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  • Jennifer Jaensch
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  • 14.03.2008

Ambulanz für Computerspiel- und Internetsucht an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

Die erste Ambulanz zur Behandlung von Computerspiel- und Internetsucht wurde Anfang März an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz eröffnet. Die Zahl der Betroffenen nimmt zu, die Ambulanz bietet für sie Beratung und ein Therapiekonzept an. Wie eine Spielsucht erkannt werden kann, lesen Sie hier.

Mann am PC - Foto: ccvision

Modellprojekt: Hilfe für Online- und Spielsüchtige

Immer mehr Menschen rutschen in die Internet- und Computerspielsucht ab. Grund dafür ist eine Flucht aus der Realität, die Unfähigkeit, soziale Kontakte zu knüpfen und aufrecht zu erhalten, Aggressionen und Frustration abzubauen, sowie ein mangelndes Selbstvertrauen und mangelnde Zuneigung und Zeit seitens der Eltern von betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Nun hat am 03.03.2008 an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz erstmalig eine Ambulanz zur Behandlung von Computerspiel- und Internetsucht eröffnet.

In einem 12-monatigen Modellprojekt sollen Gruppentherapien zur Behandlung der Computerspielsucht für Jugendliche und junge Erwachsene angeboten werden. Nach Ablauf dieses Modellprojektes wird die neue Ambulanz, die sich zurzeit noch auf dem Gelände des Campus der Johannes-Gutenberg-Universität befindet, auf das Gelände der Uniklinik verlegt werden. Sie wird dann an die Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie angebunden, die von Univ.-Prof. Dr. Manfred E. Beutel geleitet wird. Die psychologische Leitung unterliegt dem Diplom-Psychologen Klaus Wölfing. Alle Beratungs- und Therapieleistungen werden von psychotherapeutisch ausgebildeten Diplom-Psychologen erbracht.

Wie kommt es zur Internet- und Computerspielsucht?

In zwei Fallberichten, die im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung am 03.03.08 einzusehen waren, wurden jeweils zwei Patienten beschrieben, die immer mehr aus einem früher geregelten Leben Abschied nahmen und sich zurückzogen, um ihrer Spielsucht nachzugehen. Anfangs hatte dies lediglich das Ausmaß einer gewöhnlichen Freizeitbeschäftigung, führte aber mehr und mehr zu einem Fluchtpunkt. Die Betroffenen begannen, sich eine neuen, virtuelle Welt aufzubauen. Die sozialen Kontakte verarmten und auch die schulischen bzw. studentischen Leistungen nahmen parallel dazu ab. In einem Fall wurde sogar berichtet, dass ein junger Mann sein Studium aufgab und sich exmatrikulierte, um Sozialhilfe beantragen zu können. Wichtig war nur noch das Onlinerollenspiel, die Abenteuer und Herausforderungen der virtuellen Welt, denen er erlegen war.

6-9 Prozent der Spieler sind abhängig

 

Die reale Welt wird durch eine virtuelle verdrängt - Foto: PhotoDisc

 

Die Forschungsgruppe von Univ.-Prof. Dr. Beutel und Dipl.-Psych.Wölfing hat herausgefunden, dass etwa 6 bis 9 Prozent der bisher untersuchten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die aktiv am Computer spielen, die Kriterien einer Abhängigkeit erfüllen. Ebenso deuten neurowissenschaftliche Befunde darauf hin, dass es sich tatsächlich um eine Suchterkrankung handelt. Denn es lassen sich vergleichbare Veränderungen nachweisen, wie sie aus Untersuchungen zur Substanzabhängigkeit von Alkohol- und Drogenabhängigen bereits bekannt sind. Experten vermuten, dass die weit verbreiteten günstigen Internet-Anschlüssen sowie die virtuellen Räume der Online-Spielwelten, die immer näher an die Realität herankommen, die Zunahme der Spielsucht begründen.

Die Spielplattformen sind 24 Stunden im Betrieb, die Spieler können sich jederzeit zu Tausenden in Gruppen, sogennanten Gilden, organisieren. Eine hohe Bindung an das Spiel wird durch die monatliche Gebühr erreicht, durch die ständige Verfügbarkeit des Spiels und vor allem aber durch die Tatsache, dass viele Aufgaben im Spiel nicht alleine zu bewältigen sind. Die Spieler sind aufeinander angewiesen und teilen Rückschläge und Fortschritte im Spiel miteinander. So entsteht zum einen eine Bindung zwischen den Spielern, zum anderen entstehen Verpflichtungen den anderen gegenüber. Die Spieler genießen Erfolg und Ansehen, unabhängig von ihrem Erfolg, Misserfolg und Prestige im realen Leben. Die reale Welt verliert mehr und mehr an Attraktivität gegenüber dem neuen virtuellen Universum.

Wer ist süchtig?

 

Alkohol und Zigaretten gehören oft dazu - Foto: Dynamic Graphics

 

Betroffene von Computerspielsucht oder deren Angehörige berichten über einen unwiderstehlichen Drang, am Computer spielen zu müssen. Dieser Drang dominiert zunehmend ihr Leben. Es entwickelt sich eine Abhängigkeit, die zum Kontrollverlust über die Spielzeit führt.
Ebenso werden schulische oder berufliche Leistungen eingebüßt, normale Pflichten wie Zimmer aufräumen, Körperhygiene, einkaufen, essen kochen werden vernachlässigt und zunehmend machen sich körperliche Folgesymptome bemerkbar. Der Schlaf-Wach-Rhythmus verschiebt sich, denn oftmals wird zu spät ins Bett gegangen oder am Wochenende auch mal eine ganze Nacht durchgespielt. Aus Fallberichten geht hervor, dass pro Tag eine Spielzeit von 8-10 Stunden, an Wochenenden bis zu 16 Stunden die Norm waren. Mangel-und Fehlernährung tauchen auf, denn die Betroffenen verzichten auf Spielpausen, in welchen sie an normalen Essenszeiten teilnehmen könnten, sich etwas kochen könnten. Sie ernähren sich stattdessen von Fast Food, da das schneller geht.

Die Betroffenen bewegen sich immer weniger und fangen an zu rauchen oder zu trinken, um die Anspannungen während des Spiels erträglicher machen. Auf der anderen Seite muss immer länger und intensiver gespielt werden, um den gewünschten Effekt von Entspannung, Stressreduktion und Selbstwertsteigerung zu erzielen. Wenn die Spielsüchtigen aus unterschiedlichen Gründen nicht weiterspielen können, treten Entzugssymptome wie aggressive Spannungsabfuhr, Nervosität oder Unruhe auf.

Ambulante Hilfe für Betroffene

Laut Diplom-Psychologe Klaus Wölfing hat in den letzten Jahren der Bedarf an Beratung und psychotherapeutischen Interventionen bei Betroffenen der Computer- und Internetspielsucht stark zugenommen. Im Rahmen der Forschungsgruppe von Diplom-Psychologe Klaus Wölfing wurde herausgefunden, dass etwa 6 bis 9 Prozent der untersuchten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die aktiv am Computer spielen, die Kriterien einer Abhängigkeit erfüllen.

Diese Situation soll die neue Ambulanz an der Klinik und Uniklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie nun ändern. Erstmalig in Deutschland werden ambulante Gruppentherapien für Betroffene der Computerspiel- und Internetsucht angeboten. Schwerpunkt des Therapiekonzeptes ist die Verhaltenstherapie. Darüber hinaus steht allen Betroffenen eine ambulante Gruppentherapie offen. Auch anonyme und kostenlose Beratung von Betroffenen und deren Angehörigen ist jederzeit möglich.

Adressen und Kontakt

Anmeldung Ambulanz: Mo-Fr 10.00-16.00 Uhr, Tel.: 06131-3924807

Hotline Verhaltenssucht: Mo-Fr von 12.00-17.00 Uhr, Tel.: 0180-1529529 (3,9 cent/min)

Diese Hotline bietet anonyme und kostenlose Beratung von Betroffenen und Angehörigen an.

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