• Bericht
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  • Anna Lücke
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  • 21.04.2008

Wahlfach Kultur und Kommunikation Gehörloser

Das Thema "Gehörlosigkeit" wird in keinem Abschnitt der ärztlichen Ausbildung erwähnt, dennoch sorgte es in einem Wahlfach unter den Lübecker Medizinstudenten für rege Diskussion, Enthusiasmus, Spaß an einer neuen Sprache - allerdings auch zu Frustration. Denn zwei Weltanschauungen stehen sich hier ziemlich unversönlich gegenüber.

Von der Medizin weitgehend ignoriert

Im Wintersemester 2007/08 wurde an der Universität zu Lübeck ein bis dato noch nicht dagewesenes Wahlfach ins Leben gerufen: "Kultur und Kommunikation Gehörloser". Unter der Leitung von Prof. Dr. rer. nat. Pagel fanden sich 20 Medizinstudenten der Vorklinik jeden Freitag zusammen, um die Ohren auszuschalten und sich mit einem in der Medizin weitgehend ignorierten Problem zu beschäftigen: der Gehörlosigkeit.

Dozenten

Unterstützt wurde der Kurs von Prof. Dr. Rainer Schönweiler, Leiter der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie des Uniklinikums und Silke Franck, Dozentin für Gebärdensprache, die den Studenten zwei gegensätzliche Ansichten zum Thema nahe brachten. Gebärdensprache versus Cochlea Implantat, sprachliche Minderheit versus Chirurgische "Problemlösung".

Inhalt

Im Laufe des Semesters lernten wir, wie schwerhörige oder gehörlose Kinder mit Hörgeräten oder Cochlea Implantat (CI) versorgt werden können und wie wir mit Deutsche Gehörlosen Sprache (DGS)-Dolmetschern umzugehen haben. Wir haben sogar Grundzüge der DGS gelernt und könnten unsere Patienten jetzt auf DGS fragen, wo sie Schmerzen haben. So waren wir hin und her gerissen zwischen der Begeisterung, die Gebärdensprache zu lernen und der Faszination für die technischen Ansätze der Chirurgie.

Konflikt zweier Weltanschauungen

Als Teilnehmerin des Kurses kristallisierte sich für mich bald folgendes Problem heraus: Keine der beiden Weltanschauungen akzeptiert die Existenz des anderen. In der Gehörlosengemeinschaft, die sich selbst als sprachliche Minderheit sehen und nicht als körperlich behindert, sind Cochlea Implantate verpönt. Die Schulmedizin zeigt sich dagegen völlig unverständig gegen die Entscheidung, DGS als Kommunikation zu wählen.
Für die eine Seite ist es ein chirurgisches Problem, für die andere hauptsächlich ein soziales. Heißt ein CI zu besitzen nicht, einzugestehen, dass man "defekt" ist und dank der Medizin "repariert" werden kann? Wie kann man sich bewusst gegen ein CI entscheiden und damit ein Leben in Stille wählen?

Es geht auch ohne

Am Ende des Kurses stand für viele Teilnehmer fest: Man braucht für die Kommunikation nicht zwingend zwei funktionierende Ohren. Hände, Gesicht und Lippen funktionieren auch. Es stand auch fest: Wem das nicht reicht, der hat die Möglichkeit sich mit CI versorgen zu lassen. Frustriert waren einige Kursteilnehmer nur von der Engstirnigkeit beider Parteien. Für uns war nicht nachvollziehbar, warum die Gehörlosengemeinschaft nicht akzeptiert, dass manche Menschen sich für ein CI entscheiden. Genauso wenig konnten wir nachvollziehen, warum es für Mediziner offensichtlich so schwierig ist zu verstehen, dass es Menschen gibt, die ohne Gehör ein erfülltes Leben haben und sich selbst nicht als behindert wahrnehmen.

In der Praxis bewährt

Ein Beispiel dazu bekam ich kurz nach Semesterende während des Pflegepraktikums, als eine gehörlose Patientin aufgenommen wurde, auf deren Anamnesebogen vom AvD vermerkt war: "Anamnese gestaltet sich schwierig, da Pat. taubstumm". Natürlich konnte ich mich nicht fließend mit der Patientin verständigen, aber immerhin konnte ich ihr in ihrer Sprache (und zweiten anerkannten Landessprache Deutschlands!) nahe bringen, dass ich Fieber und Blutdruck messen will. Ich glaube, sie hat sich gefreut, dass man sich wenigstens bemüht.

Fazit

Nachdem wir am Ende des Semesters beide Ansichten kennen gelernt hatten, waren wir für das Problem sensibilisiert. Eine Lösung hatten wir nicht, aber wir waren uns zumindest einig, dass das Erkennen des Problems, doch schon weiterhilft. Denn es geht im Klinikalltag nicht unbedingt darum, dass man alle Fachbegriffe auch in DGS beherrscht. Es geht darum, dass man einem gehörlosen Patienten vermittelt, dass man ihn als gleichwertig akzeptiert, und nicht über seinen Kopf hinweg alles regelt.

Die Begeisterung, mit der der Kurs wahrgenommen wurde zeigt auch, dass junge Medizinstudenten nicht einfach ignorant über die Gehörlosigkeit hinwegsehen, sondern, dass sie - sofern die Möglichkeit dazu besteht - sich durchaus auch mit dem Thema in all seinen Facetten beschäftigen. Da die Resonanz durchweg positiv war, hoffen wir nun, dass der Kurs auch für die folgenden Semester angeboten werden kann.

Allen Studierenden der Universität zu Lübeck kann ich nur raten, sich an dem Kurs zu beteiligen. Er eröffnet eine völlig neue Welt - mit all ihren Problemen und Lösungen.


Leserkommentar

Von Dietmar Kaaserer

Ihr Artikel ist sehr umfassend und detailliert geschrieben. Leider stellen Sie mit Recht fest, dass die Gehörlosen sich als unterprivilegierte Minderheit verstehen. Ebenso wie sie haben wir als VHS-Kursteilnehmer bisher kein Verständnis für die Intoleranz der Gehörlosen unserer Welt gegenüber aufbringen können. Dies erschwert meines Erachtens den Umgang untereinander sehr, da die Minderheit (der Gehörlosen) sich in ihr Schneckenhaus zurückziehen, statt aktiv die hörende Welt für ihre Bedürfnisse zu sensibilisieren und zu versuchen, hörenden Menschen die Gebärdensprache näher zu bringen. Wir, die Hörenden, sind doch bereit, auf die nicht Hörenden zuzugehen, sonst würden wir uns doch nicht mit dem "Problem" auseinandersetzen.

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