• Interview
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  • Das Interview führte Tim Vogel
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  • 14.04.2014

„Die Medizinische Fakultät Leipzig soll exzellent werden.“

Am 19.11.2013 wurde ein neues Dekanat gewählt. Im Interview mit dem Leipziger Medizinstudent Tim Vogel sprechen Dekan Prof. Stumvoll und Studiendekan Prof. Meixensberger über ihre Ziele, ihre Motivation und die Zukunft der Medizinischen Fakultät. Außerdem wagen sie einen Blick zurück und vergleichen ihr eigenes Medizinstudium mit der heutigen ärztlichen Ausbildung.

Foto: imagesource

 

> Herzlichen Glückwunsch zum Amt Herr Prof. Stumvoll und Herr Prof. Meixenberger. Nach gut zwei Monaten – Herr Prof. Stumvoll, würden Sie sich nochmal wählen lassen?

Prof. Stumvoll: Nein, ich denke nicht. Ich habe zurzeit das Gefühl, dass ich weder meinem Job als Dekan, noch meiner Tätigkeit als Direktor der Endokrinologischen Klinik ausreichend gerecht werden kann. Die Arbeit als Dekan kostet viel Zeit und darum bin ich in der Klinik nicht mehr so präsent wie früher. Umgekehrt fehlt mir aber auch die Zeit, mehr für das Dekanat zu tun, vor allem für die Studenten.

 

> Denken Sie, dass bei dieser Arbeitsbelastung ein nebenamtlicher Dekan überhaupt sinnvoll ist?

Prof. Stumvoll: Ja, man sollte darüber diskutieren, ob dieses Amt nebenamtlich zu bewältigen ist. Gleichzeitig kann ich mir schwer vorstellen, dass sich jemand für drei Jahre aus seiner hauptamtlichen Tätigkeit zurückzieht oder sein Forschungsgebiet sogar für sechs Jahre verlässt, um nur noch Fakultätspolitik zu machen – das ist tödlich für die eigene wissenschaftliche Karriere. Man steht vor einem Dilemma. Irgendwas wird immer auf der Strecke bleiben.

 

> Herr Prof Meixensberger, wie gefällt Ihnen Ihr Amt als Studiendekan?

Prof. Meixensberger: Die Funktion des Studiendekans ist ja nicht so arbeitsaufwändig, so belastend wie die des Dekans. Da ich ja selbst mal die Funktion des Dekans innegehabt habe, kann ich das gut nachvollziehen, was Herr Prof. Stumvoll gesagt hat. Aber ich denke, ein Fazit nach zwei Monaten als Studiendekan zu ziehen, das wäre jetzt zu kurz gesprungen.

 

> Herr Prof. Stumvoll, Sie haben an der LMU studiert. Erinnern Sie sich noch, was es damals aus Ihrer Sicht zu verbessern gab?

Prof. Stumvoll: Im Vergleich zur heutigen Zeit waren die Zustände wirklich schlimm, da sich niemand richtig um die Studenten gekümmert hat. Es war eine große Massen-Uni mit 800 Studenten, zwei Jahrgänge mit jeweils 400 Studenten. Keine Spur von Unterricht am Krankenbett. Seminare fielen praktisch aus und waren, wenn sie stattfanden, 20 Mann stark. Auch waren damals die Unterrichtsmaterialien nicht online. Es war schon ein ganz anderes Studieren. Bevor die LMU die Harvard-Allianz eingegangen ist, war zudem die Lehre kaum ein Thema. Da musste man sich selbst organisieren: Wir haben uns selbst Seminare gegeben und in der Anatomie gefragt, ob wir eine Trachealkanüle legen können.

 

> Herr Prof. Meixensberger, Sie waren in Würzburg zum Studium. Haben Sie sich damals auch im Fachschaftsrat engagiert?

Prof. Meixensberger: Im Fachschaftsrat engagiert war ich nicht. Ich denke, ich kann die Aussage von Prof. Stumvoll bestätigen: Zu der Zeit, zu der ich studiert habe, war die Lehre im Medizinstudium wesentlich schwächer verankert, als sie es heute ist. Ein Vorteil hingegen war, dass die Freiheiten für Medizinstudierende, ihr Studium selbst zu gestalten, wesentlich größer waren als sie das heute sind. Wenn wir heute nur minimale notwendige Weiterentwicklungen und Veränderungen im Bereich der curricularen Lehre machen, ist unser Curriculum so eng gestrickt, dass es schwierig wird, das Gleichgewicht zu behalten. Ein eklatanter Nachteil war dafür, dass es den Kleingruppenunterricht bei uns so nicht gab. Sicher wurden grundsätzlich Untersuchungskurse angeboten – aber da war es recht beliebt, dass der eingeteilte Dozent spontan in den OP musste.

Prof. Stumvoll: Es gab auch Seminare abends von sieben bis halb neun, weil da zum Beispiel der Urologe sein OP-Programm durch hatte. Wir hatten in der Tat weniger dichte Stundenpläne, da gab es größere Lücken, in denen man etwas anstellen konnte: Curriculum, Lehre oder auch extracurriculäre Dinge (lacht). Das ist vielleicht je nach Geschmack als Vorteil oder Nachteil anzusehen. Auf jeden Fall war es anders.

Prof. Meixensberger: Wenn man sich damals für etwas interessiert hat, gab es schon auch einige sehr engagierte Kolleginnen und Kollegen, die sich Zeit für die Studierenden nahmen. Wer Lust hatte wusste, dass man bei dem Dozenten am Mittwoch um 16 Uhr klopfen konnte und wenn man zu dritt war, eine Stunde mit ihm Lehrfälle durchgehen oder eine Visite machen durfte. Das war sehr viel liberaler als heute.

 

> Herr Prof. Stumvoll, Sie waren eine ganze Zeit lang im Ausland, haben Ihren Arzt im Praktikum in England gemacht, waren später Fellow in New York und danach noch in Phoenix. Welche Erfahrungen haben Sie in ausländischen Kliniken gemacht?

Prof. Stumvoll: In New York waren wir eingebettet in einem Clinical Research Center (CRC), das mitten im Herzen dieses Klinikums war und praktisch nur klinische Studien von Phase 1 bis 3b betrieben hat. Da konnte man mit seinen eigenen Protokollen kommen und hatte einen ganzen Stab an Schwestern. Leider tun wir uns in Deutschland sehr schwer, als Clinician Researcher in einem Universitätsklinikum-Setting. Da kocht jede Klinik ihr eigenes Süppchen. Ich habe immer ein bisschen den Traum, dass man solche CRCs auch in Deutschland hinkriegt. Bisher bleibt es aber beim Fürstentumdenken. Man muss seinen Blick gelegentlich öffnen und das fällt immer schwerer, je länger man irgendwo feststeckt.

 

> Herr Prof. Stumvoll, was sind Ihre wichtigsten Ziele für die kommenden drei Jahre?

Prof. Stumvoll: Den Standort so sichtbar zu machen, wie es irgendwie geht. Geradezu unverzichtbar für den Freistaat Sachsen. Das geht in der Regel über Exzellenz. Und Exzellenz muss man in der Lehre und in der Forschung herstellen. In der Lehre wird es Ihnen der Studiendekan verraten, wie er es machen wird und ich werde alles unterstützen, was zur Exzellenzbildung beiträgt. In der Forschung wird es Ihnen der Forschungsdekan sagen und ich werde auch da alles unterstützen. Grundsätzlich bewegt man sich natürlich nur innerhalb von Leitplanken. Das bedeutet, dass nicht immer alles, was sich jeder wünscht, möglich sein wird. Aber durch kluge Kompromisse in der Schwerpunktbildung kann man zumindest punktuell richtig Strahlkraft entwickeln.

 

> Gibt es denn bestimmte Aufgaben in Ihrem Tätigkeitsbereich, die Sie nicht so gerne machen oder die Sie besonders an dem Job nerven?

Prof. Stumvoll: Zu lange Sitzungen. Krisengespräche. Sich die Probleme anderer Leute zu Eigen machen müssen.

 

> Und was macht Ihnen besonders viel Spaß und Freude an Ihrem neuen Job?

Prof. Meixensberger: Neue Projekte anzufangen, durchzuführen und danach auch zum Ende zu bringen. Außerdem ist es toll, immer wieder neue Fakultätsmitglieder kennenzulernen, die extrem engagiert sind auf einem Feld, mit dem man vorher weniger Berührung hatte. Daraus kann man auch sehr interessante Ideen aufgreifen und es macht Spaß, wenn man die in ein Gesamtprojekt einbinden kann.

Prof. Stumvoll: Ich kann mir vorstellen, wenn man ein paar Projekte umgesetzt hat und diese rückblickend betrachtet, dass das sehr belohnend ist. Wenn wir es zum Beispiel in der Lehre schaffen, eine Core Unit für ein Institut für Medizindidaktik zu konstruieren, wäre das so ein Projekt, auf das man auch ein bisschen stolz ist und gerne darauf zurückblickt. In der Forschung wäre ein Ziel, dass uns ein dritter SFB gelingt: Wenn wir die Neurowissenschaftler dazu bewegen, sich zusammenzuraufen, wäre das ein richtig gutes Projekt. Zwar bin ich zurzeit noch ein bisschen skeptisch, aber das Ziel bleibt. Und wenn es umgesetzt ist, werden wir uns richtig auf die Schulter klopfen.

 

> Sie haben in Ihrer Rede zum Neujahrsempfang der Universitätsmedizin sinnbildlich gesagt, die Medizinische Fakultät veredle ein städtisches Krankenhaus zu einem Uniklinikum. Ist da ein neues Selbstverständnis im Verhältnis zwischen Uniklinikum und Medizinischer Fakultät entstanden?

Prof. Stumvoll: Sie haben völlig recht, dass es ohne uns als Lehrende mit den Lernenden kein Universitätsklinikum wäre. Natürlich veredeln wir ein Krankenhaus durch all das, was mit dem universitären Betrieb zu tun hat. Wenn man das auseinanderpflückt, bleiben schlussendlich nur der Studierende und sein Lehrer übrig, denn alles andere kann man auch woanders machen. Man muss sich absolut auf Augenhöhe mit den sehr viel finanzkräftigeren und einflussreicheren politisch gewollten Vorständen eines Uniklinikums bewegen. Auch im Nebenamt mit weniger Zeit und mit sehr viel weniger Ressourcen und Hausmacht müssen die Bedürfnisse einer Fakultät in Lehre und Forschung durchgesetzt werden.

 

> Welchen Landeszuschuss bräuchte Leipzig um seine Ziele umsetzen zu können?

Prof. Stumvoll: Rechnet man nach den üblichen Regeln durch, brauchen wir etwa 70-75 Millionen EUR. Die werden wir aber nicht kriegen. Also müssen wir uns mit dem Ist-Zustand von 55 Millionen möglichst optimal organisieren. Wir werden uns da so arrangieren, dass wir auf die punktuellen exzellenten Dinge, die wir geeignet nach Dresden vermitteln müssen, auch ordentlich Geld bekommen. Die Politik weiß durchaus, dass sie uns nicht reichhaltig alimentiert. Aber man muss auch fairerweise einräumen, dass man, wenn man nur eine Fachhochschule sein will, auch mit 10 Mio. weniger zurechtkommen kann. Allerdings geht dann der universitäre Charakter der Universitätsmedizin verloren. Dann ist man eine höhere Lehrakademie für Ärzte – und das sollten wir auf alle Fälle vermeiden.

 

> Wäre denn eine drittmittelfinanzierte Lehre für Sie eine Option?

Prof Stumvoll: Nein, das ist keine Option. Manchmal gibt es auch Stiftungen mit einem humanitären Ansatz, die zum Beispiel Insulinpens oder Malariamittel nach Afrika verteilen, da kann man drüber nachdenken. Wenn da eine Stiftung mit einer Lehridee auf uns zukommt, würde ich den Euro nicht umdrehen, sondern mal schauen ob das funktioniert. Aber es ist sehr gefährlich, sich über Substanzen in die Lehre reinreden zu lassen oder über die Pharmaindustrie Dias zu stellen, da muss man wahnsinnig aufpassen. Davon würde ich primär abraten.

 

> Herr Prof. Meixensberger, das Rektorat hat vor wenigen Tagen die Quasi-Schließung der Theaterwissenschaften verkündet, 24 Stellen werden an der Universität Leipzig insgesamt geschlossen. Die Lehre steht immer unter Sparzwang, auch an der medizinischen Fakultät?

Prof. Meixensberger: An der medizinischen Fakultät sind wir gezwungen, die sicherlich knappen Mittel vernünftig zu verwenden. Ich denke, dass wir hier zeigen können, dass wir die letzten Jahre die Lehre konsequent weiterentwickelt haben. Wir haben auch versucht, einzelne Projekte, wie zum Beispiel die Lernklinik, in den Vordergrund zu stellen. Ich sehe für die Medizin politisch kaum eine Möglichkeit, dass man uns in der Lehre Geld vorenthält oder sogar Studienplätze streicht. Zudem finde ich, wir sind dafür viel zu gut aufgestellt.

 

> Ihre Legislatur hat fast zeitgleich mit der großen Koalition begonnen. Der Koalitionsvertrag sieht unter anderem vor, einen Masterplan fürs Medizinstudium 2020 zu initiieren. Herr Prof. Meixensberger, was kommt Ihnen dabei als Erstes in den Sinn?

Prof. Meixensberger: Ich denke, wenn man immer den Status quo beibehält, entwickelt man sich zurück. Dass man im Medizinstudium eine Entschlackung durchführen sollte, wäre für mich ein Ziel. Ich denke auch, dass man die Werte, die bisher im Curriculum verankert worden sind, noch einmal überprüfen sollte. Wenn die Politik nur noch etwa 30% Spezialisten haben will, dann kann oder müsste man das Gesamtstudium wahrscheinlich schon anders aufbauen als es jetzt ist. Es wäre dabei ein großer Spagat, zum einen im nationalen Lernzielkatalog die Fächer aufzulösen, gleichzeitig in der Weiterbildung die Fächer weiter beizubehalten.

 

> Eine andere Forderung im Koalitionsvertrag ist eine stärkere Internationalisierung des Studiums. Jeder zweite Student soll ins Ausland gehen, 350.000 ausländische Studierende hierher kommen. Inwieweit glauben Sie, dass eine stärkere Internationalisierung die medizinische Fakultät vorantreibt?

Prof. Meixensberger: Internationalisierung ist für uns wichtig, weil wir dadurch sichtbarer werden, wobei die Wirkung der Internationalisierung sich erst nach zehn oder zwanzig Jahren entfaltet. Das ist auch der große Nachteil der Universitätsmedizin in den neuen Bundesländern, die im Vergleich zu Standorten wie Heidelberg, Freiburg oder München geringere Chancen hatten, über Internationalisierung ihren Ruf aufzupolieren. Ich denke auch, dass man den Austausch braucht, um die globalen Gesundheitsprobleme als Mediziner zu erkennen.

 

> Was tun Sie dafür, dass die Lehre internationaler werden kann?

Prof. Meixensberger: Ich habe mit unserem Beauftragten für Internationales ein neues Projekt besprochen: Auf einer Internetplattform sollen sich ausländische Studierende besser über die Uni Leipzig informieren können. Gleichzeitig soll diese Plattform auch unseren Studierenden als Infoportal für Auslandssemester in Madrid oder Barcelona dienen. Wir haben uns jetzt dafür bei einer Ausschreibung beworben. Wenn wir Glück haben und die Mittel dafür kriegen, gibt es schon Vorschläge, wie man das umsetzen könnte.

 

> Auslandsaufenthalte scheitern für Medizinstudierende meistens daran, dass die Inhalte nicht anerkannt werden.

Prof. Meixensberger: Wenn alles ausreichend dokumentiert ist, bescheinigen wir im Referat Lehre in der Regel die Äquivalenz. Ich bescheinige selber immer wieder die Äquivalenz von neurochirurgischen oder anderen Tätigkeiten. Die Äquivalenzbescheinigung sollte aber auf Englisch formuliert sein. Bei Spanisch und Französisch fällt es mir schon schwerer, das nachzuvollziehen (lacht). Aber ich möchte meinen, dass wir das eigentlich im Sinne der Studierenden handhaben. Wobei ich mir wünsche, dass die jeweiligen Lerninhalte wirklich erworben wurden, wenngleich ein Auslandssemester natürlich auch soziale Komponenten vermitteln sollte.

 

> Ordnen Sie bitte folgende Begriffe nach Priorität: Forschen, lehren, heilen.

Prof. Stumvoll: Heilen. Lehren. Forschen.

Prof. Meixensberger: Heilen. Lehren. Forschen.

 

> Herr Prof. Meixensberger, bitte assoziieren Sie: „Lehre.“

Prof. Meixensberger: Spannend.

 

>„Forschung.“

Prof. Meixensberger: Auch spannend.

 

> „Reformstudiengang.“

Prof. Meixensberger: Schwierig.

 

> „Prof. Thiery?“

Prof. Meixensberger: Ein Dekan, der sich für unsere Fakultät sehr eingesetzt hat.

 

> „StuRaMed.“

Prof. Meixensberger: Sehr viele kreative, engagierte junge Leute, mit denen man gerne diskutiert, aber die Diskussion auch gerne wieder zum Abschluss bringt.

 

> Herr Prof. Stumvoll – Bitte assoziieren Sie: „Studierende.“

Prof. Stumvoll: Zu viele.

 

> „Universität Leipzig.“

Prof. Stumvoll: Wunderbar.

 

> „Finanzierungsvorbehalt.“

Prof. Stumvoll: Bauchschmerzen.

 

> „SMWK“

Prof. Stumvoll: Eigentlich gar nicht so schlecht wie ich erst dachte.

 

> „Herr Prof. Fleig“

Prof. Stumvoll: Für viele gewöhnungsbedürftig. Aber für vieles zu begeistern.

 

 

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