• Interview
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  • Ida Reinhold
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  • 24.04.2017

Von Heftchen und Krebszellen – Ein Nobelpreisträger im Gespräch

Nur wenige Menschen kommen so weit, dass ihnen der Nobelpreis verliehen wird. Herr Professor zur Hausen hat dies geschafft. 2008 wurde ihm der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin zuerkannt. Und zwar mit einem Thema, dass Menschen in unglaublich vielen Bereichen des Lebens begegnet: Krebs. Was ihn an der Forschung so fasziniert, welche emotionale Bedeutung der Nobelpreis für ihn hat und welche Rolle ein kleines Heftchen namens Lux-Lesebogen spielte, verrät er mir im Interview.

Lokalredakteurin Ida hat Prof. Harald zur Hausen in Heidelberg zum Interview getroffen. © Ida Reinhold

> Herr Professor zur Hausen, können Sie mir in einfachen Worten erklären, welche Arbeit Sie zum Nobelpreisträger gemacht hat?

Ja, meine Arbeitsgruppe und ich konnten die humanen Papillomviren identifizieren und charakterisieren, die bei Gebärmutterhalskrebs eine ganz zentrale Rolle spielen - die ihn auslösen.

> Was war das Besondere an dieser Forschung?

Wir haben zehn Jahre lang daran gearbeitet, die Viren zu isolieren. Es war mühselige Arbeit bis wir nachweisen konnten, was wir vorher schon postuliert hatten. Parallel wurde die Schutzimpfung gegen Gebärmutterhalskrebs entwickelt. In den 70er Jahren liefen die ersten klinischen Versuche an und 2006 ist sie in den meisten Ländern lizensiert worden.

> An der Therapeutischen Impfung wird gearbeitet. Was ist da das große Problem?

Bis heute wird daran geforscht, jedoch ohne durchgreifenden Erfolg. Krebszellen, die das Erbgut von diesen Viren beinhalten, haben auf der Oberfläche kaum oder nicht erkennbare Proteine, die aus dem Virusgenom abgeleitet sind und die das Immunsystem nicht erkennt. Schutzimpfungen, die therapeutisch wirksam sind, wären etwas ganz Besonderes. Das ist im Moment nicht machbar, vielleicht in der Zukunft. Aber da wage ich keine Vorhersagen.

> Bevor Sie in die Forschung gingen, haben Sie Medizin studiert. Wussten Sie von Anfang an, dass Sie in die Forschung gehen möchten?

Ja, eigentlich wusste ich das schon lange. Bei Kriegsende war ich neun Jahre alt und es kamen erste Broschüren heraus. Die Militärregierung hatte wieder genehmigt, dass bestimmte Themen von der deutschen Jugend gelesen werden durften - Lux-Lesebogen hießen die kleinen Heftchen. Die haben 20 Pfennig gekostet. Die Geschichten über Robert Koch und Louis Pasteur habe ich mit Begeisterung verschlungen und ab dem Punkt war mir klar: Das mache ich auch.

> Viele Wissenschaftler träumen vom Nobelpreis. War das auch Ihr Traum?

Eigentlich nicht. Jeder Wissenschaftler freut sich darüber. Ich kenne keine Ausnahme, mich eingeschlossen. Aber was mich getrieben hat und was mich jetzt nach dem Nobelpreis noch intensiver treibt, ist die Neugier. Ob wir nicht doch noch mehr Krebserkrankungen und Autoimmunerkrankungen, neurologische und chronische Erkrankungen mit Infektionen in Verbindung bringen können. Je mehr wir wissen, desto besser können wir Prävention betreiben.

> Wissen Sie noch, was sie gemacht haben, als sie vom Nobelpreiskomitee angerufen wurden?

Ja, das weiß ich noch genau. Es war der 6. Oktober. Ich habe am Computer gesessen und an Manuskripten getippt. Eigentlich wurde ich gebeten bis um halb zwölf niemanden zu informieren, weil da die offizielle Verkündung raus gehen sollte. Aber ich habe meine Frau angerufen - vor halb zwölf. Die saß im gerade abhebenden Flugzeug nach Buenos Aires. Die Stewardess stand neben ihr und wollte sie am Telefonieren hindern, aber meine Frau sagte: „Mein Mann hat den Nobelpreis gewonnen.“ Dann durften wir weiter reden.

> In ihrer Nobelpreisrede haben Sie Ihre 3-jährige Enkeltochter erwähnt, die anfing zu weinen, weil sie auch einen Nobelpreis wollte. Woher kommt diese unglaubliche Bedeutung, dass sogar kleine Kinder den Preis schon kennen?

Kein Preis hat mehr Ansehen. An Geld haben andere mehr, aber an Ansehen nicht. Er ist einem sehr rigiden Begutachtungsverfahren unterworfen. Man versucht, die Wissenschaftler zu selektionieren, die etwas Neues in die Wissenschaft erreicht haben. Du musst durch die drei Stufen der Auswahl kommen, aus mehr als 1000 Vorschlägen unter die letzten sechs Kandidaten gelangen, aus denen dann am Montag der Entscheidung der Preisträger gekürt wird. Und das läuft so seit mehr als 100 Jahren.

> Wenn ein Student zu Ihnen kommt und den Nobelpreis als Traum hat, was würden Sie Ihm raten?

Du musst immer weiter machen, hart arbeiten und von deiner Arbeit überzeugt sein. Außerdem brauchst du ein originelles Thema, gut studierte Literatur und letzten Endes gehört auch ein gewisses Rückgrat dazu, denn Rückschläge gibt es immer. Ich bin aus Westfalen, da sagt man, die Leute sind stur und geben nicht so leicht auf. Vielleicht ist das einer der Gründe.

> Die Forschung steht nicht still. Wird es schwieriger, heutzutage den Preis zu gewinnen?

Das glaube ich nicht, die Probleme sind dieselben. Ein Beispiel: Man nimmt einen begabten Studenten, der motiviert und ehrgeizig ist. Er sollte sich am besten während seiner Promotion schon einer sehr guten Gruppe anschließen, um publizieren zu können. Das Problem daran: Viele bleiben danach in dem Gebiet der Mentoren. Es entsteht in der Forschung eine Säulen-Landschaft. Bestimmte Themen werden bearbeitet, die rechts und links der Säulen werden vernachlässigt. Ich nenne das wissenschaftliche Inzucht. Ich war nach dem Medizinalassistent vier Jahre in einem Institut für Mikrobiologie in Düsseldorf und habe mich gefragt: Was soll ich hier? Ich konnte machen, was ich wollte, Geld war da. Ich hatte ein paar verrückte Ideen und wenn ich sie vortrug, hieß es:“ Klingt gut, mach das mal.“ Ich habe es gehasst, keine Anregungen und Gesprächspartner zu haben. Retrospektiv betrachtet war diese gedankliche Freiheit sehr wichtig. Das wünsche ich der Jugend: Zwei Jahre lang mal den eigenen Ideen nachgehen zu können.

> Gab es mal ein Punkt, an dem Sie nicht weiter machen wollten?

Ich hatte gerade eine hektische Zeit in der Gynäkologie hinter mir. Es hatte mir Spaß gebracht. Nun war ich im öden Institut in Düsseldorf und hatte alle Freiheiten. Ich habe Bewerbungen geschrieben und der Direktor der Pädiatrie hat mich nach Freiburg eingeladen. Der Direktor hatte den Termin vergessen. Also fuhr ich weiter nach Basel. Das gleiche Spiel nochmal, der Chef nicht erreichbar. Ich wollte nicht aufgeben und fuhr weiter nach Bern, wo mich der Chef empfangen, auf Visite mitgenommen und mir ein Stellenangebot gemacht hat. „Sie bräuchten aber ein Stipendium, da Sie kein Schweizer Bürger sind“, sagte er und gab mit die Adresse eines Direktors einer Stiftung. Ich schrieb ihn an. Drei Monate lang kam keine Antwort. Dann die Nachricht: Es gab ein solches Stipendium gar nicht. Mittlerweile hatte ich mich an das Institut in Düsseldorf gewöhnt.

> Sie haben eine halbe Million Preisgeld bekommen. Was ist daraus geworden?

Wir wohnen im Odenwald, ca. 30 Kilometer vom Institut in Heidelberg entfernt. Der Weg ist beschwerlich, besonders mit dem Älterwerden und abendlichen Terminen. Also haben wir einen Teil des Geldes in eine kleine Zweitwohnung in Heidelberg investiert. Das hat meiner Forschung gut getan. Ich bin schneller im Institut und für meine Mitarbeiter besser zu erreichen.

> Was wäre ohne den Preis in Ihrem Leben anders gelaufen?

Mein Leben wäre ruhiger. Nicht so viele Interviews (lacht). Gerade in den ersten zwei Jahren nach der Verleihung habe ich eine Flut von Emails bekommen: Einladungen zu Veranstaltungen. Reporter. Freunde, die um Befürwortungen baten. 2008 wurde ich gefragt: „Wird sich Ihr Leben ändern mit dem Preis?“ Ich antwortete: „Nein, alles bleibt wie vorher.“ Das war Schwachsinn. Es ist gar nicht möglich.

> Haben Sie als Student daran geglaubt, dass Sie mal den Nobelpreis gewinnen könnten?

Jetzt kommt eine etwas alberne Geschichte. Als ich 16 Jahre alt war, waren mein neun Jahre älterer Bruder und ich auf einer Wanderung. Dabei hat er ein Foto von mir gemacht und darunter geschrieben: Da sitzt der zukünftige Nobelpreisträger. Ich habe wohl etwas gesagt, an das ich mich heute kaum noch erinnern kann: „Ich bin jetzt 16, mache in Kürze mein Abitur, studiere Medizin und bekomme dann den Nobelpreis.“ Also offenbar habe ich daran geglaubt.

> Inwiefern ist der Gewinn planbar?

Ist er nicht. Manche haben einen tollen Einfall und damit Glück. Aber fast alle anderen mussten hart dafür arbeiten. Ich habe immer hart gearbeitet. Ich musste mir das Studium selbst finanzieren, da ich der Jüngste von drei studierenden Brüdern war. Nach dem Physikum ging das besser, weil ich gut abgeschlossen hatte und Stipendien bekam.

> Gerade Medizin ist ja nicht das einfachste Fach dafür oder?

Richtig. Dazu hatte ich noch den verrückten Einfall, nebenbei Biologie zu studieren. Das habe ich sieben Semester durchgehalten, aber man musste viele Praktika nebenbei machen: Zoologie, Botanik und Chemie. Dann gab es eins für Mikrobiologie mit sieben Plätzen - wir waren aber acht Leute. Als ich erwähnte, dass ich auch Medizin studiere, sagte der Direktor: „Was für ein Quatsch - Sie sind raus.“ Ich war frustriert. Aber er hatte wahrscheinlich Recht.

> Wie wichtig halten Sie den Auslandsaufenthalt für eine Forschungskarriere?

Für mich war er sehr wichtig. Mein Englisch war vorher katastrophal. Ich konnte kaum einen vernünftigen Satz herausbringen. Ich brauchte drei bis sechs Monate, damit ich mich richtig gut unterhalten konnte. Man muss auch die Mentalität in anderen Laboren kennenlernen. In Amerika hatte ich Glück, denn ein Jahr zuvor wurde in England das Epstein-Barr-Virus entdeckt und die Zellkulturen nach Amerika geschickt. So konnte ich gleich an den ersten menschlichen Tumorviren arbeiten. Das hat mir viel Spaß gemacht.

> Wer war die prägendste Person in Ihrer Forschungskarriere?

Meine Eltern waren sehr aufgeschlossen. Mein Vater musste sein Landwirtschaftsstudium abbrechen, da der 1. Weltkrieg alles durcheinander brachte. Meine Mutter war immer schon medizinisch interessiert, hatte es aber nie studiert. Sie haben meine Ausbildung stark gefördert. Aber was mich wirklich motiviert hat, das waren diese Heftchen. Diese Heftchen über Robert Koch und Louis Pasteur und die anderen Forscher. Als ich zehn Jahre alt war und über sie gelesen habe. 

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