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  • Ida Reinhold
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  • 19.02.2018

Der Präpkurs in Marburg

Fragst du einen Arzt, an was er sich aus der Uni ganz besonders erinnert, wird er wahrscheinlich antworten: "Der Präpkurs!" Aber warum ist das so? Ist es der große Lernaufwand, sind es die mündlichen Prüfungen oder ist es der - für viele - erste Kontakt mit einer Leiche?

Ablauf

Der Präparierkurs, von Medizinern liebevoll Präpkurs genannt, findet im 1. und im 3. Fachsemester (FS) der Humanmedizin statt. Zugelassen sind nur eingeschriebene Studenten der Humanmedizin; im 3. Semester sind auch die Zahnmediziner anwesend. Pharmaziestudenten haben an einem Tag vor den Weihnachtsferien die Möglichkeit, etwas Formaldehyd-Luft zu schnuppern.
Im 1. FS werden die Extremitäten präpariert, das bedeutet: ganz viele Muskeln, Nerven und Gefäße lernen.
Im 3. FS werden Rumpf, Situs und Kopf präpariert, wobei das Gehirn für das 4. FS (Neuroanatomie) aufgehoben wird.
Am Ende jedes Präpkurses steht die gefürchtete mündliche Prüfung bei deinem jeweiligen Tischdozent. Diese Prüfung ist meistens 2-3 Tage nach der schriftlichen Prüfung (über Vorlesung und Seminar).

Hier eine kurze Stichpunktliste, was du können solltest:
Im 1. FS solltest du gut in Termi aufpassen. Das hilft dir im Präpkurs, weil du sonst die ganzen anatomischen Begriffe nicht verstehst. Also: merk dir alles Anatomie-Relevante – du merkst selbst, was für den Kurs wichtig ist.
Außerdem sollte jeder Prüfling einen Überblick über Körperoberfläche, Bewegungsapparat, Organe und Organsysteme mit Ausfällen und Erkrankungen haben. Ganz wichtig sind Skelett, Gelenke und Muskulatur der Extremitäten- und Rumpfmuskeln mit Ursprung, Ansatz und Funktion und Innervation (UAFI).
Genauere Informationen bekommst du über die interne Uni-Plattform kmed: Hier geht's zur Uni-Plattform

 

Kursziele

Ziel des Kurses ist es, Bau und Funktion des Körpers durch die Präparation einer Leiche von der Haut bis auf die Knochen zu verstehen. Dafür hat sich der Prüfling auch Kenntnisse der makroskopischen, topographischen und funktionellen Anatomie erarbeitet.

Die Histologie - liebevoll nur Histo genannt (=mikroskopische Anatomie) - wird im 2. FS in einem extra Kurs abgehandelt. Du solltest aber auch im Präpkurs wichtige histologische Kenntnisse parat haben, weil sich die Makroskopie natürlich auch aus der Mikroskopie erschließt. Besonders natürlich die Organhistologie im 3. FS, denn es ist möglich, dass du gefragt wirst, was z.B. in der Zona glomerulosa, fasciculata und reticularis der Nebennierenrinde alles produziert wird. Organhisto ist in den großen Lehrbüchern mit aufgeführt.

Parallel zum Kurs gibt es die Begleitvorlesung und ein Seminar. Das Seminar ist eine Pflichtveranstaltung, in der du mit deinen Kommilitonen Gelerntes praktisch verarbeiten sollst, indem ihr euch z.B. Lungenflügel oder Gefäße auf den Brustkorb malt oder an Modellen gegenseitig erklärt. Wenn du Gruppenarbeit nicht magst, wird das Seminar leider nicht mehr sein als eine Pflichtveranstaltung, bei der du deine Anwesenheitspflicht erfüllst. Versuche trotzdem viel mitzunehmen.

 

Anmeldung/Scheine

Für reguläre Teilnehmer ist keine Anmeldung erforderlich, Wiederholer müssen sich im Studierendensekretariat bzw. online rechtzeitig anmelden. Dafür erkundigst du dich am besten beim Dekanat/Prüfungsbüro, da die Fristen sich jedes Semester ändern.
Du kannst insgesamt dreimal am Präpkurs teilnehmen, bevor du exmatrikuliert wirst. Wenn du dich noch innerhalb einer bestimmten Frist - ca. 2 Wochen nach Beginn des Kurses - wieder abmeldest, gilt der Versuch nicht als durchgefallen, sondern als nicht teilgenommen. Somit hast du immer noch drei Versuche.
Für den Schein "Makroskopische Anatomie für HM & ZM“, den du brauchst um zum Physikum zugelassen zu werden, musst du regelmäßig teilnehmen und die vier Teilprüfungen bestehen: Extremitäten im 1. FS, Histo im 2. FS, Organe-Schädel im 3. FS, Neuro im 4. FS.

Es gilt zumeist, dass du im Verlaufe der Präpkurse pro Semester zwei Fehltermine hast. Sonst musst du die Teilnahme wiederholen. Erkundige dich frühzeitig, wie es in deinem Semester ist.
Außerdem wird vor den Prüfungen noch ein-bis zweimal pro Woche ein freies Präpen angeboten, bei dem du ohne Betreuung noch weiterarbeiten oder z.B. an der Leiche versuchen kannst, gelernte Strukturen wiederzufinden.
Alles zur Prüfungsordnung noch mal offiziell zum Nachlesen findest du hier.

Der erste Kurstag … und kommende

Jeder von uns war aufgeregt, als wir am Morgen des ersten Kurstages in den Präpsaal marschierten. Viele hatten noch nie in ihrem Leben einen Toten gesehen und wenn, dann war es vielleicht die verstorbene Großmutter, die schön hergerichtet in einem Sarg lag.
Aber nichts von alledem ist zu vergleichen mit dem, was man im Präpkurs sieht. Vielleicht klingt das schlimmer, als es ist. Aber aller Anfang ist schwer - also kein Grund zu verzweifeln. Jeder geht unterschiedlich mit dem um, was er erlebt.

Jeder Prüfling bekommt schon vor dem ersten Kurstag einen Tisch und einen Dozenten zugeteilt, bei dem er das ganze Semester lang sein wird. Die Liste hierfür hängt in der Anatomie aus und wird in kmed (siehe oben) eingestellt. Bei uns gab es 21 Tische und 13 Dozenten, die jeweils entweder ein oder zwei Tische betreuten.
Zurück zum ersten Tag: Als wir nun alle versammelt um unseren Tisch herum standen, wurde erst einmal die Präpsaalordnung durchgesprochen und jeder musste unterschreiben, dass er sie zur Kenntnis genommen hat.
Darin steht zum Beispiel, dass Bild- und Tonaufnahmen im Präpsaal verboten sind. Auch müssen die Leichenteile immer bei ihrer Leiche bleiben und dürfen nicht weggetragen werden, damit die Pietät der Verstorbenen gewahrt wird. Kittel und Handschuhe sind natürlich ebenfalls obligat.
Danach wird eine Leichenschau durchgeführt und ein Protokoll erstellt mit allem, was ihr Auffälliges findet oder eben nicht, z.B. Narben einer Port-OP, Katheter, fehlende Körperteile oder Ähnliches. In den wenigsten Fällen findet ihr jedoch die Todesursache offensichtlich äußerlich.

Es hängt schon zu Beginn eines Semesters eine Liste mit den Terminen für alle Kurstage aus, bei denen festgeschrieben ist, wie weit ihr mit der Präparation kommen solltet. An unserem Tisch war dies jedoch aufgrund der Konstitution unserer Leiche nicht immer möglich. Wir verbrachten die ersten 2 Wochen fast ausschließlich mit der Fettpräparation. Dies ist jedoch eher die Ausnahme.
Man muss sich die ersten paar Tage an den eigenen Geruch des Präpsaals und an den Anblick der Leiche gewöhnen. Durch das Fixieren in Formaldehyd ist der Körper weder rosig, noch besonders beweglich.
Aufgrund der Dämpfe sollten Schwangere aus Vorsicht nicht am Kurs teilnehmen, da man nach Angaben unserer Dozenten noch nicht genau weiß, wie sich diese auf ein ungeborenes Kind auswirken. Ansonsten gilt die Leiche als "steril", muss aber trotzdem stets mit Handschuhen angefasst werden, aus Selbstschutz und zum Schutz der Leiche vor Bakterien und anderem, durch die sie in Mitleidenschaft gezogen werden könnte.

Lerntipps    

Das 1. FS endet der Präpkurs mit dem Rumpf-Extremitäten-Testat, bei dem die komplette Muskulatur der Arme und Beine und des Rumpfes (keine inneren Organe) mit Ursprung, Ansatz und Innervation abgefragt werden. Dazu gehört auch Kenntnis über den Verlauf von Gefäßen und Nerven in selbigem Gebiet und der Prüfling muss das gesamte Skelett mit Gelenken und Bändern kennen.
Da man noch überhaupt keine Erfahrung im Anatomie-Lernen hat, fällt einem der Einstieg recht schwer. Es gibt mehrere Möglichkeiten. Du kannst erst mit Leitungsbahnen anfangen - Plexus brachialis bzw. lumbosacralis - welche im Übrigen auch sehr gerne von allen Dozenten gefragt werden.
Oder du lernst zuerst grob die Knochen und Muskeln (noch ohne genauen Ansatz und Ursprung) weil du dann die Leitungsbahnen besser verstehst. Wenn du dich dann in die Details stürzt, solltest du trotzdem noch selbst ein wenig selektieren, was dir besonders wichtig erscheint und was man sich gut merken kann.

Eine große Hilfe wird dir dein Bremser sein. Das ist ein Medizinstudent, meist aus dem 3. oder 5. FS, der euch „bremsen“ soll, Dinge durchzuschneiden, die besser heile bleiben sollten. Zum Beispiel den N. ischiadicus. Gerüchten zufolge hat den tatsächlich einer in unserem Semster „aus Versehen durchgeschnitten“. Ich frage mich immer noch wie, denn der Nerv ist für Nervenverhältnisse quasi ein Baumstamm.
Euer Bremser wird euch immer Themen aufgeben, die ihr bis zur nächsten Stunde können solltet und führt euch so durch die Anatomie. Bleibt da dran, dann türmt sich am Ende nicht so ein riesiger Berg auf.

Die Duale Reihe des Thieme Verlags ist zum Muskeln lernen super geeignet, da sie übersichtlich in Tabellenform dargestellt sind und noch mal zusätzlich alles im Text beschrieben ist.
Ich mochte es gerne etwas kompakter und habe mir dazu den PROMETHEUS vorgeknöpft. Besonders anschaulich sind die Muskeln, da die Illustrationen super gezeichnet sind und noch dazu riesengroß und detailliert.
Wenn du das kannst, was im PROMETHEUS steht, dann lässt dich kein Prof durchfallen. Wenn du dennoch etwas genauer wissen willst, kannst du es immer noch mal in der Dualen Reihe nachlesen.

Im 3. FS ist das Ende des Präpkurses das Situs-Rumpf-Kopf - Testat.

Für Kopf ist das A und O das Beherrschen der 12 Hirnnerven. Wenn du diese hoch und runter beten kannst, hast du schon halb bestanden.
Dabei musst du wieder aufpassen, dich nicht zu verästeln, sogar im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Verästelungen der Nerven und Arterien sind ganz schön kompliziert. Besonders wichtig sind hier die Durchtrittsstellen des Schädels. Dafür gibt es zwei super Seiten im Prometheus, die du dir (mindestens) ein Wochenende lang zu Gemüte führen solltet.

Für Rumpf und Situs musst du alle inneren Organe mit Lage, Funktion und Leitungsbahnen lernen. Für uns war es das Interessanteste von Allem, weil sehr viel Klinik mit drin und die internistische Medizin wohl die greifbarste ist, zumindest verglichen mit der Anatomie der Hirnnerven. Wichtig sind wie immer die Leitungsbahnen, die auch gerne gefragt werden.
Kleines Extra ist die Embryologie (Entwicklung) der Organe, die in groben Zügen auch beliebtes Prüfungsthema ist, besonders die Herzentwicklung. So fing meine Prüfung an mit den Worten:
„Sie sind mein nächstes Opfer. Erklären Sie den embryonalen Blutkreislauf und die Herzentwicklung.“
Dabei ist das aber sehr einprägsam, weil die Embryo zum Teil sogar noch an der Leiche sichtbare Spuren hinterlassen hat, z.B. als obliterierte Nabelvene (V. umbilicalis).

Das gilt aber nicht für alle, einige wollen es auch ziemlich detailliert. Am besten ihr lest euch die Erfahrungsberichte zu den einzelnen Profs durch. Wenn ihr im dritten Semester seid, wisst ihr auch, wo ihr sie findet.

 

Buch- und Lerntipps

Es sind nicht alle Bücher gleich gut. Das heißt nicht, dass ein Buch besser oder schlechter ist, sondern, dass jeder Student mit einem Buch besser oder schlechter klar kommt. Die einen lesen Kurzlehrbücher, die anderen lesen lieber den dicken Schinken mit viel Text und Verweisen. Vielen ging es so, dass sie sich nicht für ein Lehrbuch entscheiden konnten und daher nicht wussten, wo sie anfangen sollten.
Das Beste ist, du setzt dich zu Beginn des Semesters z.B. in die medizinische Buchhandlung Lehmanns oder in die Bib. Dann blätterst du in mehreren Lehrbüchern das gleiche Kapitel durch, um zu sehen, mit welchem du am besten zurecht kommst. Dieses Vorgehen lässt sich auf jedes beliebige Fach übertragen.
Beim Lernen solltest du dir bewusst sein, dass die Prüfungen des Präpkurses in Anatomie mündlich sind, d.h. aktives Wissen gefragt ist. Du musst also Fakten von alleine wiedergeben können und das möglichst in einem geordneten Zusammenhang. Wenn dich der Prüfer fragt, was du ihm zu einem bestimmten Thema erzählen kannst, solltest du dich auf keinen Fall sofort in die schwierigen Details stürzen, sondern mit einem groben Überblick beginnen - Funktion, Lage, Nachbarschaftsbeziehungen, Struktur usw.
Das hilft dir auch selbst, entspannter zu werden, wenn du zuerst über ein paar einfache, fast trivial wirkende Fakten sprichst. Zudem hast du dann immerhin schon mal was gesagt - was beim Prof auch punktet - und du hast dir selbst den Einstieg ins Gespräch geschaffen. Am besten redest du wirklich immer solange selbst, bis dich der Prof unterbricht, denn je mehr du redest, desto weniger kannst du gefragt werden!
Viele Profs unterbrechen euch in der mündlichen Prüfung bzw. Fallen euch ins Wort. Nicht verunsichern lassen! Das ist meist ein gutes Zeichen, weil der Prof gemerkt hat, dass du das Thema beherrscht und jetzt rasch zum nächsten übergeht.

Wenn du mal nicht mehr weiter weißt, scheue dich nicht, den Prof einfach zu fragen, ob er dir weiter hilft oder einen Tipp gibt. Kein Mensch verlangt, dass du jedes kleinste Detail sofort wiedergeben kannst. Lass dir auch ruhig mal ein paar Sekunden Zeit zum Überlegen und erklär dem Prof deinen Gedankenweg, damit er weiß, was du alles weißt. Es gibt z.B. Dozenten, die es nicht gerne sehen, wenn man erstmal sagt: "Das müsste das sein… nein ähm… doch das… ach nein, ich glaube das".
Bevor du dich festlegst, welchen Nerv du gerade in der Hand hast: Schau dir an, wo er herkommt oder hingeht, an welchen Strukturen er entlang läuft und welche Gefäße er kreuzt/Muskeln durchbohrt. Dann kommst du meistens von alleine auf die richtige Lösung.

Denk immer daran, der Prof will dir nichts Böses, er ist auch nur ein Mensch. Geh ruhig und ohne Angst rein, denn wer gut vorbereitet ist, wird auch nicht mit Absicht rausgeprüft. Falls du trotzdem durchfällst, hattest du einfach nur Pech. Keiner, auch nicht der übelste Streber (und den gibt es in jedem Semester) weiß alles.

Was dich super auf mündliche Prüfungen vorbereitet sind die Medilearn-Skripte . Diese sind von vielen erfahrenen Leuten geschrieben, die sich extrem gut mit Prüfungen aller Art bis zum Hammerexamen auskennen. In den Skripten wird speziell auf die Inhalte hingewiesen, die gerne gefragt werden. Neuerdings gibt es auch die smartmedix Karten, die super zum gegenseitigen Abfragen und Prüfungssimulation sind.

Um eine mündliche Prüfungssituation schon im Voraus nachzustellen, hilft gegenseitiges Abfragen, denn Lernen heißt nicht nur Lesen und Hören, sondern auch darüber Sprechen. Siehe Lernntipps. Danach sitzt alles noch viel besser als vorher!
Und bevor ich es vergesse: Im Präpkurs immer gut zuhören, was der Prof sagt, weil jeder Prof in der Prüfung gerne merkt, dass du ihm zugehört hast und Gesagtes dann auch noch wiedergeben kannst.
Jetzt kann fast nichts mehr schief gehen mit dem Präpkurs, außer du genießt das Marburger Nachtleben zu ausgiebig. Wobei es sich auch gut nach folgendem Motto leben lässt: "Wer viel lernt, kann auch viel feiern".

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