchmal über das Leben eines Menschen entscheidet. Und jetzt stellen sie sich mal folgendes vor: Ich muss ja 30 Menschen an einem oder zwei Tagen prüfen, zwei Gruppen mit jeweils 15 Personen oder früher bei Prof. Koebke 4 mal 8 Studierende. 

> Wie kann man da objektiv prüfen?

Schwierig. Das sage ich mit meiner 40-jährigen Erfahrung, da möchte ich nicht an meine jungen Kollegen denken. Und das ist wirklich sehr, sehr schlecht. Ich versuche immer, meine Tische zu teilen. Ein Teil der Studierenden kann dann einen Tag früher kommen und der Rest am eigentlichen Prüfungstag. Trotzdem, stellen sie sich mal vor, sie sprechen heute von 14 bis 18 Uhr mit 15 Menschen über das Wetter. Da werden sie am Ende auch müde sein und entscheiden gar nichts. Im Gegensatz dazu muss ich in diesen vier Stunden über das Weiterkommen eines Studierenden entscheiden!

> Wie hat sich denn die Personalsituation in den Jahren entwickelt?

Gott sei Dank konnten ein paar unbesetzte Stellen durch Kollegen aus der Orthopädie besetzt werden. Sie verbringen nun ein Semester im Präpariersaal und unterstützen uns im Kurs. Dafür sind wir dankbar. Die Situation hat sich nicht verbessert, aber sie ist „gerettet“. Verbessert wäre die Situation, wenn jeder Prüfer nur einen Tisch mit 15 Personen hätte. Damit könnte ich viel ruhiger und besser als mit 30 Personen umgehen. Die Belastungen von den Prüfungen sind über die Jahre fast gleich geblieben und auch bei den anderen Professoren in der Anatomie vorhanden.

> Was würden Sie sich von den Studierenden wünschen?

Nichts! Die Studierenden und ihr Engagement sind top. Man darf nicht von guten oder schlechten Studierenden sprechen. Die Studierenden sind so, wie man sie macht. Wenn ich in der Lage bin, jemanden zu engagieren, seinen Enthusiasmus zu fördern, dann ist er in einer Woche ein ganz anderer Mensch. Sie kennen meine Art, ich gehe direkt auf die Menschen zu. Wenn man die Studenten mit einer falschen Antwort erwischt und dies auch betont, wird das Gesicht knallrot. Die gut ambitionierte Person kommt dann am nächsten Tag perfekt vorbereitet. Alles hängt vom Lehrer ab.

Vielen Dank für das Interview!

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