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  • Maxi Bergner
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  • 20.12.2018

Sexismus in der Klinik

Der weiße Kittel ist gleich, und doch macht es einen großen Unterschied, was sich darunter verbirgt. Lokalredakteurin Maxi erzählt von Erlebnissen und Erfahrungen über die Frauenrolle in der Medizin.

Es ist noch nicht lange her, da ging eine ausschweifende Debatte durch die sozialen Netzwerke und die Medienlandschaft, gekennzeichnet durch einen prägnanten Hashtag: #metoo. Frauen aus aller Welt erzählten von ihren Erlebnissen der Diskriminierung und Unterdrückung, Feministinnen hielten Brandreden, Hollywoodstars wurden auf die Gerichtsbank geschleift – kurzum, der Aufschrei zur noch immer in den Köpfen und leider auch in den Handlungen vorherrschenden Diskreditierung der Frauen war groß. Man sollte also eigentlich meinen, ein jeder hätte ihn irgendwie einmal vernommen und überdacht. 

Aber anscheinend hält die Sterilisierung von OP-Sälen und Behandlungsräumen nicht nur die Ausbreitung von Keimen zurück, sie stellt wohl ebenso eine Barriere für fortschrittliches Denken dar (und es ist wirklich traurig, in Bezug auf Gleichstellung noch immer von Fortschritt und nicht Selbstverständnis sprechen zu müssen). Denn anders kann ich mir das Verhalten, das uns weiblichen Medizinstudierenden noch immer so häufig begegnet, nicht erklären. Es ist, als hätte die mediale Debatte keinerlei Umdenken bewirkt, als dass sie mit „Bakterien und Bakterierinnen – neuerdings wollen die Frauen ja überall erwähnt werden“ ins Lächerliche gezogen werden oder die gleichen frauenfeindlichen Witze mit einem entschuldigenden „oder darf ich sowas jetzt auch nicht mehr sagen“ ausgeleitet werden. Die Beispielsituationen reißen auch nach vier Jahren Studium nicht ab…

„Man muss aufpassen, dass man [mit den Trokaren] das richtige Loch trifft – das ist so wie bei euch Frauen“

Meine Kommilitonin und ich stehen seit drei Stunden im Rücken des operierenden Professors und lauschen seinen Ausführungen über Sauberkeit. Eigentlich hatte er nur das OP-Gebiet gereinigt, war dabei aber auf die unterschiedlichen Küchenzustände beim Kochen gekommen und findet diese Thematik nun spannender zu erklären. Es folgen also Verunreinigungsbeschreibungen und Kochhinweise, während derer meine Kommilitonin aufgrund des ewigen Stehens langsam blass wird und darum bittet, etwas trinken gehen zu dürfen. Als sich die Tür hinter ihr schließt, sieht ihr der Professor spöttisch grinsend nach: „Ach ja, das ist diese neue Generation von Frauen – denen wird ja schon schlecht, wenn man das Wort Küche auch nur in den Mund nimmt“.

Ungelogen der nächste Tag, neue Situation, neue Hoffnung. Wir, drei Studentinnen in weißen Kitteln, sitzen im Untersuchungszimmer und begrüßen den hereinkommenden Patienten. Als er über unsere Anwesenheit aufgeklärt wird, richtet er sich stolz auf und freut sich: „Ach was, da kommen die kleinen Mädels gleich an und wollen zugucken“.

Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich bei Famulaturen und Co. bisher als „Mädel“ bezeichnet wurde, wie respektlos Patienten mich angefahren und geduzt haben, sobald ihnen etwas nicht passte. „Ach Mädel, so kalte Hände, ich hoffe mal, die sind abends im Bett dann aber wärmer“ beschwerte sich einmal ein Patient, als ich ihm im Winter Blut abnehmen wollte. Und egal, welche meiner Mitstudentinnen ich gefragt habe – egal, wie alt und durch vorangegangene Ausbildungen kompetenter sie waren – sie alle berichteten von ebensolchen Situationen.

Natürlich kann man bei uns auch mit der bisherigen fehlenden Berufserfahrung argumentieren, die die Angst von manchen Patienten und Patientinnen verstärkt und sie sich daher im Sinne einer Reaktionsbildung allgemein zu abwertenden Äußerungen hinreißen lassen. Doch wenn ich mit einem gleichaltrigen Kommilitonen ein Zimmer betrete und er augenblicklich als Herr Doktor angesprochen wird, während ich mit einem freundlichen „Schwester, mein Wasser ist alle, können Sie mir ein neues holen?“ bedacht werde, dann zeigt sich sehr wohl eine geschlechterspezifische Diskrepanz.

„Gleich kommen drei Studentinnen zu Ihnen, um Ihnen ein paar Fragen zu stellen“ – „Oh schön, ich wollte noch duschen gehen, da können die gleich mitkommen“

Es ist ein Mangel an Respekt, der uns Medizinstudentinnen und später wahrscheinlich auch jungen Assistenzärztinnen sowohl von einigen Vertretern der älteren Professorenriege als auch Patienten und Patientinnen entgegengebracht wird. „Diese jungen Mädels, die sollen sich halt erst mal noch beweisen“. Und bis dahin werden sie mit dummen Witzen belächelt oder auch mal großväterlich am Knie getätschelt, um Zuwendung und Trost für den ganzen Informationsinput zu spenden. Der ist ja bestimmt viel zu viel für das kleine Köpfchen, das evolutionär nur für Kochrezepte und schöne Frisuren gemacht worden ist.

Es kann doch nicht sein, dass an fünf Tagen Unterricht am Krankenbett nicht ein Tag verging, an dem ich nicht ein weiteres Beispiel für diese Liste gefunden hätte. Es kann nicht sein, dass wir uns trotz gleicher Ausbildung, trotz gleicher Fähigkeiten und Fertigkeiten deutlich mehr anstrengen und behaupten müssen, ehe wir eventuell einmal ähnlich ernst genommen werden wie unsere männlichen Kollegen. Es kann nicht sein, dass wir, weil wir vielleicht zart und niedlich wirken, kein Gehör finden oder direkt als „zickig“ gelten, wenn wir es doch einmal versuchen. Es kann nicht sein, dass wir uns noch immer für Rollenvorstellungen von vor 100 Jahren rechtfertigen müssen und uns abfällige Kommentare gefallen lassen müssen, dass wir neuerdings eben nicht mehr nur die Kirche, Kinder und Küche als Lebensinhalt sehen.

„Ach wie, Sie machen die Untersuchung jetzt auch noch? Ich dachte, die macht ein richtiger Arzt“ – „Ich bin ebenfalls eine richtige HNO-Ärztin“ – „Nein, ich meinte einen Mann.“

An unserer Uni gibt es mittlerweile viele Anlaufstellen und Initiativen, die sich mit Gleichstellung und Antisexismus beschäftigen und diese aktiv bekämpfen wollen. Doch verhält es sich ähnlich wie mit dem #metoo-Aufschrei, der so brisant kam und momentan schon wieder in Vergessenheit gerät. All die lauten Aktionen, die gutgemeinten Diskussionen und großgedruckten Genderaufrufe – sie alle schrecken für einen kurzen Moment auf, bis ein neuer Reiz das Bewusstsein fordert. Sexismus aber passiert andauernd und durchgängig, im Kleinen und leise, fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit. In der Gesamtheit der zahllosen Momente, die einzeln betrachtet vielleicht gar nicht so imposant wirken, wird die Position der Frau noch immer in Frage gestellt. Die Menschen dahinter gehen nicht auf Diskussionsrunden und werden niemals anfangen zu gendern – wie also erreichen wir da ein Umdenken? Ich weiß es nicht.
Was ich aber weiß ist, dass ich es manchmal hasse, als Frau auf Station tätig zu sein. Ich möchte ja gar nicht, dass man mir mehr zutraut, als ich bereits umsetzen kann, oder mich für etwas respektiert, was ich nicht zu leisten vermag. Ich möchte doch nur, dass Zutrauen und Respekt nicht mehr von meinem Geschlecht abhängig sind und ich auf dem gleichen Vertrauens- und Kompetenzlevel arbeiten darf, wie männliche Kollegen. NUR das.

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