• Bericht
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  • Larissa Schuchardt
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  • 12.07.2013

Die OSCE-Prüfung in der Notfallmedizin

Wie ist es, eine Prüfung nicht – wie üblich – im Multiple-Choice-Format mit genügend Zeit zu machen? Nicht weiterblättern zu können, wenn man die Frage nicht weiß? Definitiv eine interessante Erfahrung, findet Larissa und erzählt von ihrer OSCE-Prüfung in der Notfallmedizin.

Ein leuchtend blauer Himmel spannt sich über dem Audimax. Es ist Samstagmorgen, 8:30 Uhr, und die ersten 16 Sechstsemestler haben sich eingefunden, um ihre OSCE-Prüfung anzutreten. Im ersten klinischen Jahr steht in Lübeck das Fach Notfallmedizin auf dem Stundenplan. Ein Semester lang haben wir uns in Kleingruppen jeden Mittwochnachmittag mit verschiedenen Themen beschäftigt: Vom Basic Life Support über Intubation bis hin zu neurologischen oder gynäkologischen Notfällen ist alles dabei. In der Kinderchirurgie durften wir uns sogar gegenseitig Arme eingipsen und Casts anlegen.

 

Das Notfall-Curriculum

Die Notfallmedizin zieht sich durch das gesamte Studium: im ersten Semester wurde ein Erste-Hilfe-Kurs absolviert, und ein weiterer 16-Stündiger Erste-Hilfe-Kurs ist  Pflicht, um sich für das Physikum anmelden zu können. Im ersten klinischen Jahr folgten nun die Notfallmedizin-Seminare, die mit der OSCE-Prüfung und einer Multiple-Choice-Klausur abgeprüft wurden – die alljährliche Realübung in Kooperation mit der Lübecker Feuerwehr musste leider abgesagt werden. Im 3. Klinischen Semester findet die Hauptvorlesung Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie statt, im 4. die Hauptvorlesung Notfallmedizin. In diesem Jahr fand auch das Blockpraktikum in der Anästhesie statt. Zuletzt bietet sich Lübecker Studenten ab dem 4. Klinischen Semester die Möglichkeit, auf dem Notarztwagen mitzufahren und Einsätze aus nächster Nähe mitzuerleben bzw. selbst in der Rolle des Notarztes aktiv zu werden – mit fachkundiger Anleitung.

 

OSCE

OSCE steht für „Objective Structured Clinical Examination“ und ist ein Prüfungsverfahren, das in den Gesundheitswissenschaften relative häufig zum Einsatz kommt. Praktische und mündliche Fähigkeiten können hier ebenso gut erfasst werden, wie die so genannten „soft skills“, da die Studenten häufig mit Schauspielpatienten ihre Fähigkeit zur Kommunikation und Interaktion unter Beweis stellen müssen. Die Prüflinge rotieren dabei durch einen Parcours aus mehreren Stationen und haben bei jeder Station fünf Minuten Zeit, eine Reihe von Aufgaben zu lösen. Wie läuft das ganze denn in etwa ab? Dazu ein kurzer Bericht von meinem eigenen Samstagmorgen:

 

Verdacht auf: Akutes Koronarsyndrom!

Pfiff! Die Trillerpfeife ertönt, und prompt fängt die ältere Dame auf dem Stuhl vor mir an zu stöhnen. „Ich habe Schmerzen…In der Brust…Helfen Sie mir…“ Ich bin nun der frisch eingetroffene Notarzt  und versuche erst einmal, die Dame zu beruhigen. Dabei erfolgt eine kleine Anamnese: „Hatten Sie solche Beschwerden schon häufiger?“ – „Noch nie“. In Ordnung, dann kann ich wohl davon ausgehen, dass die Dame noch kein Nitrospray genommen hat. Ich „messe den Blutdruck“ –laut Prüferin 180 zu 90 – und entscheide mich für das Nitro, zwei Hübe unter die Zunge. Die Sättigung ist in Ordnung, Sauerstoff braucht die Dame also keinen. Rasch schreibe ich ein EKG (die Elektroden kleben praktischerweise schon), während ich der Prüferin kurz erzähle, welche Medikamente noch indiziert wären und wie ich den Transport in die Klinik vorbereiten würde. Da ertönt auch schon der nächste Pfiff. Ich sprinte zur nächsten Station, eine Trennwand weiter.

 

Die Puppe hat wieder einen Sinusrhythmus

Bereiten Sie bitte eine Intubation vor, so dass der Notarzt auf der Stelle mit funktionsfähigem Werkzeug beginnen kann!“ Ambu-Beutel, Guedeltubus, Laryngoskop und der Tubus mit Führungsstab, klar. Auch die restlichen Utensilien und die Überprüfung des Füllstands der Sauerstoffflasche sind kein Problem. „Und jetzt noch fünf Indikationen, bei denen man intubiert!“ Reanimation, Glasgow-Coma-Scale Score kleiner gleich 8, …“ Pfiff! Auf geht‘s hinter die nächste Trennwand: hier warten ein verunglückter Motorradfahrer und eine zufällig anwesende Person auf mich, die mir doch prima bei der Helmabnahme helfen kann. Danach ein Bodycheck, fertig. Hier habe ich sogar noch kurz Zeit, einmal tief durchzuatmen und mich mit meinem Prüfer zu unterhalten! Eigentlich ist diese Art von Prüfung ganz witzig. Pfiff! Ich werde zu einer laufenden Reanimation gerufen. Defi raus, Defi an, Elektroden anschließen, schockbarer Rhythmus: Lade auf 360 Joule! Weg vom Patienten! Kopf-bis-Fuß-Blick, SCHOCK! Der Prüfer guckt skeptisch: „Ihr Patient lebt zwar, aber hat zwei schwarze Flecken auf der Brust.“ Mist, Defi-Gel bzw. Gel-Paddels vergessen. Egal. Pfiff!

 

Multiple Choice im Notfall?

Nach acht Stationen ist der Parcours dann zu Ende. Ich bin erschöpft, aber insgesamt lief es gut! Hier konnte man tatsächlich auch einmal praktische Fähigkeiten unter Beweis stellen, und die 40 Minuten sind wie im Fluge vergangen. Auch die Angst vor dem ersten eigenen Nachtdienst ist etwas kleiner geworden. Schließlich habe ich versucht, die Notfall-Algorithmen so gut es geht zu verinnerlichen. Jetzt kann ich nur noch hoffen, dass ich mich auch in einer realen Notfallsituation daran erinnere und nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Gegend renne! Aber dafür sind praktische Prüfungen ja durchaus sinnvoll, und daher bin ich froh, dass auch in den nächsten Jahren viele klinische Fächer in dieser Form abgeprüft werden. Schließlich steht bei einem realen Herzinfarkt auch kein Prüfer neben mir und fragt: „Was tun Sie zuerst: (A) Hilfe holen, (B) Reanimieren, (C) Eigenschutz beachten…“

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