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  • Lea Charlotte Bauer
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  • 29.10.2021

Nur ein gesunder Medizinstudent ist ein guter Medizinstudent

Gebt acht auf euch selbst und vergesst neben all der Lernerei das Leben außerhalb der Uni nicht.

 

Lieber Ersti,

wenn ich dir eins mit auf den Weg geben darf, dann ist es dies: Nur ein gesunder Medizinstudent ist ein guter Medizinstudent.
Das ist wahrscheinlich das Wertvollste, dass ich in meinen letzten zwei Jahren als Vorklinikstudent unter Coronabedingungen gelernt habe.

Endlos lange Biochemielabortage mit Maske und Kittel bei über 30 Grad im Sommer, jedes mündliche Testat über dem Körperspender in den ersten zwei Semestern und letztendlich von morgens bis abends andauernde Physiologiepraktika am Computer per Videokamera.
Dazu kommen Vorlesung auf Vorlesung, die sich ganz schnell zu einem Berg auftürmen, wenn man sie nicht diszipliniert und kontinuierlich abarbeitet. Natürlich coronabedingt alles online allein vor dem Rechner. Keine gemeinsamen Mensamittagsessen vor dem Präparierkurs, keine Bib Lernsessions anstatt Chemie Vorlesung und keine Studentenparties.

Und umso schneller das erste, zweite, dritte und vierte Semester angefangen haben, desto schneller neigt sich jedes Einzelne dem Ende zu und die Klausuren rücken in greifbare Nähe. Plötzlich sitzt man dort, die Zeit zwischen den Klausuren der einzelnen Fächer ist auf nur wenige Tage begrenzt und man weiß nicht mehr wo oben und unten und der eine Zettel mit den wichtigen Schritten der Steroidhormon-Synthese ist.
Da kann es einem schnell mal zu viel werden. Auch mir ging es in vergangenen Klausurenphasen so und es wird mir immer wieder so ergehen. Manchmal möchte ich einfach alles hinwerfen und den Citratzyklus Citratzyklus sein lassen.

Das Studium ist hart. Dies liegt zum einen an der unglaublichen Stoffmenge, gerade in der Vorklinik, aber auch an dem Stress, den die meisten Studenten sich selbst machen. Jede Klausur zum Ersttermin schreiben, und diese dann natürlich auch möglichst gut, am besten sogar sehr gut bestehen. Schließlich war man früher Klassenbester. Viele wollen ihre Eltern stolz machen, die schon allen Bekannten erzählt haben, was für ein guter Arzt ihr Kind mal werden wird.  

Was hätte ich mir öfter sagen sollen?
Klapp das Buch zu, lege es zur Seite und atme einmal oder auch zweimal tief durch.
Nimm dir Zeit für dich. Such dir Unterstützung. Frag nach Hilfe. Vertraue jemandem an, dass dir alles gerade zu viel wird und du nicht weißt, wie du die Klausur und somit das Semester überhaupt bestehen sollst. Meistens geht es Freunden und Kommilitonen ganz genauso.
Greif zum Telefon und ruf jemanden an, der dir nahesteht und dich unterstützen kann. Der dich beruhigt und dir sagt, dass eine geschobene Klausur im ersten Semester oder ein „Durchgefallen“ neben der Klausur nicht das Ende der Welt und auch nicht das frühe Ende der Arztkarriere ist.
Einmal mehr frische Luft schnappen gehen, auch wenn es nur um den Block ist. Sportsachen an und raus zum Joggen, auf die Yogamatte oder ins Fitnessstudio. Den Körper bewegen, egal auf welche Weise. Die Endorphine freisetzen. Meist sieht die Welt nach der Dusche schon wieder ganz anders aus.

Einen Ausgleich, ein Leben neben der Medizin, ist der wichtigste Faktor in dem großen Balanceakt namens Studium. Sich Zeit nehmen, um etwas Neues zu lernen, an den Strand zu fahren, der in Lübeck doch so nahe ist, neue Freunde finden und seinen anderen Interessen und Hobbies nachgehen. Man muss lernen, seine eigene physische und psychische Gesundheit zu priorisieren, und auch wenn man dadurch eine Klausur schiebt, ein Semester länger für die Vorklinik braucht oder einfach nur abends das Bett anstelle des Schreibtisches wählt.

Das Studium ist ein langer Marathon und es gibt viele Höhen, Tiefen, schöne Umwege und Gräben, die man überwinden muss. Mit viel Geduld, einer gewissen Portion Mut und dies alles in seinem ganz eigenen Tempo. Damit es einem selbst gut geht. Damit man auch die positiven, interessanten und motivierenden Seiten des Medizinstudiums genießen kann. Denn davon gibt es genauso viele.

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