• Interview
  • |
  • Larissa Schuchardt
  • |
  • 19.08.2015

Was bietet der Bachelorstudiengang Pflege in Lübeck?

Seit dem Wintersemester 2014/15 kann man an der Universität zu Lübeck den dualen Bachelorstudiengang Pflege belegen. Lara Beckmann, (21), ist eine von den 26 Studenten, die das erste Jahr des Studiums abgeschlossen haben. Im Interview mit Lokalredakteurin Larissa erzählt sie von ihren Erfahrungen.

 

Lara - Foto: privat

Lara ist im Bachelorstudiengang Pflege in Lübeck und erzählt von ihren Erfahrungen.

 

> Lara, warum wolltest du die Richtung Pflege einschlagen?

Nach meinem Bundesfreiwilligendienst im Krankenhaus wusste ich, dass ich auf jeden Fall eine medizinische Laufbahn einschlagen wollte. Die Pflege ist ein sehr menschliches Fach, das es schon immer gab und das man immer brauchen wird. Bei der Bewerbung für die Ausbildung wurde mir das duale Studium angeboten. Ich habe mich dann dafür statt für die reine Ausbildung entschieden, da ich glaube, dass ich mit einem Studium mehr Möglichkeiten habe.

 

> Was sind deiner Meinung nach die Vorteile des dualen Studiums?

Das duale Studium ist vielseitiger als die reine Ausbildung. Wir haben viel mehr Entwicklungsmöglichkeiten, da im Studium ganz viele Fächer angeschnitten werden, die in der Ausbildung nicht thematisiert werden. Wir lernen mehr über psychologische Hintergründe und Kommunikation mit dem Patienten, sodass wir mehr hinterfragen und Patienten dadurch gut einschätzen lernen. Wenn wir beispielsweise einen älteren Patienten haben, der sich bewusst verstellt, weil er keine Hilfe möchte, versuchen wir, hinter die Kulissen zu gucken und herauszufinden, wie wir ihn dazu bewegen können, dass er die Hilfe annehmen kann. Nicht zuletzt bekommen wir parallel zum universitären Studium auch schon Gehalt, was manchen das Studieren überhaupt erst ermöglicht.

 

> Wie ist das duale Studium in Lübeck aufgebaut?

Wir haben ungefähr die Hälfte der Zeit die praktische Ausbildung auf Station und die andere Hälfte Seminare und Fächer an der Uni. Während der Ausbildung durchlaufen wir die Pflichteinsätze in der Chirurgie, der Neurologie, Kinder, Gynäkologie, Innere und Psychiatrie sowie Einsätze in der ambulanten Pflege. In der Uni haben wir die Vorlesungen zum Teil zusammen mit den anderen Studiengängen, wie zum Beispiel Psychiatrie oder Mikrobiologie mit den Medizinern, und dann direkt im Anschluss Seminare, die das eben Gehörte auf die Pflege beziehen. Das ist schon sehr gut gelöst, genau wie wir umgekehrt vor den Klausuren keine Praxiseinsätze mehr haben, um mehr Zeit zum Lernen zu haben. Auf diese Art laufen Ausbildung und Studium 3 Jahre lang parallel, bis wir dann am Ende des 6. Semesters das Examen ablegen und die Ausbildung damit beendet haben. Im 4. Studienjahr sind wir dann nur noch an der Uni, wobei wir natürlich nebenher als examinierte Gesundheits- und Krankenpfleger arbeiten können, um Geld zu verdienen. In diesem Jahr fertigen wir unsere Bachelorarbeit an und haben sogar die Möglichkeit, ein Auslandssemester zu machen. Mit Abschluss des 4. Jahres erhalten wir den Bachelor of Science (B.Sc.).

 

> Was macht das duale Studium in Lübeck so besonders?

Das duale Studium Pflege ist derzeit in Deutschland einzigartig. An einigen anderen Fachhochschulen kann man Pflegepädagogik oder Pflegeforschung studieren, die vorwiegend den wissenschaftlichen Aspekt betonen. Für diese Studiengänge braucht man in der Regel allerdings eine abgeschlossene Berufsausbildung als Krankenpfleger. Wir hingegen bekommen die Praxis von Anfang an mit – zuerst nur als stille Beobachter. Mit zunehmendem Wissen wird man kritischer und sieht, was man selbst gerne besser machen möchte, was wiederum die Motivation zu lernen und die Qualität unseres Studiums positiv beeinflusst.

 

> Gibt es Nachteile, gerade bei einem so jungen Studiengang?

Wir wussten am Anfang gar nicht, was auf uns zukommt. Manche hatten vor Beginn des Studiums nur ein Praktikum in der ambulanten Pflege gemacht und waren noch nie im Krankenhaus. Dazu kommt der zeitliche Aufwand: Wenn ich abends bis halb 10 Uhr einen anstrengenden Spätdienst habe, muss ich trotzdem am nächsten Morgen wieder um 8 Uhr in der Uni sein. Es wird allerdings darauf geachtet, dass die Dienste nicht überschneiden können, sodass wir schon die Möglichkeit haben, alle Seminare zu besuchen und auch keine Nachtdienste in der Unizeit haben. Da ich in Lübeck studiere und auch die Ausbildung mache, bin ich da sogar flexibel, aber andere machen die Ausbildung an einem der Kooperationspartner mit Lübeck: den Krankenhäusern in Kiel, Flensburg oder Leezen. Die müssen dann zu den Univeranstaltungen pendeln. Für die Häuser kann man sich aber selbst bewerben, man wird also nicht einfach nach Flensburg geschickt. Dieses Arrangement lohnt sich aber eigentlich nur, wenn man aus diesen Städten kommt oder die Ausbildung ohnehin dort machen wollte, sonst wäre mir das wirklich zu viel! Dann merkt man manchmal, dass wir quasi noch die „Versuchskaninchen“ sind und manches noch etwas unorganisiert abläuft. Wir hatten zum Beispiel gleich als erste Vorlesung „Recht in der Pflege“ – wenn man bisher kaum ein Krankenhaus von innen gesehen hat, kann man damit rein gar nichts anfangen. Auf der anderen Seite werden wir genau bei solchen Sachen immer nach unserer Meinung gefragt, sodass wir den Studiengang dadurch aktiv mitgestalten können und für die kommenden Erstis verbessern können.

 

> Wie ist denn die Akzeptanz auf Station? Was halten Ärzte und Pfleger von eurem Modell?

Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Manche sagen, dass wir ohnehin nur in die Leitung gehen und das bewährte System umkrempeln wollen. Andere loben, dass wir mehr machen und hinterfragen als andere Auszubildende, aber schließlich haben wir auch mehr Zeit dafür. Ich gehe manchmal auch bei der Visite mit und stelle den Ärzten hinterher Fragen, oder gehe mit Medizinstudenten Patienten untersuchen. Von dieser Seite sind die Reaktionen meist positiv, wenn ich erkläre, was ich auf Station mache und was ich so lerne. Es ist toll, dass ich während meines Studiums meist auch direkt die Rückmeldung auf die gelernten Sachen kriege und quasi meine eigenen Erfolge direkt sehen kann.

 

> Wie sehen deine späteren Chancen und Pläne nach dem Studium aus?

Manche möchten gerne auf Station arbeiten und nebenher forschen. Auch in der Leitung oder Verwaltung zu arbeiten können sich die meisten gut vorstellen. Es gibt halt kein konkretes Berufsbild, auf das man mit unserem Studiengang zusteuert. Man könnte ja auch einfach die Ausbildung machen, da würde ich wahrscheinlich schneller mehr verdienen, oder „nur“ studieren, das wäre vielleicht allgemein angesehener. Aber irgendwas wird schon kommen, in anderen Bachelorstudiengängen weiß man das ja auch häufig noch nicht genau. In England beispielsweise ist der Pflegestudiengang sehr viel etablierter als hier. Die Schwestern dort haben ganz andere Aufgaben und Kompetenzen, die sich mit der Arbeit der Ärzte eher ergänzen, als dass sie ihr unterstellt wären. Dort können sich Schwestern sogar in Praxen niederlassen. Das deutsche System hat da einiges nachzuholen, denn obwohl die deutsche Medizin weltweit sehr anerkannt ist, bringt das nichts, wenn sie keine gute Pflege im Hintergrund hat. Ich könnte mir also auch vorstellen, eine Weile dort zu arbeiten – was übrigens nur mit der Ausbildung auch gar nicht möglich wäre. Aber bis dahin ist es ja noch eine Weile hin, noch möchte ich erstmal das Studium in Lübeck genießen, denn am „Studieren, wo andere Urlaub machen“ ist hier definitiv etwas dran! 

Schlagworte
Mein Studienort

Medizinstudenten berichten aus ihren Unistädten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 100 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete