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  • Maxi Bergner
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  • 18.10.2018

Gschichtn ausm Behandlungszimmer - Rassismus in der Praxis

Dass Rassismus im Alltag an vielen Ecken lauert, dürfte nichts neues sein. Doch wie reagiert man als angehender Arzt, wenn man im beruflichen Alltag mit diskriminierenden Äußerungen konfrontiert wird?

Ein Tag wie jeder andere, meine Famulatur auf einer inneren Station beginnt wie üblich mit der Blutentnahme-Runde. Im Patientenzimmer 318 treffe ich auf eine Schwester, die ihre liebe Mühe damit hat, Herrn Müller* an die Bettkante zu mobilisieren. Als ich mich schließlich an seinem Arm zu schaffen mache, erzählt er mir, dass das Aufstehen heute beschwerlicher war als sonst, aber „Die Schwester, na, wie heißt diese Russin, na, Schwester Svetlana halt“ hätte keine Ruhe gegeben. 

Als hätte er einen guten Witz gemacht, grinst er mich süffisant an. Schwester Viktoria aus der Ukraine, die seit 20 Jahren in Deutschland lebt und sich für das Wohlergehen der Patienten ihrer Station aufopfert, hat das Zimmer zum Glück soeben verlassen und hört diese Missachtung ihrer Person nicht mehr. Als ich mich mit einer Kollegin über den Kommentar unterhalte, zuckt diese nur mit den Schultern: „Das ist noch gar nichts, mich fragte ein Patient einmal, wo denn heute die Russenschlampe sei“.

Im Zimmer am Ende des Ganges liegt Frau Schneider*, eine friedliche, ältere Dame, die sich von ihrer Lungenentzündung erholt und sich immer über einen kleinen Plausch freut. Heute verweist sie auf die Zeitung neben ihrem Bett, deren Schlagzeile besondere Vorkommnisse in der Erstaufnahmeeinrichtung anprangert. Frau Schneider seufzt. „Das sind doch keine Zustände! Was wollen wir hier mit den ganzen Fremden, da haben wir einfach keinen Platz für. Kennen Sie das, wenn man Kühe an einen Hubschrauber hängt und damit weite Strecken transportiert? Ich finde, man könnte die ganzen Flüchtlinge auch direkt in große Netze packen, an einen Helikopter hängen und direkt über dem Vesuv fallen lassen."

Momente wie diese lassen einem das Blut in den Adern gefrieren. Gerade die Menschen, die einen Arzt aufsuchen, weil sie sich selbst nicht mehr helfen können und Mitgefühl und Zuspruch suchen – die Menschen, die Hilfe brauchen, damit es ihnen wieder besser geht, damit sie ihr Leben in einer lebenswerten Qualität weiterführen können, und die gleichzeitig Respekt gegenüber ihrer Patientenwürde und Selbstbestimmung fordern – gerade unter diesen Menschen höre ich derartige Kommentare, die fremden Bevölkerungsgruppen nicht nur jeden Respekt entsagen, sondern ihnen zudem bitter benötigte Hilfsansprüche und letztlich sogar den Wert des Lebens aberkennen. Die Fremden das absprechen, was sie von uns als Ärzten erwarten.

Nun befinden wir uns aber nicht in privatem Raum, wo wir auf sicherem Boden frei heraus unsere Meinung dazu sagen können, sondern als Studierende in einer Klinik oder Praxis, in der wir als Famulanten und PJler die unterste Stellung der ärztlichen Rangordnung einnehmen. In diesem Rahmen fällt es schwer, eine Auseinandersetzung mit den Patienten zu beginnen und folge dessen eine Beschwerde oder ähnliches zu riskieren. Und selbst wenn du in der Rangfolge bereits aufgestiegen bist, ist es schwierig, den richtigen Weg für den Umgang mit diskriminierenden oder gar rassistischen Aussagen zu finden.

Während man Gäste seiner Wohnung verweisen kann, ist das in der ärztlichen Praxis nicht so einfach möglich. Da sich Patienten nach $76 des SGB V ihren Arzt frei wählen dürfen, ist man im Umkehrschluss als Kassenarzt zur Behandlung dieser Patienten verpflichtet und kann sie nur mit spezifischen Begründungen ablehnen. Eine Argumentation mit einem gebrochenen Vertrauensverhältnis aufgrund einer Auseinandersetzung durch eine ausländerfeindliche Einstellung könnte versucht, aber schwierig werden.

Trotzdem sollte niemand derartige Äußerungen im Raum stehen lassen. Die richtigen Worte zu finden ist herausfordernd, denn so wie in den oben beschriebenen Situationen begegnen sie einem in meist unvorhersehbarem Kontext und lassen einen nur perplex aufschrecken. Sich distanzieren zu können, ohne die notwendige Höflichkeit der Arzt-Patienten-Beziehung zu verlieren, benötigt viel Souveränität, die in den Anfangsjahren als Medizinstudent noch nicht so ausgeprägt ist. Ein paar Ideen möchte ich dir trotzdem an die Hand geben. 

Wie wir alle in der medizinischen Psychologie und Soziologie gelernt haben, sind Ich-Botschaften immer das Mittel der Wahl, kritischere Töne anzuschlagen, ohne sich angreifbar zu machen. „Ich finde es sehr schade, dass Sie so denken“ ist da die harmloseste Reaktion, „Ich bin da gänzlich anderer Meinung als Sie, daher würde ich vorschlagen, wir beenden dieses Thema sofort“ die Steigerung. „Ich empfinde Ihre Äußerung als menschenverachtend und sehe gerade ein Krankenhaus/diese Praxis nicht als den geeigneten Raum, so etwas auszusprechen."

„Ich möchte Sie bitten, solche Äußerungen in Zukunft zu unterlassen“ bringt es auf den Punkt, ist aber wie gesagt ein wenig davon abhängig, welche Stellung du hast und wie gut du mit dem Echo umgehen kannst, wenn sich der Patient am Ende beim Chef beschwert, man habe ihm „den Mund verboten“. Die vierte Variante, die eventuell einen Moment des Nachdenkens auslöst, greift meine obige Argumentation auf: „Sie sind zu uns gekommen, weil Sie sich Hilfe, Zuspruch und letzten Endes eine Besserung Ihrer Lebensqualität erhoffen und äußern sich derart respektlos über Menschen, die dies ebenso tun. Sie wünschen sich im Rahmen der Behandlung von unserer Seite Respekt – ebendies erwarten wir auch von Ihnen.“

Letzten Endes muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er es als (angehender) Arzt als seine Aufgabe ansieht, die an dieser Stelle vorliegenden Menschenbilder im Klinik-Setting auszudiskutieren. Letztendlich wird nach §630a des BGB ein Behandlungsvertrag geschlossen, der es vorsieht, dass man dem Patienten die notwendige Behandlung zukommen lässt und er im Anschluss die vorgesehene Entlohnung dafür. Nicht mehr, und wie oben bereits angedeutet auch nur in Ausnahmefällen weniger. Wenn wir es nicht einmal schaffen, eine 100%ige Compliance für die Bekämpfungsmethoden einer Erkrankung zu erreichen, wie soll während eines Klinikaufenthaltes oder gar einer sechsminütigen Vorstellung in der Arztpraxis die politische Einstellung geändert werden? Beim Umgang damit und letztlich auch beim Versuch, die Problematik zu lösen, wünsche ich viel Nervenstärke!

*Namen von der Redaktion geändert, Aussagen unverändert.

 

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