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  • Sarah Gruninger
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  • 07.03.2018

Hoch- und Tiefpunkte während der Marburger Vorklinik

Sarah hat drei Kommilitonen zu ihren größten Ups und Downs während den ersten drei Semestern an der Uni Marburg befragt.

© Georg Thieme Verlag

Greta*

UPS:

1. Der Tag an dem die Zulassung im Briefkasten lag
„Oh man, war das ein Tag“, sagt Greta zu mir. Auch ich erinnere mich noch gut. Meine Zusage kam erst Ende September und die Wartezeit war grausam. Die Frage: „Was mache ich, wenn ich keine Zusage bekomme?“, spukte mir andauernd im Kopf herum. Und dann endlich die E-Mail, die alles veränderte und mir die Tür zum Medizinstudium öffnete!

2. Zusage vom Stipendium
Wie hinreichend bekannt ist, leidet ja eigentlich jeder Student an Geldnot. Greta hatte das Glück, ein Stipendium von der „Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung“ zu bekommen, weil sie zwei Jahre Berufserfahrung als MTA hatte und im Auswahlgespräch überzeugte. Ihr Tipp: „Bewirb dich überall! Jährlich werden viele Stipendien gar nicht vergeben, weil die Leute denken, sie werden sowieso nicht genommen.“

3. Eine gute WG gefunden zu haben
Das ist in Marburg nämlich gar nicht so einfach. Und auch generell: „Wie soll man in einem maximal 20-minütigen Gespräch herausfinden, ob man mit der Person Küche und Bad teilen möchte, ob sie putzt oder wie sie putzt und ob man wirklich Lust hat, sie jeden Tag zu sehen?“

DOWNS:

1. Die erste nicht bestandene Klausur
„Das war ein bedrückendes, enttäuschendes Gefühl“, berichtet Greta. Man lernt viel und gibt sich alle Mühe und doch passiert es schneller als man denkt, eine Klausur nicht zu bestehen. Vor allem für Medizinstudenten ist das schwierig: Sie sind es aus Schulzeiten nicht gewohnt, dass ihre Leistungen nicht ausreichen. „Da ist man erst mal traurig, darf aber den Kopf nicht hängen lassen und sollte es als Chance ansehen, den Stoff beim nächsten Mal umso besser zu beherrschen.“

2. Praktika, die nichts bringen
Das Chemiepraktikum findet in Marburg alle drei Wochen samstags statt. „Leider wurden oft andere Themen und in einer anderen Reihenfolge im Praktikum verwendet, als sie in der Vorlesung thematisiert wurden." Dafür die Wochenendplanung herzugeben, macht keiner gern. "Ein Praktikum an sich ist bestimmt hilfreich, aber dann auch so, dass es für die Klausur und das Verstehen des Stoffes hilft!“

3. Das Sozialleben aufgeben und nur noch fürs Studium leben
Klausurenphasen sind hart, das findet wahrscheinlich jeder Student. „Leider muss man in solchen Zeiten seine Freizeitaktivitäten hinten anstellen und den ganzen Tag lernen. Wenn dann noch der Prüfungsdruck dazu kommt, muss man aufpassen, dass man nicht durchdreht.“

Steffen*

UPS:

1. Der Bafög Bescheid
Nicht nur ein Stipendium ist eine gute Möglichkeit, die Kasse aufzupeppen. Steffen hat sich direkt am Anfang des Studiums für Bafög beworben. Allerdings dauerte es ein halbes Jahr bis der Antrag bewilligt wurde. Das Geld wurde ihr aber für das vergangene halbe Jahr ausgezahlt. „Ein tolles Gefühl!“, berichtet er.

2. Die erste erfolgreiche Klausurenphase
In Marburg warten direkt sieben schriftliche Prüfungen und eine mündliche Prüfung in Anatomie auf die Erstsemester. "Das ist erst mal ein Schock, aber wenn man die Zeit durchlebt auch noch alles bestanden hat, fällt der ganze Stress ab und man kann sich einfach nur freuen.“ 

3. Die Medimeisterschaften
Jeder Medizinstudent kennt die Medimeisterschaften! Jährlich treffen sich Tausende Medizinstudenten auf einem riesigen Platz und treten im Fußball und Beachvolleyball gegeneinander an. „Eins der besten Festivals auf denen ich je war. Die Medizinstudenten können auf jeden Fall feiern!“, berichtet Steffen euphorisch. 

DOWNS:

1. Anatomie lernen im 3. Semester
„Das dritte Semester ist in Marburg schlimmer als das Physikum.“ So wurden wir von unseren Tutoren auf das Semester vorbereitet. Und tatsächlich war es kein Zuckerschlecken. Neben dem ständigen Anatomie lernen, mit dem man schon im Oktober anfangen sollte, standen Biochemie und Physiologie-Testate auf dem Plan. „Viel Zeit für Freizeit blieb nicht. So interessant Anatomie auch ist, war ich froh, als Weihnachten war und die Anatomieprüfung überstanden.“

2. Mündliche Prüfungen
„Ich werde schnell nervös, wenn der Prüfer mich streng anschaut. Mir fällt es leichter, schriftlich Auswahlmöglichkeiten zu haben und auf eine Frage nicht sofort antworten zu müssen.“ In Marburg steht jedes Semester eine mündliche Prüfung in Anatomie/Histologie an.

3. Anwesenheitspflicht in allen Seminaren
„Ich verstehe, dass in Praktika wichtiges Wissen vermittelt wird und die Ressourcen eingeplant werden. Aber in vielen Seminaren und Praktika darf man einfach nie fehlen“, beschwert sich Steffen. „Ist es nicht normal, dass man auch mal krank ist?“ Oft hat man nur einen Fehltermin, aber das Seminar findet öfter in der Woche statt. Man geht also davon aus, dass man nicht länger als ein, zwei Tage nicht funktionsfähig ist. Außerdem muss ein Ersatztermin mit dem sonstigen Stundenplan übereinstimmen und gerade im letzten Semester war das schwer umsetzbar. Ich habe bei vielen Kommilitonen mitbekommen, dass sie sich krank in die Uni geschleppt haben, weil es vor allem am Ende des Semesters bedeutet hätte, dass sie den Kurs sonst hätten wiederholen müssen. „Manchmal wird man schon neidisch, wenn man sich Studiengänge ansieht, wo es nie Anwesenheitspflicht gibt. Vor allem bei Seminaren sollte jeder selbst entscheiden können, ob die Anwesenheit wirklich beim Lernen hilft.“

Nadine*

UPS:

1. Viele neue Freunde gewonnen haben
Für ein Studium in eine neue Stadt zu ziehen, bedeutet erst mal die alten Freunde und Gewohnheiten hinter sich zu lassen und alleine neu durchzustarten. „Als ich am ersten Tag nach Marburg kam, habe ich mich schon ein wenig allein gefühlt. Man kennt ja keinen und findet sich noch nicht so gut zurecht. Aber sobald der erste Tag des Studiums begann, traf ich viele Menschen, denen es genau so ging! Schnell habe ich meine jetzigen Freunde getroffen und bin sehr froh, dass aus Bekanntschaften Freundschaften geworden sind, die hoffentlich auch übers Studium hinweg andauern werden.“

2. Sommer in Marburg
„Als ich nach den ersten Semesterferien wieder nach Marburg kam und mich die ersten Frühlingssonnenstrahlen trafen, merkte ich, wie schön diese Stadt ist“, erzählt Nadine mit einem Lächeln. Und wirklich: Die Stadt ist ab Mitte April wie verändert. Mit den ersten wärmenden Strahlen füllen sich die Wiesen an der Lahn und die Studenten kommen aus ihren Wohnungen. Nadine genießt die sonnigen Tage vor allem im Ufercafe bei einem erfrischenden Eiskaffee.

3. Erworbenes Wissen praktisch anwenden
Möchte man als Student nicht mit leeren Taschen da sitzen, kann man natürlich selbst etwas dagegen unternehmen und arbeiten gehen. Nadine ist ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin und bewarb sich deshalb bei PflegeParat des DRK in Marburg. Am Wochenende und an ihren Uni-freien Tagen wird sie auf den Stationen eingesetzt, die gerade Engpässe im Personal haben. „Das ist eine gute Möglichkeit schon mal das Klinikum kennenzulernen“, und: „Ich kann mein Wissen aus Anatomie oder Physiologie in der Praxis anwenden, erweitern und besser abspeichern, wenn ich etwas live gesehen habe.“

DOWNS:

1. Wenn die Busse im Winter streiken
„Als wir alle nach den ersten Weihnachtsferien nach Marburg wieder kamen, waren wir ganz schön geschockt, weil keine Busse mehr fuhren“, berichtet Nadine. Und das ist in Marburg wirklich ein Problem. Für Biologie, Chemie und Soziologie-Seminare müssen die Medizinstudenten nämlich zu den Instituten auf den Lahnbergen fahren. Hoch laufen ist einer Wanderung gleichzusetzen und wer möchte schon völlig verschwitzt im Praktikum erscheinen? „Als die Busse gestreikt haben – und es war auch noch Winter – mussten wir alle zusammen arbeiten und haben Fahrgemeinschaften gebildet. Das hat meistens funktioniert, aber ich war trotzdem froh, dass nach zwei Wochen eine Lösung mit den streikenden Busfahrern gefunden wurde.“

2. Angst vor der Zeit 'nach dem Physikum' als Teilstudienplätzlerin
Nadine ist eine von 150 Studenten in Marburg, die vor einem Jahr zu einem Teilstudienplatz zugelassen wurden. Für sie ist ungewiss, wo sie nach dem Physikum studieren wird. „Ich weiß nicht, ob ich wie die vielen anderen letztes Jahr nach Rostock gehen werde oder warten muss, bis ich über die Wartezeit reinkomme.“ Auch ihre Freunde und WG zu verlassen wird Nadine schwer fallen. So gesehen ist der Teilstudienplatz ein Segen - aber auch ein wenig Fluch.

3. Die missglückten Versuche, klinische Inhalte mit in die Vorklinik zu integrieren
„Wenn sie schon Klinik lehren, dann richtig umgesetzt!“, sagt Nadine. Als Gesundheits- und Krankenpflegerin, die schon Jahre im Krankenhaus gearbeitet hat, weiß sie mehr als die meisten Studenten ohne Erfahrung. Sie findet es gut, dass Versuche gestartet werden, die angehenden Ärzte schon früh auf das spätere Berufsleben vorzubereiten. Allerdings geschieht dies in Marburg nur ansatzweise und unstrukturiert. „Im Anatomie-Seminar wurden wir auf die Lahnberge geschickt, um uns Vorträge von Ärzten anzuhören, die oft nicht über unseren Wissensstand informiert waren und vom Thema abgekommen sind. Im Biochemie-Labor dürfen wir zwar Messungen und Versuche durchführen, die auch im Klinikalltag angewendet werden, allerdings fehlte hier oft die Erklärung, wie es normalerweise gemacht wird. Klar, verstehe ich, dass manche der durchführenden Dozenten selbst noch nie in der Klinik waren, aber die Studenten könnten dann eine falsche Vorstellung bekommen.“

*Namen von der Redaktion geändert

 

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