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  • Sarah Gruninger
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  • 25.09.2018

Der Endgegner der Vorklinik: das Physikum

Das Physikum kam schneller und war aber auch schneller vorbei als ich gucken konnte. Wie ich die Zeit überlebte und trotz Freizeit das 1. Stex bestand.

1. Die Vorbereitung

„Wie bereite ich mich am besten auf das Physikum vor?“ Diese Frage trieb mich genau 39 Tage vor dem  schriftlichen Physikum um. Das erste was ich machte war, mir 3 Tage frei zu nehmen. Dies war mit Abstand die wichtigste Maßnahme in der ganzen Vorbereitung, die sich wirklich ausgezahlt hat. Irgendwann musste ich aber schließlich auch anfangen und so klickte ich mich durchs Internet auf der Suche nach einer Lernstrategie. Amboss oder Thieme, das ist die große Frage, die am Anfang des 30- Tage- Lernplans steht. Während Amboss den Stoff themenbasiert abarbeitet, konzentriert sich Thieme auf die Wiederholung von Fächern an einem Stück. Ich konnte beidem etwas abgewinnen und entschied mich daher, meinen eigenen Lernplan zu entwerfen. Das stieß bei meinen Freunden auf Erstaunen: wie könne ich denn sicher sein, dass ich am Ende alles gelernt habe? Ich hatte mir zu Beginn des 4. Semesters die Endspurt Hefte von Thieme gekauft und arbeitete diese anhand der Online-Lernpläne durch. Sobald ich die Hefte zu einem Fach durchgearbeitet hatte, konnte ich davon ausgehen die wichtigsten, prüfungsrelevanten Themen gelesen zu haben. Mein Plan sah vor, dass ich die erste Woche die „kleinen“ Fächer lernen wollte. Genau diese Fächer waren bei mir auch schon am meisten in Vergessenheit geraten: Physik, Chemie und Biologie. Dann widmete ich mich eine Woche lang der Anatomie. In den letzten zwei Wochen wollte ich wie Amboss die Themen inhaltlich abarbeiten. So lernte ich zum Beispiel an einem Tag die relevanten Themen über die Niere, ich wiederholte die Anatomie und lernte die Histologie, Physiologie und Biochemie des Organs.
Zum Schluss machte ich mir noch Gedanken, wo ich lernen wollte. Da ich auch unter dem Semester nicht in der Bibliothek gelernt hatte, fiel diese Option schon einmal raus und ich entschied mich, nach Hause zu fahren, um ein wenig Abstand von Marburg zu bekommen.

 

2. Die Ausführung

Am ersten Tag des Lernplans war ich ein wenig aufgeregt. Alles was ich nun las, musste wieder in meinen Kopf. Es war eine Herausforderung für mich nur zu lesen, weil ich davor immer Zusammenfassungen geschrieben hatte. Aber schließlich existierten diese schon und ich wiederholte nur. Also fügte ich hier und dort nur Ergänzungen hinzu. Schnell merkte ich aber auch, dass das IMPP teilweise andere Schwerpunkte legte, als es in unseren Seminaren der Fall war. Von allen Fächern hatte ich in Biochemie das Gefühl am besten vorbereitet worden zu sein. In Psychologie zum Beispiel schienen mir viele Aspekte neu. Auch die Chemie und Physikfragen unterschieden sich sehr von den Papier-Klausuren aus den ersten zwei Semestern. Viele meiner Kommilitonen entschieden sich, vor allem Physik wegzulassen. Es klingt radikal, aber man muss abwägen, wieviel Zeit einem das eben wert ist. Um das Fach richtig zu verstehen, braucht man halt mehr als 2 Tage. Aber mehr als 2 Tage für Physik sind in 30 Tagen nicht drin. Ich glaube, ihr versteht die Situation. Der ganze Lernplan war ein Balanceakt zwischen Wiederholen und möglichst schnell viele neue Fakten auswendig lernen.

Ein typischer Tag meines 30-Tage-Lernplans sah wie folgt aus:
Gegen 7:30 Uhr stand ich auf und setze mich sofort an den Schreibtisch. Ich habe schon von den Lernphasen während des Semesters gemerkt, dass ich viel Zeit beim Frühstücken verlieren kann und so funktioniert es bei mir besser, schon vor dem Frühstück ein oder zwei Stunden zu lernen und in die erste Pause ein Frühstück einzubauen. Das war meistens gegen 10 Uhr.
Wenn alles super lief und ich gut durchkam, schaffte ich es bis zum Mittagessen gehen halb 2, die Themen des Tages zu wiederholen. Sodass ich dann nach einer etwas längeren Mittagspause das Gelernte vom Tag zuvor kreuzen konnte. Dabei handelte es sich meist um die 100-200 Fragen. Beim Kreuzen nahm ich mir viel Zeit, um die Fragen nicht nur richtig zu beantworten sondern auch zu verstehen, wieso die anderen Antwortmöglichkeiten falsch waren. Merkte ich, dass ich Lücken hatte, notierte ich dies auf einer Liste mit Themen, die ich beizeiten nochmals wiederholen musste. Man kann aber auch den Umstand nicht leugnen, dass es in 30 Tagen nicht möglich ist ALLES und jeden Fun-Fact zu lernen. Ich habe ein wenig Zeit gebraucht, um zu realisieren, dass man eben nicht alles wissen kann! Dieser Gedanke hat den Druck ein wenig von mir genommen.
Spätestens gegen halb 8 Uhr abends klappte ich alle Bücher zu und genoss die sommerlichen Abende: ich traf Freunde, fuhr an den See, machte Sport oder entspannte einfach. Anfangs hatte ich dabei ein schlechtes Gewissen und wollte lieber bis in die Nacht lernen. Aber durch den Lernplan hatte ich abends wirklich das Gefühl, dass ich „fertig“ war. Ich arbeitete deshalb auch effektiver, weil ich eben bis zu meiner Verabredung alles schaffen wollte. Ich hatte einfach keine Zeit für Prokrastination. Anders ging es mir zum Beispiel in der Prüfungsphase des vierten Semesters: ich konnte nie fertig sein und lernte teils bis in die Nacht.
Rückblickend waren meine geregelten Tagesabläufe mit Sicherheit mein Erfolgsgeheimnis. Ich glaube nicht, dass es mir noch so gut gehen würde, hätte ich mich nicht an diese Pausen gehalten. Ich hatte während der 30 Tage mehr Freizeit, als je in einer Klausurenphase im Semester. An einem Tag war ich zum Beispiel auch auf einem Ed Sheeran Konzert. Ich änderte meinen Lernplan ein wenig, verteilte mehr Stoff auf die Tage davor und danach, stand an dem Tag sehr früh auf und so erlebte ich einen super Tag mit meinen Freunden auf dem Konzert. Irgendwie hatte ich so trotzdem etwas von dem Sommer, den viele meiner Freunde aufgegeben haben.

Ende Juli, ich war gerade zwei Wochen im Plan, erhielten wir die Prüfungstermine für die mündliche Prüfung. Das war ein Schock! Ich hatte nicht nur anspruchsvolle Prüfer zugelost bekommen, sondern auch noch einen der ersten Termine erhalten. Sechs Tage blieben mir zwischen der schriftlichen und mündlichen Prüfung. Meine Familie und Freunde zu Hause verstanden das Problem nicht: „Lernst du nicht sowieso alles für die schriftliche?“ „Schon“, antwortete ich, „aber ist es eben doch etwas anderes eine Frage mit fünf Antwortmöglichkeiten zu beantworten oder einen Monolog über ein histologisches Präparat oder einen physiologischen Zusammenhang zu halten.“ Den ersten Schock überwunden, erstellte ich mit meiner Prüfungsgruppe einen „Master-Plan“. Kurzer Hand entschied ich mich nach Marburg zurückzukehren, um jeden zweiten Tag abends (in meiner eigentlich schön frei geplanten Zeit) die wichtigsten Themen schon einmal durchzusprechen. Das führte natürlich zu einem relativ straffen Zeitplan. Aber es hatte auch etwas Gutes: mir hilft es ungemein, wenn ich über Themen rede. Und so festigten sich die Inhalte in Biochemie, Physiologie und Anatomie noch mehr.

Alles in allem war ich sehr zufrieden mit meinem Lernplan. Am Ende war ich sogar zwei Tage früher fertig als geplant. Das lag daran, dass ich während des Semesters als Hilfskraft in der Histologie gearbeitet hatte und so merkte, dass ich die Tage nicht brauchte.
So blieben mir am Ende fünf Tage, um schriftlich Generalproben durchzuführen. Das war noch einmal eine ganz andere Nummer. Davor hatten wir zwar auch gekreuzt, aber immer sofort vom Programm eine Rückmeldung bekommen. Oft stempelte ich eine Frage, deren Antwort ich nicht genau wusste in meinem Kopf als falsch ab, obwohl sie im Endeffekt richtig von mir beantwortet war. Das führte dazu, dass ich mich schlechter einschätze, als mein Ergebnis ausfiel. Ich habe noch nie so exzessiv gekreuzt wie in den letzten Tagen vor dem schriftlichen Physikum. Das führte auch dazu, dass die 160 Fragen pro Prüfungstag fast wenig erschienen.

 

3. Der Tag der Entscheidung

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen den Tag vor der schriftlichen zu chillen, aber so entspannt war ich dann doch nicht. Es gab noch Themen hier und da, die ich mir anschauen wollte und so klappte ich erst um fünf Uhr abends meine Bücher zu. Was für ein Gefühl! Irgendwer hat mal zu mir gesagt, dass man zur Zeit des Physikums den höchsten Wissenstand des ganzen Studiums haben würde. Mein Kopf fühlte sich auf jeden Fall sehr voll an. Aber ich fragte mich auch, ob es denn reichen würde. Fielen mir auch die richtigen Fakten ein? Hätte ich mehr machen müssen? Für den Abend schob ich diese Gedanken beiseite und aß an der Lahn zu Abend mit einer Freundin. Auf einmal kam ich runter und wusste, dass das, was passieren würde, einfach passieren wird. Ich konnte abends auch erstaunlich gut einschlafen.


Und zack war das Physikum auch schon rum. Genau so haben sich diese zwei Tage des schriftlichen angefühlt. Wie ein Traum sind die vier Stunden täglich in der Stadthalle vorbeigeflogen und ich erinnere mich an kein einziges Kreuz mehr. Ich hab einfach meine Oropax reingemacht und losgekreuzt. Dabei empfand ich die Fragen vom Niveau angenehm, aber die Anspannung und der Zeitdruck vor allem am ersten Tag lassen sich nicht leugnen. Nach dem ersten Tag fiel ich ins Bett und schlief erstmal eine Runde. Ein wenig Psychologie musste ich mir noch anschauen, aber auch an dem Abend ging ich sehr früh ins Bett und stand kurze Zeit später immerhin ausgeschlafen wieder in der Stadthalle. Und dann war das schriftliche Physikum vorbei.

 

4. Die schlimmsten Tage meines Lebens

Nach dem schriftlichen Physikum ging es für mich und meine beiden Mitstreiter der mündlichen Prüfung dann erst richtig los. Die nächsten sechs Tage waren hart. Von morgens bis abends besprachen wir vor allem die Themen, auf die die Prüfer schon im Vorhinein in Seminaren oder mündlichen Prüfungen viel wert gelegt hatten.Wir lernten im Lernzentrum (LUTZ in Marburg - sehr empfehlenswert, weil da alle Anatomie-Modelle und Histologie-Präparate stehen), an Mikroskopen, Modellen, bei meinen Freunden in der Wohnung, auf meinem Balkon, im Park oder in der Eisdiele. Es blieb keine Zeit für Sport oder ausgleichende Aktivitäten und um halb acht Uhr abends wurden die Bücher noch lange nicht zugeklappt. Erst in dieser Zeit ging ich wirklich an meine Grenzen. Ich hatte zu wenig Schlaf und irgendwann war meine Motivation auf dem Tiefpunkt angelangt. Mehr als einmal saßen wir nur da, hörten uns Erfahrungen von Semestlern über uns an und fragten uns, wie wir das alles schaffen sollten.


Als der Tag der Prüfung anstand, waren wir eigentlich nur erleichtert: so oder so würde es heute erst einmal vorbei sein. In den Nächten davor hatte ich schon an meinem Plan B gearbeitet und sah mich bei meiner Freundin in Kanada einziehen, als ich in den Mikroskopiersaal in der Anatomie eintrat. Mein Kopf war leer und ich musste mich erstmal fassen und realisieren, dass ich kurz vor meiner mündlichen Physikumsprüfung stand. Wieder einmal war die Zeit so schnell an mir vorüber gezogen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch nicht mal verarbeitet, dass ich die schriftliche höchstwahrscheinlich schon bestanden hatte.
Als ich den ersten Blick in mein Mikroskop warf, musste ich mich erstmal zusammen reißen nicht laut loszulachen. Ich war wirklich knapp davor. In der nächsten Sekunde wollte ich dann anfangen zu weinen. Wieder eine Sekunde später war ich kurz davor aufzustehen und zu gehen. Ich hatte ja schon erwähnt, dass ich Hilfskraft in der Histologie war und mir deshalb weniger Sorgen gemacht hatte, das Präparat nicht zu erkennen. Eines gab es allerdings, was mich in der Vorbereitung rasend gemacht hatte. Ich hatte fünf Minuten in das Mikroskop gestarrt und das Präparat nicht erkannt. Es war ein Präparat von braunem Fettgewebe gewesen. Und dreimal darfst du nun raten, welches Präparat mir entgegen lachte. Immerhin hatte ich es darum sofort erkannt, war nur ratlos, was ich dazu aufschreibe sollte. Aber ich riss mich zusammen und wartete nur gespannt, was mein Prüfer für Fragen für mich vorbereitet hatte. Ja, in dem Moment war ich nur noch gespannt. Wieder einmal wusste ich, dass passieren wird, was passieren muss.
Ich will inhaltlich nicht weiter auf meine mündliche Physikumsprüfung eingehen, aber ich erläutere kurz das Prozedere in Marburg, damit du dir die Situation vorstellen kannst. Nach einer halben Stunde Vorbereitungszeit warten die drei Prüfer in den Seminarräumen der Anatomie auf dich. Hände werden geschüttelt, du wirst gefragt, ob du bereit bist, die Prüfung abzulegen. Danach werden die Prüflinge nacheinander meist in der Reihenfolge Anatomie, Physiologie und Biochemie abgefragt. Dazwischen empfehle ich sehr, den Vorschlag einer Pause anzunehmen und kurz rauszugehen um Durchzuatmen. Du merkst schon, Pausen sind mir sehr wichtig.
In dem Moment als der Prüfungsvorsitz nach vier Stunden zu unserem Erfolg gratulierte, fiel so eine Last von unseren Schultern, dass wir anfingen zu weinen. Ich habe noch nie zuvor aus Freude geweint. Dieses paradoxe Verhalten spiegelt nur zu gut wider, wie sehr auch die Psyche auf eine dermaßen große Anspannung reagiert.

 

5. Es ist vollbracht

Am Ende bestand ich das Physikum nicht mit der Bestnote, aber hatte ich doch trotzdem während der Lernphase noch ein Leben gehabt! Das ist mir viel wichtiger. So oft wurde mir aber auch berichtet, dass ein Vollstudienplatzinhaber selten bis nie nach seiner Physikumsnote gefragt wird. Ich hab das Physikum in Regelstudienzeit bestanden, allein darauf kann man schon sehr stolz sein. Das Gute an einem frühen Prüfungstermin ist auf jeden Fall, dass mir nun sechs freie Wochen bleiben, um mich nach der stressigen Zeit zu erholen.
Ich hoffe, ich konnte dir einen guten Einblick in meine Physikumszeit geben und du kannst diesen Artikel als Anfangspunkt für die Recherche deiner eigenen Lernstrategie nehmen.
Viel Erfolg beim Physikum!

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