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  • Maxi Bergner
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  • 15.02.2018

Die dritte Seite der Medaille: Als Angehöriger im Krankenhaus

Als Mediziner die Seite der klar abgesteckten Fronten zwischen Arzt und Patienten zu wechseln und mit einem Mal selbst zum Behandelten zu werden, ist ein vielbeschriebenes und sehr eigenartiges Phänomen. Doch es gibt auch noch eine dritte Variante, zu einem (unliebsamen) Teil der Maschinerie „Stationsalltag“ zu werden: plötzlich ist man „der Angehörige“.

 

Angehörige/r, der/die – Anhang eines Patienten, weiß nichts, fragt viel, ist ein limitierender Zeitfaktor im Stationsablauf. Gute Umgangsphrasen sind „so genau kann man das nicht sagen“ oder „da gehe ich gleich mal nachschauen“ (CAVE: danach verstecken). Bewährt haben sich auch das Verweisen auf die eingeschränkten eigenen Befugnisse und ein Fernhalten der Menschen mit Befugnissen.


So oder so ähnlich stelle ich mir den inoffiziellen Eintrag zum Thema „Angehörige“ in Nachschlagewerken der Medizin vor. Jedenfalls entspricht er ziemlich gut dem Gefühl, das mich beschlich, als ich zum ersten Mal als Besucher eine Station betrat. Denn egal, auf welches Stationspersonal ich im Verlauf traf, sie alle hatten sich ein Schema F im Umgang mit ratsuchenden Nachstehenden angewöhnt, das sie bei jedem Aufeinandertreffen herunterratterten. Und dieses Schema beinhaltete erstaunlich wenig Daten und Fakten, dafür aber viele Floskeln, Beschwichtigungen und Aufschübe.


Neu war dieses Verhalten für mich nicht. Aus den eigenen Pflegepraktikumszeiten erinnerte ich mich noch gut an das Gerede über die nervige Ehefrau, die bei der Pflege ihres Mannes alles besser wusste und sich regelmäßig beschwerte, oder die abfälligen Kommentare über den besorgten Sohn, der jeden medizinische Information in Frage stellte und fast täglich ein Arztgespräch einforderte. Und irgendwie konnte ich die Genervtheit der Schwestern auch gut verstehen, schließlich sahen alle jene Besucher, die nachmittags für 1-2 Stunden hereinschneiten, doch nie, welche Arbeit seit dem Wecken am Morgen bereits an den Patienten verrichtet worden war. Sahen nicht, dass das Stationsteam mit seiner langjährigen Erfahrung gut einschätzen konnte, wie schlimm es wirklich um einen Patienten stand und wo demzufolge ein oder eben kein ärztliches Gespräch von Nöten war. Die Welt war wunderbar schwarzweiß, bis ich meine Medaillenseite „Station“ verließ.


Denn nun stand ich eines Nachmittages als Besucherin am Bett meines Opas, dessen Zustand sich unvorhergesehen rapide verschlechterte, und war trotz mittlerweile dreieinhalb Jahren Medizinstudium absolut planlos. Welche Medikamente er einnahm, durfte man uns nicht sagen, was im CT herausgekommen war, auch nicht. Wir wussten nicht, wie es weitergehen sollte, ob es wieder besser werden würde, ob wir meinen Opa, der doch eigentlich nur zur Schmerzeinstellung aufgenommen worden war, überhaupt wieder heimnehmen könnten. Er erzählt so oft, dass er wieder „in die Röhre gesteckt worden war“, aber warum hörten wir nie etwas über dabei gewonnene Erkenntnisse? Warum klärte uns niemand auf, winkte unsere Fragen gar ab?


Diese Machtlosigkeit war kaum zu ertragen, gerade weil ich nach all der Zeit des Lernens über den menschlichen Körper mittlerweile so viel Wissen erworben hatte, dass ich doch nicht einfach ‚nichts‘ tun konnte. Allerdings beinhaltet die neue Rolle des Angehörigen die Sokrates-gleiche Erkenntnis „ich weiß, dass ich nichts weiß“ - wenngleich einem der Ablauf einer Station und der Ort der Befunde in den Akten, die einen hätten aufklären können, so vertraut waren, blieben sie in dieser Rolle unerreichbar.
Es war eine gänzlich neue Sichtweise, die ich in diesen Momenten lernte. Natürlich gibt es keine wirkliche dritte Seite einer Medaille, aber es gibt ihren Rand. Die Verbindung zwischen den beiden Flächen. Niemand schenkt ihr Beachtung, aber ohne sie gäbe es die Figur einfach nicht. Und ebenso fühlt es sich an, als Angehöriger über eine Station zu laufen. Du bist dabei und emotional involviert, aber spielst trotzdem für den Betrachter keine Rolle, hast keinen Einfluss auf Abläufe oder wie die Seiten interagieren. Alles, was du tun kannst, ist zuschauen, hoffen und warten …


Erst zwei Wochen später, als Opa plötzlich nicht mehr ansprechbar war, redete dann doch einmal die Oberärztin mit uns, um uns mitzuteilen, dass man aufgrund all der Befunde – die es urplötzlich doch zu geben schien – nicht davon ausging, dass er noch länger als drei Tage unter uns weilen würde. Tatsächlich sollten es nur 48 Stunden werden, bis man uns anrief und zur Abschiednahme einbestellte. Und da kamen wir ein letztes Mal auf Station, wir, „die Angehörigen“, schüttelten Hände und bedankten uns für die Mitleidsbekundungen. Mit Opas Sachen in der Hand und dem Wissen, dass soeben unsere Medaillenseite „Patient“ verschwunden war, drehten wir der zurückgebliebenen Seite „Station“ den Rücken zu – welche sich in dem Moment auch schon einen Witz erzählte und unseren langen Weg den Gang herunter mit Lachen begleitete.

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