• Kommentar
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  • Maxi Bergner
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  • 09.11.2017

Medizinstudium? Ja. Arzt? Nein.

Offene Beziehungen gibt’s nicht nur in der Liebe – auch im Medizinstudium sind sie der neue Trend.

 

 

Mittwochmittag, vor dem Zeitungsregal. „Ärztemangel in Deutschland!“ prangt als Überschrift auf deren ersten Seite, der Autor äußert Sorgen über den sich verschlimmernden Zustand der medizinischen Versorgung und den fehlenden Nachwuchs.

Überall werden mittlerweile Stimmen laut, die den Numerus Clausus als Barriere sehen und sich für seine Abschaffung und die Öffnung des Medizinstudiums für alle stark machen. Und diejenigen, die sich momentan bereits einen Platz erkämpft haben, schauen sich nebenher auch noch anderweitig um: willkommen in der Welt von Medizinstudium+, der offenen Beziehung mit dem Medizinstudium.


Du fragst dich, was genau das heißt, beziehungsweise wer in diese Kategorie fällt? Nun, höre dich mal in deinem  Freundeskreis ein wenig um. Da gibt’s die Kommilitonin, die nun Soziologie nebenher studiert, da ihr das Medizinstudium allein zu wissenschaftlich und unpersönlich ist. Dann ist da noch diejenige, die sich nun in die Ethnologie stürzt, weil sie „auswendig pauken“ und „kreuzen“ nicht mehr hören kann. Ach ja, und ein Kommilitone freut sich auf ein „Freisemester“, um sich erst einmal gänzlich seinem Studium der Informatik widmen zu können. All jene „machen das Medizinstudium auf jeden Fall noch fertig“ – nur eben nicht jetzt. Denn „kannst du dir grade echt vorstellen, mal so zu arbeiten?!“

Noch in der Zeit nach dem Abitur, während die meisten anderen strudelten und sich fragten, was sie mit ihrem Leben nun anfangen sollen und wollen, schienen die kleinen „Eins-Nuller“ standhaft überzeugt, den EINEN Weg für sich zu kennen: das Studium der Humanmedizin. Einer vorschnellen Verlobung gleich besiegelten sie ihre Verbundenheit direkt in Metall – nicht wenige malten ihr Präparierbesteck aus dem ersten Semester zusätzlich mit Nagellack an, um es ganz individuell zu verschönern und zu zeigen: „Schau her! Meine Beziehung zur Medizin ist eine ganz besondere!“. Doch wie so oft, wenn man sich auf eine Sache versteift und andere Möglichkeiten nur halbherzig in Betracht zieht, begann die Fassade der Euphorie bald zu bröckeln.


Wochen, Monate, Semester zogen ins Land und die blutrote Herzchenbrille zerbrach zusehends an den Anstrengungen des Studienalltages. Denn seien wir ehrlich, Selbstbestimmung und Freiheit sehen anders aus. Während unsere alten Freunde nun erzählten, „dass sie jetzt erst mal hier den Bachelor machen und dann mal weiterschauen“, vielleicht auch zwischendurch arbeiten oder noch etwas nebenher studieren, war aus der eigenen so abwechslungsreichen Liaison nur noch Stress zurückgeblieben. Und Eifersucht. Immer diese schlimme Eifersucht. Wann immer man sich mal nicht der Medizin widmete, bestrafte sie einen mit ihren fiesen Spielchen … Warum sonst heißt es wohl KREUZigung.


Von Anfang an hatten wir für mindestens 12 Jahre einen Pakt mit der Freizeitlosigkeit unterschrieben. Und bald merkten dann vor allem diejenigen, die sich auf das Studium eingelassen hatten, „weil sie doch nicht ihre 1,0 wegwerfen wollen“, dass man den jetzigen Alltag nur schwer erträgt, wenn man nicht wirklich für die Sache brennt. Merken, dass sie andere Sachen viel stärker entflammen, und flüchten sich nun mehr in neue, andere Parallelwelten.


Doch sind das ja immer noch die anspruchsvollen Menschen, die sich mit Abitur und Physikum bereits den Anfangs- und Zwischenbeziehungsproblemen stellen mussten und sich abgemüht hatten, erst einmal zusammenzukommen und dann den Ansprüchen weiterhin zu genügen. Das wirft man nicht so leichtfertig weg. Und so kommen wir zu dem neuen heutigen Phänomen: den M+-Studierenden. Die jetzt schon wissen, dass sie sich ein späteres gemeinsames Leben mit der Medizin nicht vorstellen können, aber die auch nicht loslassen wollen. Die nun neben ihr her oder im semesterweisen Wechsel das betreiben, was sie eigentlich interessiert, aber aus Angst vor dem Wort „Studienabbruch“ nicht den letzten Schritt gehen. Denn vielleicht entpuppen sich die Wünsche als falsch, und dann stehen sie alleine da, untätig und ohne Tagesaufgabe!


Nein, getreu dem Motto „was du wirklich liebst, lässt du frei, und wenn es zu dir zurückkommt, ist es das Richtige“ leben sie nun in einer offenen Beziehung mit ihrem Studium. Die Grenzen sind klar abgesteckt: „Wenn wir uns sehen, haben wir Spaß zusammen, aber ich brauch auch Spaß nebenher. Nur du alleine, das kann ich nicht. Das ist mir zu eintönig und trist.“ Und hoffen vielleicht insgeheim, dass all die Ausflüchte nur die Überbrückung zu dem Punkt sind, da das Studium mit roten Rosen, knallenden Sektkorken und pompösen Feuerwerk sich vor ihnen auf die Knie wirft und um ein Zurückkommen bettelt. Aus dem Hintergrund erklingt romantisch-energetisierende Musik, dann legt das Studium einen Antrag vom Feinsten hin: „Willst du (m)ein Neurologe werden?“ – „Ja, ich will“. Kuss, Approbation, Abspann.


Was ich damit sagen will? Ganz einfach: Wenn die Politik möchte, dass sich wieder mehr Menschen für eine Ehe mit der Medizin entscheiden, dann mag die Änderung der Rahmenbedingungen für einen Beziehungsstart in Form einer NC-Abschaffung das eine sein. Eine Attraktiver-Gestaltung des Studiums und vor allem der Bedingungen als PJler oder gar Assistenzarzt sind danach allerdings unerlässliche Folgehandlungen, wenn all die neuen Beziehungen auch zusammenbleiben sollen. Denn wie wir alle wissen, geht ein + nie gut, ob nun mit F(reundschaft) oder M(edizin) davor, und immer auf Kosten einer Partei – entweder zerbricht der Student an seiner vereinnahmenden Studienwahl, oder aber das Konzept „Medizinstudium“ an den fremdgehenden Studenten.

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