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  • Martin Duru
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  • 08.03.2012

Das Museum Anatomicum

Das Anatomicum ist eine der größten und schönsten anatomischen Ausstellungen Deutschlands mit über 3000 Exponaten. Das Museum ist ein wahres Kleinod für Mediziner, Medizinstudierende und Medizin-Interessierte.

Anton - Foto: M. Duru

 

Entstehung des Museums

Die Präparate sind aus verschiedenen Städten nach Marburg gelangt: Durch die Schließung der Universität von Kassel wurde 1786 die dortige Anatomie der Marburger Fakultät zugewiesen. Ein Teil der Präparatesammlung aus dem Theatrum Anatomicum Carolinum wurde nach Marburg verlegt. Als die Anatomen Ernst Bartels und Christian Heinrich Bünger 1810 von Helmstedt nach Marburg berufen wurden, brachten sie ihre eigenen Sammlungen mit an die Philipps-Universität.

 

Die Sammlung Bünger

Heinrich Bünger - Foto: M. Duru

Heinrich Bünger wurde Direktor der Marburger Anatomie. Als begeisterter Lehrer, Anatom und Chirurg revolutionierte er die didaktische Ausbildung der Jungmediziner: Er fertigte mit unglaublicher Präzision u.a. Injektions- und Trockenpräparate des menschlichen und tierischen Gefäßsystems an. In der Ausstellung ist der Büngerkopf zu sehen, der Kopf eines Mannes, bei dem die Gesichts-, Hals- und Brustgefäße mit Wachs-Harz-Injektionen dargestellt wurden. Die detailgetreue Präparation ist eindrucksvoll.

Anschauungsobjekte für Studenten

Der Marburger Anatomie-Professor Gerhard Aumüller verwendet in den Anatomie-Vorlesungen auch heute noch Exponate aus der Sammlung.

 

Die Ausstellung

Siamesische Zwillinge - Foto: M. Duru

 

 

In fünf Räumen sind die unterschiedlichsten Präparate zu bestaunen. Im Frühjahr dieses Jahres wurde eine Geburtsmedizinische Dauerausstellung eröffnet. Sie besticht neben ihrer Instrumentenvielfalt durch Präparate zur Entwicklung des menschlichen Embryos und ist als Ausstellung zur Wissenschaftsgeschichte zu verstehen.

Diese grosse Vielfalt dürfte in Deutschland einmalig sein.

 

Der "Lange Anton"

Der sog. Lange Anton mit einer "lichten Höhe" von 2,44 Meter gilt als eine der Attraktionen. Ein Adenom der Hypophyse produzierte Wachstumshormone, wodurch es zu diesem Riesenwuchs kam. Die Besucher sehen an seinem Schädel die erheblichen Erweiterungen an der Sella Turcica, die das Adenom verursachte. An dem 350 Jahre alten Skelett des Langen Anton sind Arthrosezeichen und osteoporotische Veränderungen zu sehen.

 

Das "Marburger Lenchen"

Besonders eindrucksvoll ist das Totalpräparat des "Marburger Lenchen". Über die näheren Hintergründe ihrer Geschichte wird in einem Roman des Marburger Schriftstellers Walter Bloem berichtet. Dieser Roman "Der krasse Fuchs", der das Marburger Studentenleben um 1900 beschreibt, erzählt die Geschichte der Lene Tritop: Das Dienstmädchen Lene wird von einem Medizinstudenten geschwängert. Der junge Mann verläßt Lene Tritop jedoch aufgrund der Standesunterschiede. In ihrer Verzweiflung stürzt sich die hochschwangere Frau bei Einsetzen der Geburtswehen in die Lahn. Ihre Familie möchte die Selbstmörderin nicht beerdigen und vermacht ihren Körper der Anatomie.
In zwei Glasbehältern sind zwei Sagittalschnitte der hochschwangeren Frau zu sehen: Mit und ohne Fötus im Geburtskanal.

 

Schädelsammlungen

Das Museum beherbergt zudem eine der wenigen erhaltenen Rassen-Schädelsammlungen.
Die über 50 Schädel dienten zum Studium der Phrenologielehre nach Franz Joseph Gall. Er untersuchte die Variationsbreite des menschlichen Schädels und behauptete durch Betrachtung der äußeren Schädelgestalt den Charakter, die Begabung und die intellektuellen Fähigkeiten bestimmen zu können.
Bünger´s Nachfolger Fick befasste sich Mitte des 19 Jh. mit der Evolution des Menschen und der Ausbildung der Menschenrassen.

 

Ein Ausschnitt aus der Schädelsammlung - Foto: M. Duru

 

Neben einer Gruppe von Javanern, Malaien und Polynesiern befinden sich Schädel von Chinesen und Afrikanern, Sardiniern, Russen und Eskimos in der Sammlung.
Es war ein Irrtum der Kraniologen des 19. Jahrhunderts zu glauben, man könne ausschließlich an Hand von Schädelmaßen eine Bestimmung der Rassenzugehörigkeit vornehmen.

Den "typischen" Malayen oder Chinesen, der in das Schema der Rassensystematik paßt, gibt es nur in den seltensten Fällen und er kann nicht an Hand seiner Schädelform definiert werden. Durch Typisierung und starre Systematik definierte man "reine" Rassen, dabei hatte man ein übersichtliches, aber künstliches System geschaffen. Die Wissenschaftler unterschieden nicht genügend zwischen den Begriffen "Rasse" im wissenschaftlich-biologischen Sinne und "Volk" im Sinne von Angehörigen eines Kulturkreises, so daß es zu einer Begriffsverwirrung kam.
An den Schädeln konnten die typischen Merkmale und anatomischen Gegebenheiten wie Brachycephalie bei den Javanerschädeln, Prognathie und Dolichocephalie bei Chinesen oder Bantu-Negern studiert werden.
80 Jahre später ordnete der damalige Anatom Jacobshagen diese Schädelsammlung angelehnt an die NS-Rassenideologie ein.

Die Kraniometrie (Schädelvermessung) wird heute noch in der Gerichtsmedizin und in der Paläanthropologie bei der Beurteilung von fossilen menschlichen Schädeln angewendet.

Im einem weiteren Raum ist die fetale Schädel- und Zahnentwicklung eindrucksvoll dargestellt.
Totenmasken mit den dazu passenden dekapitierten Schädeln dienten Wissenschaftler um 1860. Sie suchten im äußeren Erscheinungsbild und in der Schädelform nach Charakteristika von Verbrechern.

 

Tierexponate

Diverse Tierexponate vergleichen die anatomischen Unterschiede und Parallelen zwischen Mensch und Tier. Neben exotischen Tieren, die als "Reiseandenken" von Expeditionen mitgebracht wurden, befinden sich auch einige einheimische Präparate aus dem damaligen Kasseler Zoologischen Garten in der Marburger Sammlung.

 

Knochenpathologie

Ebenfalls sehenswert sind Exponate der Knochenpathologie mit verknöcherten Tumoren und Schädeldeformationen bei Syphilis und nach traumatischen Stürzen. Erwähnenswert sind außerdem die sog. Claudius-Sammlung mit unzähligen Innenohr-Ausgüssen und ein Skelett in gebeugter Haltung mit starker Kyphose. Im "Bünger-Zimmer" sind Injektions- und Korrosionsexponate als historisches Naturalienkabinett ausgestellt. Achondrodysplasien, Skoliosen und einen rachitischen Rosenkranz bekommt man hier ebenfalls aus nächster Nähe zu sehen.

 

Missbildungen

 

Siamesische Zwillinge - Foto: M. Duru

 

In einem weiteren Zimmer sind Missbildungen bei Menschen und Tieren zu sehen. Den Betrachter verwundert es nicht, dass die antiken Griechen an die Existenz von Sirenen, Zyklopen und zweiköpfigen Ungeheuern glaubten.

Die Leichenbeschaffung damals

Die Exponate stammen zum großen Teil von Verstorbenen aus den Landeshospitälern, den "Irrenanstalten" und Waisenhäusern der Umgebung, die keine Angehörigen hatten, sowie von hingerichteten Kriminellen. In den seltensten Fällen stimmten die Betroffen damals der Überführung ihrer Körper in die Anatomie zu. Aber auch Mediziner vermachten ihren Leichnam der Anatomie. So befinden sich das präparierte Herz und der Schädel von Bünger, dem Begründer der anatomischen Sammlung, an einem Ehrenplatz im Anatomischen Institut.

Die Sammlung wurde ab etwa 1920 nicht weitergeführt. Neue Präparate werden nicht aufgenommen, da man sich anderen Forschungsbereichen wie der Histologie und Zellbiologie zuwendete.

Die Leichenbeschaffung heute

Personen, die heute ihren Körper nach dem Tode der Wissenschaft zur Verfügung stellen wollen, müssen dies bereits zu Lebzeiten schriftlich beim Anatomischen Institut verfügen. Ihre Leichname werden nicht im Museum ausgestellt, sondern dienen den Medizinstudierenden im Präparierkurs zum Erlernen der detailgetreuen Anatomie.

Allgemeine Informationen, Öffnungszeiten

Die Ausstellung ist lediglich 2 Stunden im Monat geöffnet. Der "Publikumsverkehr" ist nur durch das ehrenamtliche Engagement von Studenten der Humanmedizin und Humanbiologie möglich, die Führungen auch außerhalb der Öffnungszeit anbieten. "Das Museum trägt sich aus den Eintrittsgeldern. Ohne die studentischen Aktivitäten müssten wir das Museum schließen, obwohl das Interesse der Öffentlichkeit sehr groß ist", berichtet Frau Dr. Grundmann, die das Anatomische Museum betreut.

Lage

Die Anatomie ist nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt, so dass der Besuch der Medizinhistorischen Sammlung sich sehr gut mit der Besichtigung der Elisabethkirche (erste reingothische Kirche Deutschlands), der reizvollen, historischen Oberstadt Marburgs oder dem idyllischen Stadtteil Weidenhausen verbinden lässt.

Öffnungszeiten

Jeden ersten Samstag im Monat zwischen 10.00 und 12.00 Uhr.

Adresse

Anatomisch-Medizinhistorische Sammlung
Anatomisches Institut
Robert-Koch-Str. 6
Dachgeschoss
Marburg

Museum anatomicum

Gruppenführungen

Ab 10 Personen können Gruppenführungen angemeldet werden:

Anmeldung über:
Sekretariat der Emil-von-Behring-Bibliothek für Geschichte und Ethik der Medizin
Bahnhofstr. 7
35037 Marburg
Tel. 06421-28-67088 oder 06421-28-67011

Dr. Kornelia Grundmann

grundman@staff.uni-marburg.de

Fr. Jeske

jeskea@staff.uni-marburg.de

Emil-von-Behring-Bibliothek für Geschichte und Ethik der Medizin

Eintrittspreise

Der Unkostenbeitrag beträgt € 2.- pro Person.

Museumsführer

Für alle Besucher gibt es einen neuen Führer durch das Museum. Der Band ist im Marburger Rathausverlag in der Reihe "Stadtschriften zur Geschichte und Kultur" als Band 98 erschienen. Er umfasst 168 Seiten, ist durchgehend farbig bebildert und enthält neben den Fotos zahlreicher Ausstellungsgegenstände vom berühmten Langen Anton bis zum Marburger Lenchen Aufsätze zur Geburtshilfe in Marburg, zu Geburtszangen und anderen gynäkologischen Instrumenten, zur Geschichte der Anatomie im Allgemeinen und zur Entwicklung der Embryologie und Fehlbildungslehre.

Ein ausführlicher "Rundgang durch die Sammlung", der die Trocken- und Feuchtpräparate, die Gemälde und Zeichnungen, die Wachsmodelle für den anatomischen Unterricht und vieles mehr vorstellt, trägt dazu bei, sich während des Aufenthalts zu orientieren. Für Interessierte hier die ISBN: 978-3-923820-98-6, der Führer kostet 10,50 Euro.


Der Autor Martin Duru studiert Medizin in Marburg und führte mehrere Semester lang Gruppen durch das Museum Anatomicum.

 

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