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  • Thang Le
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  • 27.04.2020

Carcinom, icterus, synovia – ist ein Latinum notwendig für das Medizinstudium?

Wer als kleines Kind schon davon träumt, eines Tages im weißen Kittel und mit Stethoskop gewappnet Patienten zu behandeln, der sollte während seiner Schulzeit am besten Latein als Fremdsprache wählen – oder? In diesem Artikel erfahrt ihr, inwiefern ein Latinum für das Medizinstudium relevant ist.

 

Während der vorklinischen Semester sind Lateinkenntnisse in erster Linie allein für das Fach medizinische Terminologie von Bedeutung. Grundlegendes Ziel dieser Veranstaltung ist es, den Medizinstudierenden als angehende Ärzte bestmöglich auf den sicheren Umgang mit medizinischer Fachsprache vorzubereiten, sodass diese im beruflichen Alltag möglichst fehlerfrei erfasst und anschließend weiteregegeben werden kann. Das Verwenden lateinischer, international anerkannter und einheitlicher Ausdrücke kann Kommunikationsschwierigkeiten entgegenwirken, beispielsweise beim Verfassen von Arztbriefen oder der Publikation wissenschaftlicher Forschungsarbeiten. Nicht zuletzt zeugen fundamentale Kenntnisse und der korrekte Gebrauch medizinischer Fachsprache von der wissenschaftlichen Qualität der ärztlichen Ausbildung.


Die medizinische Terminologie, unmittelbar geprägt von griechisch-lateinischer Zweisprachigkeit, besteht aus Hunderttausenden von Fachausdrücken in den verschiedensten Variationen – zu viele als dass sich die allseits bekannte Methode des Auswendiglernens auch nur ansatzweise bewähren könnte. Aus diesem Grund ist der Lehrplan darauf ausgerichtet, die Studenten mit der logischen Systematik hinter der medizinischen Wortbildung vertraut zu machen: Das Erlernen grundlegender lateinischer Sprachregeln ermöglicht eine effizientere Art, Meister der medizinischen Fachsprache zu werden. So kann das Zerlegen eines Grundterminus in seine einzelnen Sprachbestandteile und das anschließende Zusammensetzen und Identifizieren verschiedener Wortelemente dabei helfen, auf Sinn und Bedeutung des vermeintlich unbekannten Gesamtbegriffs zu schließen.
Das alles mag in diesem Moment komplex und herausfordernd klingen, ist es in Wirklichkeit aber gar nicht. Genau genommen lehrt die medizinische Terminologie lediglich basale Grundkenntnisse der lateinischen Grammatik: Inhalte, mit denen sich auch die Fünftklässler am Gymnasium herumschlagen müssen. Angefangen mit den drei Hauptwortarten der medizinischen Fachsprache – Substantive, Adjektive und Numeralia – bleibt das Niveau des Lateinischen, das ihr euch für dieses Fach aneignen müsst, auch ungefähr auf diesem Level. Denn so groß und verwirrend die Grammatik hinter der toten Sprache zu sein scheint, als Medizinstudent werden die Inhalte auf diejenigen Regeln und Vokabeln reduziert, die letztlich relevant für die medizinische Fachsprache sind.


Letzten Endes besteht das Fach der medizinischen Terminologie also darin, die grundlegendsten Grammatikinhalte des Lateinischen kennenzulernen sowie einen Pool an den wichtigsten Vokabeln der Medizin einfach auswendig zu lernen. Das Latinum ist für diese Veranstaltung kein vorausgesetztes Absolutum. Im Gegenteil. In Marburg werden die Kurse am Anfang des Semesters beispielsweise sogar explizit nach Lateinkenntnissen aufgeteilt. Dies habe allerdings lediglich einen pädagogischen Grund, da alle Kurse ausnahmslos die gleichen Inhalte bearbeiten – die Gruppe der Nicht-Lateiner soll sich auf diese Weise nicht aktiv mit den Lateinern vergleichen und von deren Vorkenntnissen eingeschüchtert werden.
Wer sich während seiner Schulzeit also lieber mit Französisch, Spanisch oder irgendeiner anderen Fremdsprache beschäftigt hat als mit Latein, hat sich definitiv nicht den Weg zum Arztsein verbaut. Ein Latinum garantiert weder Zugang zum noch Erfolg im Medizinstudium.


Auf der anderen Seite bedeuten Lateinvorkenntnisse wesentliche Vorteile im Verstehen und Anwenden medizinisch-terminologischer Inhalte. Wer sich nicht mehr mit banalen Deklinationsformen und Adjektivsteigerungen aufhalten muss, hat mehr Zeit, um Vokabeln zu lernen. Trotz großzügiger Reduktion des zu lernenden Gesamtvokabulars auf die wesentlichen Grundwörter, handelt es sich hierbei dennoch um Hunderte Vokabeln, die schon sehnsüchtig darauf warten, auswendig gelernt zu werden – mitsamt  Übersetzung, Geschlecht und Deklination.


Kurzum: Ein Latinum ist auf alle Fälle hilfreich und von großem Vorteil, aber nicht zwingend für das Medizinstudium notwendig. Schlussendlich bleibt alles eine Frage des beliebten Fleißes, den ihr an den Tag legt. Und wer sich mit der toten Sprache von Grund auf einfach nicht anfreunden kann, der darf getrost beruhigt sein: In der Regel muss man sich in den vielen Jahren des Gesamtstudiums in nur einem einzigen Semester der Vorklinik damit herumschlagen.
Valete – auf Wiedersehen!

 

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