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  • Thang Le
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  • 27.04.2020

Ein Rückblick: Das erste Semester in Marburg

Nicht zu glauben, wie schnell die Zeit neben zahlreichen Vorlesungen, Seminaren und Praktika verfliegt. Gestern hieß es noch Zulassung, Immatrikulation und Wohnungssuche. Heute geht es bereits in die lang ersehnten Semesterferien. Denn: Das erste Semester ist geschafft! Was euch während des Semesters in Marburg alles erwartet und ob die ersten Klausuren des Studiums zu schaffen sind, erfahrt ihr in diesem Bericht.

Der Aufbau des ersten vorklinischen Semesters in Marburg sollte keine große Überraschung sein, da die typischen Fächer der Vorklinik bereits sehnsüchtig auf euch warten. Neben den drei großen Naturwissenschaften (Biologie, Chemie und Physik) werdet ihr die einen oder anderen Wochentage mit Anatomie, Berufsfelderkundung, Soziologie und Terminologie verbringen dürfen.
Bezüglich der drei Naturwissenschaften spalten sich die Meinungen. Während ein beachtlicher Teil des Semesters frisch vom Abitur (oder der allseits bekannten, individuellen Selbstfindungsreise im Ausland) kommt und im besten Falle mit fundamentalem naturwissenschaftlichen Grundwissen bestens auf die kommenden Veranstaltungen gewappnet sind, steigt die Sorge jener, zu denen auch ich gehöre, deren Schulzeit bereits ein paar Jahre her ist, umso mehr. Doch spätestens als bekannt gegeben wird, dass jeder dritte Samstag ganz im Zeichen der Chemie steht – denn dann heißt es trotz Wochenende rein in den Kittel und ab ins Labor statt ausschlafen und erholen – sind alle im Semester einer Meinung. In den Vorlesungen, Seminaren und Praktika werden einem Fachbegriffe und Themenkomplexe an den Kopf geworfen, bei denen selbst die für gewöhnlich lebensrettende Internetrecherche für mehr Fragezeichen sorgt als dass sie konkrete, hilfreiche Antworten liefert. Aber bloß keine Sorge: Alle Professoren, Betreuer und Tutoren sind den Medizinstudenten recht gut und vor allem gütig gesinnt. Selbst ohne jegliches Vorwissen in biologischen, chemischen oder physikalischen Sachverhalten werdet ihr euch im Laufe des Semesters ein solides Grundverständnis aufbauen, mit dem ihr euch durch die Klausuren boxt. Wer sein Augenmerk vor allem auf diejenigen Themen legt, von denen der Professor vielleicht auch schon zum fünften Mal spricht, sich mehr oder weniger gut auf die jeweiligen Pflichtpraktika vorbereitet und fleißig die Protokolle nacharbeitet, sollte hier keine Probleme bekommen.


Sowohl Berufsfelderkundung als auch Soziologie treten jeweils in Form mehrerer Einzeltermine auf, die unregelmäßig im Semester verteilt liegen. Die Berufsfelderkundung stellt eine leicht zu überwindende Hürde und keinesfalls eine intellektuelle Herausforderung dar, denn hierbei handelt es sich um ein reines Anwesenheitsfach (was im Übrigen aber nicht bedeutet, dass es weniger interessant und relevant ist als andere Fächer). Den für das Physikum benötigte Testatschein erhaltet ihr allein durch eure Anwesenheit in den Sitzungen. Der Fachbereich der Allgemeinmedizin stellt euch im Rahmen dieser Sitzungen vor, wie das Medizinstudium in Marburg konkret aufgebaut ist und inwiefern ihr trotz des relativ verschulten Studienaufbaus eigene individuelle Gestaltungsmöglichkeiten einbringen könnt (Wahlpflichtfächer, Schwerpunktcurriculum, Auslandsaufenthalt…). Darüber hinaus wird vermittelt, wie eine ärztliche Berufslaufbahn in Zukunft aussehen kann, welche Fachbereiche sich hinter der Medizin eigentlich noch verbergen und was für Tätigkeitsbereiche einem nach Abschluss des Studiums offenstehen.


Auch wenn die Soziologie euren Stundenplan im Gegensatz zur Berufsfelderkundung noch mit Vorlesungen und Seminaren füllt, könnt ihr euch auch hier entspannt zurücklehnen, denn die Abschlussklausur findet erst im zweiten Semester statt. Grundlegend werden die komplexen Wechselwirkungen zwischen Krankheiten und der Gesellschaft besprochen und deren gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen auf den Einzelnen und/oder Strukturen und Organisationen. Spart jedoch hier an wertvoller Zeit, denn diese werdet ihr für Anatomie benötigen!


Vokabeln, Vokabeln, Vokabeln. Andere Worte lassen sich paradoxerweise für die Terminologie nicht finden, denn hier werdet ihr zu Anfang des Semesters eine übergroße Liste an Vokabeln bekommen, die ihr bis zum Ende des Semesters beherrschen solltet. Es lohnt sich, früh anzufangen und nebenbei immer mal wieder etwas zu verinnerlichen, erfahrungsgemäß funktioniert aber auch Lernen auf dem letzten Drücker. Ansonsten werden hier wirklich nur die grundlegendsten Grammatikkenntnisse des Lateinischen gefordert. Die Terminologie wird euch im ersten Semester definitiv keine Steine in den Weg legen.


Das seit zwei Jahren etablierte, berühmtberüchtigte Aushängeschild des ersten Semesters ist allerdings die makroskopische Anatomie, sprich der Präparierkurs mit Begleitvorlesungen und Seminaren. Im Gegensatz zu den meisten anderen medizinischen Fakultäten in Deutschland wird Anatomie in Marburg nicht in einem Semester abgehandelt, sondern insgesamt in drei Teile gegliedert: Im ersten Semester werden die Extremitäten, im dritten Semester Kopf, Hals und Rumpf und im vierten Semester Neuroanatomie gelehrt. Der Hauptfokus während der Klausurvorbereitung im ersten Semester sollte also definitiv auf der Anatomie liegen – riesige Brocken an anatomischen Stoff warten schon darauf, stumpf und stupide auswendig gelernt zu werden. Die größte Hürde, die es an dieser Stelle zu überwinden gilt, war für mich persönlich das Finden einer geeigneten Lernstrategie. Karteikarten, Gedankenpaläste, Fließtexte. Sobald man sich für eine konkrete Herangehensweise entschieden hat und loslegt, wird das Auswendiglernen effizienter, denn: Übung macht den Meister. Am Ende des Semesters erwarten euch zwei Abschlussklausuren, eine schriftliche à la Multiple Choice am Computer sowie eine mündliche Prüfung an einem Körperspender. Für die mündliche Prüfung ist es besonders ratsam, eurem Tischdozenten schon während des Semesters beim Präparieren ganz genau zuzuhören und sich ggf. bereits im Präpariersaal Notizen mitzuschreiben! Denn im Gegensatz zur schriftlichen Klausur entscheidet allein euer Tischdozent, was während der mündlichen Prüfung abgefragt wird – also alles eine Frage der gezielten Vorbereitung.


Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass das erste Semester der Vorklinik trotz anfänglicher Zweifel machbar ist. Das erste Semester steht ganz im Zeichen des Ausprobierens, findet eure eigene Art und Weise zu lernen, geht auch nur zu Veranstaltungen, die euch persönlich von Nutzen sind und genießt vor allem die viele Freizeit, welche dem ersten Semester noch gegönnt wird. Schnuppert beim Hochschulsport rein und feiert ausgiebig mit euren Freunden, denn wie ein Professor einst zu uns (auf humorvolle Art) meinte: Im ersten Semester denkt man, es sei viel Stoff zu lernen. Im zweiten Semester lache man ausgiebig über das erste. Und im dritten Semester sei man einfach nur noch verzweifelt. In diesem Sinne freue ich mich schon darauf, was das zweite Semester für mich parat hält.

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