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  • Maxi Bergner
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  • 13.07.2016

Körper oder Geist

Wenn der Tod das bisherige Arztbild ins Wanken bringt.

 

 

Manchmal handelt man naiv. Die Deadline für die Physikumsanmeldung rückt immer näher, die Berufsfelderkundung wurde bisher erfolgreich aufgeschoben, und plötzlich wird es knapp. Wie schön und einfach erscheint es da, dass es ein Institut gibt, bei dem man von heute auf morgen einen Termin ausmachen und damit den benötigten Schein mit wenig Aufwand in den Händen halten kann. Zugegebenermaßen ist das bestimmt nicht die angedachte Motivation dafür, einmal fünf Stunden in ein medizinisches Gebiet außerhalb von Praxis, Klinik und Co. hineinzuschnuppern, aber Zeitdruck heißt, zügig Entscheidungen zu treffen. Und so betraten wir eines schönen Dienstags morgens die Rechtsmedizin Leipzig…


Es gibt wohl nicht viele weitere Studiengänge, in denen man sich im Vorfeld derart ernsthaft fragen muss, ob man das, was auf einen zukommt, wirklich kann. Für einige erübrigt sich das durchaus spannende Fach allein aufgrund der Tatsache, diese Frage mit Nein beantworten zu müssen. Blut und Körpersekrete, Leid und Tod zu sehen, immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass es sich um einen Menschen wie dich und mich handelt und Ekel keine passende Reaktion darstellt, dafür braucht es die richtige Grundeinstellung. Ob man die auch besitzt, darüber kann man nachdenken und im Pflegepraktikum erste Erfahrungen sammeln, aber ich glaube, erst als wir in dem gekachelten Sektionsraum dem nackten, nicht durch Formalin präparierten Tod in die Augen blickten, wurde wir richtig auf die Probe gestellt.


Hier nämlich zeigte sich, was man bisher erfolgreich verdrängen konnte – am Ende seines Lebens ist man doch nicht mehr, als die leblose Hülle seiner selbst. Im Stationsalltag sind die Patienten bekannt, man kennt wenigstens ihre Geschichte. Erliegt jemand seiner Krankheit, so wird man vor allem mit der Trauer um seine Person/Persönlichkeit konfrontiert. Den Tag auf Station begleitet dann eine gewisse Stille, und auch, wenn man bestimmt nicht zu jedem eine Beziehung aufbaut, so gibt es einfach Erinnerungen an das Wesen, das bis vor Kurzem noch unter uns weilte, verbunden mit seinem Gesicht.


Eben solche Gesichter lagen im kalten Neonlicht nun vor uns, doch von Erinnerungen ist man in der Rechtsmedizin weit entfernt. Hier geht es nicht um Charakter oder Wesenszüge, sondern allein um die Frage, warum der Körper aufgehört hat, zu sein. Dafür wird jeder verborgene Winkel freigelegt, untersucht und dokumentiert, stoisch und routiniert ausgenommen und hin- und hergewälzt, und die zerschnittene Hülle Mensch am Ende wieder grob zusammengenäht. Zeitdruck hin oder her, das mit anzusehen, hatte man in Aussicht auf den leicht erworbenen Schein einfach ausgeblendet.


Die Frage, die sich einem nun stellt, ist, wie man am besten mit den ganz neuen Eindrücken umgeht. Von klein auf lernen wir, auf den Menschen hinter der Fassade zu achten. Gerade als Arzt ist es verpönt, vom „Blinddarm in Zimmer 011“ und den „Gallensteinen aus 124“ zu sprechen, es wird erwartet, sich mit dem hilfesuchenden Patienten wirklich auseinanderzusetzen und ihn in seinem Gesamtwesen kennenzulernen. In der Rechtsmedizin ist dies natürlich nicht mehr notwendig, hier weiß man, dass es ein Problem gab, und setzt nun alles daran, das herauszufinden. Da sind psychisch bedingte Bauchschmerzen nicht mehr relevant.


Das Verhältnis zwischen Körper und Geist und deren Stellenwert zueinander haben schon viele Strömungen der Philosophie beschäftigt und immer wieder unterschiedliche Antworten gefunden. Wo damals eher der Konflikt im Raum stand, ob die Seele eine hirnspinstige Ausgeburt ist oder aber der Körper nur der Diener von etwas Höherem, predigen diverse moderne Health-Care Magazine heute, dass nur ihr Einklang und ein reibungsloses Zusammenspiel beider ein glückliches Leben bedeuten können. Es bräuchte die Gesundheit des einen für das Wohlbefinden des anderen und so werden sie kurzerhand immer unzertrennlicher erlebt.


Aus dieser Gewohnheit heraus beginnt man, an den vor einem liegenden Körper Fragen zu stellen. „Wer warst du?“, „Was war dein letzter Gedanke?“, „Warum Suizid?“. Fragen, die der Geist uns nicht mehr beantworten kann und die in einem Raum, der schon von allein freudlos aussieht und riecht, nicht gerade der Stimmung zuträglich sind. Und die tatsächlich zu nichts führen werden.


Daher ist es doch hilfreich, Körper und Geist wieder ganz voneinander zu trennen, die Seele hat hier ihren Diener verlassen. Eine Sichtweise, die uns im Alltag abstumpfen lassen würde, doch für einen Beruf, der uns die Personen nicht mehr kennen lernen lässt, unabdingbar ist. Wer nur noch Haut, Muskeln, Organe sieht, die irgendwann einmal gemeinsam funktionierten, und sonst nichts anderes mehr, der nimmt letztlich weniger bedrückende Gedanken mit nach Hause. Denn egal, wie kaputt Haut, Muskeln und Organe auch sind, irgendwann hat man sich an den Anblick gewöhnt. Und überlässt das Fragenstellen den anderen.


Wir haben uns an eben diesem Tag übrigens hinterher auf die Wiese gesetzt und unterhalten, über Nichtigkeiten, aber uns damit gezeigt, dass wir „draußen“ den Geist noch nicht abgekapselt haben. Doch die Erfahrung zu machen, welche Facetten ein Medizinstudium noch mit sich bringt, und sich eben diese Grundsatzfrage nach Hülle und Wesen zu stellen, dafür war die naive Berufsfelderkundungsentscheidung letztendlich sehr lehrreich. Denn eine Antwort auf solch eine Frage kann jeder nur für sich alleine erleben und finden.

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