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  • Celine Röder
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  • 07.04.2020

Allein zwischen Leichen? Das erwartet dich im Präpkurs

Über den Anatomie-Kurs gibt es zahlreiche Klischees. Welche davon sind wahr, welche nicht?

 

„Endlich haben wir es geschafft!“ dachten wir uns wahrscheinlich alle zu dem Zeitpunkt, als wir den Bescheid zur Zulassung zum Medizinstudium in den Händen hielten. Doch was uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst war, ist die Fülle an Herausforderungen, die uns noch bevorstanden. Allem voran: der Präparierkurs, auf den die angehenden Medizinstudierenden der LMU gleich zu Beginn des ersten Semesters treffen. Um uns die Angst zu nehmen, erzählten Tutoren in der Erstiwoche von ihren eigenen Erfahrungen und Anekdoten – mit mäßigem Erfolg.

Schon vor Beginn der offiziellen Vorlesungen holten wir unser Präparierbesteck und den weißen Kittel. Der darauffolgende Streifzug durch die anatomische Anstalt löste jedoch schnell bei einigen Unruhen aus. Im ersten Stock eilte der Geruch dem Präpariersaal schon voraus und vor den großen Flügeltüren stehend fragten wir uns, was uns dahinter erwarten würde. Viele fantasievolle Szenarien wurden untereinander ausgetauscht. Nach einem Semester Präparieren kann ich nun beantworten, ob wirklich etwas an den „Horrorgeschichten“ dran ist oder die meisten doch nur Klischees sind.

 

Der Geruch im Präpariersaal ist nicht auszuhalten.

 

Der Geruch ist sehr anders als alles, was ich vorher je gerochen habe. Die einen beschreiben ihn eher stechend, andere eher als leicht süßlich. Wichtig zu wissen ist, dass es sich dabei nicht um den Verwesungsgeruch der Körperspender handelt. Stattdessen ist es das Formaldehyd oder Formalin, das zur Fixierung und Konservierung der Körperspender eingesetzt wird. Auch wenn es zu Beginn des Kurses schien, als könnte man den Geruch niemals ausblenden – es ist wie immer Gewöhnungssache. Nach den vielen Stunden im Saal, tief fokussiert auf das Präparieren und die anatomischen Strukturen, rückt der Geruch in den Hintergrund. Für die Geruchsempfindlichen lässt sich der Gebrauch von Tigerbalm absolut empfehlen – ein bisschen unter die Nase gerieben und das Einzige was du noch riechst, ist die starke Minze.

 

Jeder wird mindestens einmal ohnmächtig.

 

Dieses Gerücht hält sich wohl am hartnäckigsten von allen. Auch ich habe anfangs Bilder vor Augen gehabt, bei denen ich den Körperspender zum ersten Mal sehe und mir kurz darauf schwarz vor Augen wird. Bei mir hat es sich allerdings nicht bewahrheitet und auch der Großteil meiner Kommilitonen musste damit keine Erfahrungen machen. Dennoch stimmen die Dozenten ihre Studenten nicht umsonst darauf ein, sofort Bescheid zu sagen, falls einem schwindelig oder übel wird – auf steinernen Fußboden zu fallen ist sicher nichts, was man erleben möchte. Klar ist aber auch, dass es völlig normal ist, sich unsicher und ein bisschen wackelig auf den Beinen zu fühlen. Einen Moment Abstand zu halten oder nach draußen zu gehen ist auch kein Grund sich zu schämen. Es ist nun mal eine ganz besondere Situation, mit nichts gleichzusetzen, weshalb es auch jeden noch so hart gesottenen treffen kann.

 

Die mündlichen Prüfungen sind absoluter Psychoterror.

 

Die Anatomie wird in München über den Zeitraum von eineinhalb Semestern an fünf mündlichen Testaten abgeprüft wird. Dabei werden das Erste sowie das Letzte jeweils vom Dozenten des eigenen Tisches abgenommen, die anderen drei erfolgen rotierend. Das kann man sich ungefähr so vorstellen, dass eine bestimmte Studentenanzahl für eine Stunde eingeteilt wird und sich dann alle gemeinsam versammeln. Dann stellt man sich in einer Reihe an und wird jeweils vom nächstfreien Prüfer zum eigenen Tisch mitgenommen und daran geprüft. Was das für die Studenten bedeutet: keinerlei Planungsmöglichkeit bestimmten Stoff tiefer zu lernen und anderen wegzulassen, da natürlich jeder Prüfer andere Lieblingsthemen hat.

Dazu kommt noch die Angst auf einen der Prüfer zu treffen, dem besonders schwierige oder sogar unfaire Prüfungen nachgesagt werden. Durchaus eine sehr nervenaufreibende Situation.

 

Dennoch kannst du mit einer ausreichenden Vorbereitung und dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und das eigene Wissen die Prüfungssituation deutlich angenehmer gestalten. Nervosität ist völlig normal und auch ein gesunder Ansporn die Leistung abliefern zu wollen, trotzdem ist es die halbe Miete, wenn du einen kühlen Kopf bewahren kannst. In unserer zweiten Prüfung, dem Bewegungsanatomietestat, bin ich genau an den Prüfer geraten, den ich eigentlich vermeiden wollte. Seine Prüfungen waren als sehr physikalisch-mechanisch bekannt. Das passte beim Bewegungsapparat mit allen Gelenken natürlich wie die Faust aufs Auge. So lief es tatsächlich auch in der Prüfung: nicht die üblichen voraussehbaren Fragen, sondern sehr funktionell orientierte, die mich wirklich zum Nachdenken gebracht haben. Dennoch war es im Nachhinein gesehen die beste Prüfung. Die nette Art des Prüfers und sein Wille, mit mir zusammenarbeiten, haben die Situation sehr entspannt und mir die Nervosität genommen.

Was ich daraus gelernt habe: nicht mit bestimmten Ansichten in die Prüfung gehen, sondern die Situation entspannt auf mich zukommen lassen. Schlussendlich kommt es sowieso anders als man es sich erhofft hat.

 

Das waren die wohl gängigsten Angstvorstellungen, die in Bezug auf den Präparierkurs bestehen. Glücklicherweise ist es wirklich mehr heiße Luft, anstatt feste Tatsachen.

 

Der vielleicht wichtigste Tipp für angehende Medizinstudierende: ihr steht dem nicht alleine gegenüber, viele andere Studierende durchleben genau dasselbe, ihr könnt euch über die unterschiedlichen Erfahrungen austauschen und einander Mut machen – und das bestärkt vielleicht viel mehr als die Aussage, dass ihr euch keine Sorgen machen müsst. 

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